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Mit einem Hauch Wehmut

Eine Ära geht zu Ende: Bisherige Organisatoren verabschieden sich beim 20. Schulzirkustag

Es wird fast sein wie immer: Beim 20. Schulzirkustag am kommenden Mittwoch fliegen Keulen durch die Luft, dann lassen junge Artisten Diabolos tanzen, jonglieren mit Tellern und drehen Pirouetten auf dem Einrad. Dennoch liegt über dem Tag „ein Hauch von Wehmut“, so Mitorganisator Eberhard Kohler. Das bisherige Team übergibt die Verantwortung an Bärbel König und Barbara Waidmann von der Tübinger Pestalozzischule.

21.04.2016
  • Ute Kaiser

Kreis Tübingen / Reutlingen. Überdruss? Kein bisschen! „20 ist eine Zahl, an der man sich orientieren kann, wir hören nicht auf, weil wir es satt haben“, sagt Gudrun Märkle, die Direktorin des Zirkus „Nehrondo“. Wenn das Organisationstrio über den Schulzirkustag spricht, fallen ihm viele Geschichten ein. Etwa die von Roland Stephans 34 Jahre altem VW-Bus, der inzwischen ein Oldtimer-Kennzeichen hat und auffällt, weil er mit Kamelen bemalt ist. In ihm transportiert der Lehrer seit 20 Jahren Bodenmatten, Einräder, Lauftrommeln und Leitern zum Schulzirkustag. Oder die von einer Panne, die dem Orga-Team im zehnten Jahr den Atem stocken ließ. Eine Schülerin legte sich wie ein Fakir auf ein Nagelbrett. Während dieses Programmpunkts fiel der Strom im Zelt am Anlagensee aus. Jemand hatte den Hauptstecker gelockert. Das kann in einer Live-Schau passieren. Die Artistin zog ihre Nummer dennoch professionell durch.

Nicht nur in derartigen Extremsituationen sind „die Kinder auf sich angewiesen und müssen improvisieren“, sagt Gudrun Märkle. Die 61-jährige Heilpädagogin gehört seit 2003 zum Team und achtet darauf, „dass Bilder entstehen“, sagt Eberhard Kohler. Der Schulzirkus soll kein Zirkussport sein. Die Aufführung soll ihre eigene Poesie entfalten. Obwohl die Schulen getrennt trainieren, legt Märkle Wert auf Gestaltung und Atmosphäre vom ersten Auftritt bis zum Schlussapplaus: „Das Programm braucht Höhepunkte und Steigerungen“, sagt sie.

Im Clownworkshop kennengelernt

Kohler (58) und Stephan (61) sind die Gründergeneration des Schulzirkustags. Sie kennen sich aus einem Clownworkshop in Stuttgart, sind ein eingespieltes Team und längst Freunde geworden. Stephan wechselte 1992 aus Nürtingen an die Hauptschule Innenstadt (HSI) in Tübingen und richtete eine Jonglier-Arbeitsgemeinschaft (AG) ein. Zwei Jahre später ging er an die Französische Schule in Tübingen, und Kohler kam an die HSI. Er entwickelte dort die AG zum Zirkus „Molino“ (italienisch für Mühle) weiter – eine Anspielung auf den Standort am Schleifmühleweg. Heute unterrichtet Stephan an der Uhlandschule in Wannweil, Kohler leitet die Weggentalschule in Rottenburg, ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum.

Der Zirkus als pädagogisches Mittel tauchte um 1980 erstmals in der Fachliteratur auf. Rund zehn Jahre später „gab es eine Aufbruchstimmung“, sagt Kohler über die frühen 1990er Jahre. Er und Stephan waren vom Zirkusvirus infiziert. Wenn Kohler mit seiner Familie auf einem Campingplatz Urlaub machte, jonglierte er, wann immer es ging. Stephan legte noch eine Schippe drauf. Wenn er Wasser mit dem Kanister holen wollte, fuhr er stets mit dem Einrad los, um zu üben. Die Camper auf dem Platz in der Bretagne müssen – frei nach Asterix – gedacht haben: „Die spinnen, die Teutonen!“

Das damals noch in Reutlingen ansässige Staatliche Schulamt war sehr aufgeschlossen für das zirzensische Abenteuer – besonders aber Schulrat Horst Erdmann. Im Zirkus könnten Kinder „Primärerfahrungen“ sammeln, Fähigkeiten ausprobieren, ihr Selbstbewusstsein stärken, sagte er bei der ersten Aufführung im September 1996. Auch Stephan ist überzeugt davon, dass „Lernen Bewegung braucht“. Koordination und Ausdauer, die er mit Klassen beim Jonglieren mit Tüchern trainiert hat, kamen den Kindern auch im Unterricht zugute.

Diese Erfahrung hat auch Kohler gemacht. Manche Kinder taten sich zunächst beim Einradfahren oder dem Jonglieren schwer. Wenn sie es dann geschafft hatten, gelang es meist auch, das gute Gefühl zu übertragen – sogar auf das Fach Mathe. Dahinter stehe der Gedanke, „wenn ich ein bisschen übe, kann ich das“, sagt Märkle.

Jedes Kind kann eine wichtige Rolle spielen

Aus ihrer Sicht ist der Zirkus „ideal“ für die unterschiedlichsten Talente. „Jeder kann sein Feld finden“, sagt die „Nehrondo“-Chefin. Der Zirkus biete „jedem Kind die Möglichkeit, eine wichtige Rolle zu spielen“. Das Trio wirft nicht mit Begriffen wie Persönlichkeitsentwicklung und Körperempfinden um sich, wie sie in der Fachliteratur auftauchen. Es erzählt lieber davon, wie still und konzentriert die rund 500 Schüler/innen im Publikum stets waren, wenn die Artisten von der Körperbehindertenschule in Mössingen (die heutige Dreifürstensteinschule) auftraten. Und wie toll der Schlussapplaus für alle Akteure im großen Zelt jedes Mal ist. Da gehe es, anders als bei dem Kick-Turnier, bei dem Stephan gerade mit seinen Schülern war, nicht ums Gewinnen.

Der besondere Zauber des Zirkus bleibt bei den Mitwirkenden haften. Sogar Kohlers Anweisung „sitzen und schweigen“ an alle, die gerade im Training nicht dran waren. Jüngst sprach ihn ein ehemaliger Schüler aus der HSI in der Warteschlange auf dem Jakobusmarkt auf die Zeit im Schulzirkus an.

Beim 20. Schulzirkustag am Mittwoch können rund 110 Kinder und Jugendliche aus zehn Schulen in den Kreisen Tübingen und Reutlingen ihr Publikum begeistern. Eingeladen zur Aufführung sind ihre Klassenkameraden. Kohler freut sich darauf, trotz all der organisatorischen Aufgaben, die mit dem Schulzirkustag verbunden sind: „Es ist jedes Mal wieder toll, wenn das Programm anfängt.“ Anders als früher geht es gleich mit einer Nummer los. Die Reden vom Sponsor Kreissparkasse, die den Schulzirkustag von Beginn an unterstützt, und von einem Vertreter des Staatlichen Schulamts folgen erst danach.

Kohler und Stephan werden in der Nacht vor dem Schulzirkustag zum letzten Mal die Wache im Zelt halten und dort übernachten. Wie immer treten die Schüler/innen im Zelt von „Zambaioni“ auf, das auf dem Derendinger Festplatz in der Nähe des Bahnhofs steht. Die Organisatoren loben die „tolle Zusammenarbeit“ mit dem Kinder- und Jugendzirkus, aber auch mit dem DRK und dem Tübinger Schwimmverein, der die Artisten mit Vesper versorgt. Die 110 Artisten werden hungrig sein, denn allein das Programm dauert fast zwei Stunden.

Lehrer waren Anfang der 1990er Jahr in Aufbruchstimmung

Die Schulzirkus-Bewegung in der Region begann Anfang der 1990er Jahre. Lehrer aus dem Bezirk des Staatlichen Schulamts, wozu die Kreise Reutlingen und Tübingen gehören, taten sich in einem Arbeitskreis (AK) zusammen und bildeten sich in Zirkuspädagogik fort. Vorbild war der „Circus Calibastro“ von der Waldorfschule in Stuttgart-Vaihingen. Motor der Bewegung war Helmut Bachschuster, damals Lehrer an der Pfullinger Uhlandschule, der schon vorher als Clown und Comedian auftrat und seit 2001 freischaffender Künstler ist. Wie es aussieht, wird der AK nicht weitergeführt. Die Schulen seien gerade mit so vielen Neuerungen beschäftigt, dass die Kollegen keine Zeit mehr für zusätzliches Engagement hätten, nennt Eberhard Kohler einen möglichen Grund.

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21.04.2016, 01:00 Uhr

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