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Eine Art Ländle auf indisch
Besuch bei Tata Motors (von links): Verkehrsminister Winfried Hermann, Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Sadeev Sandhu, Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg, und Fritz Kuhn, Stuttgarter Oberbürgermeister. Foto: Ulrich Becker
Wirtschaftsreise

Eine Art Ländle auf indisch

Ministerpräsident Kretschmann besucht das Powerhaus des Subkontinents. Er trifft hier viele Firmen aus Baden-Württemberg.

25.01.2017
  • ULRICH BECKER

Pune. Die Sonne scheint vom smoggetrübten indischen Himmel. In den Produktionshallen von Bosch erläutern indische Ingenieure Ressourcen schonende Konzepte. Vor der Türe laufen ohne Unterlass die Motoren der Busse für die 120-köpfige Delegation aus Baden-Württemberg. Wegen der Klimaanlagen, sonst würde es zu heiß. Indien, ein Land der Gegensätze und Widersprüche.

Gerade auch deshalb besucht Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) mit seinem Tross den Subkontinent. Zwei Minister sind dabei – Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) und Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) – dazu Staatssekretäre, Mitarbeiter aus Ministerien, Professoren aus dem Umweltbereich, Unternehmer, Manager. „Wir wollen die Türen nach Indien öffnen“, sagt Kretschmann.

Es geht dem Ministerpräsidenten und seinen Fachleuten um nachhaltige Stadtentwicklung und innovative Technologien im Maschinen- und Autobau. Dazu ist Maharashtra wie geschaffen. Der Bundesstaat ist das wirtschaftliche Powerhouse, eine Art Ländle auf indisch. Bosch, Mercedes-Benz, etliche Mittelständler und Weltmarktführer – das Who's who der baden-württembergischen Unternehmen produziert dort. Die Zusammenarbeit sollte also ein Kinderspiel sein.

Das sieht Unternehmer Harald Marquardt nicht ganz so. 1996 startete der Autozulieferer aus Rietheim-Weilheim in Mumbai. „Eigentlich müsste der indische Slogan heißen: Wir können alles außer schnell.“ Der Aufbau einer Produktion sei nicht einfach, die indische Bürokratie oft nervenaufreibend und zeitraubend. „Da lernt man die bürokratischen Wege in Baden-Württemberg schätzen“, scherzt er.

Günther Hardrock baut mit dem Biberacher Unternehmen Liebherr Drehkräne in Indien. Auch er sagt: „Manches geht langsamer. Indische Schweißer arbeiten sehr gut – aber es dauert.“ Um einen Zulieferer für den Qualitätsstahl der Liebherr-Kräne zu finden, habe er zweieinhalb Jahre gesucht.

Und dennoch – alle halten an diesem Markt fest. Die Wachstumsmöglichkeiten sind gigantisch. 1,3 Mrd. Menschen leben heute in Indien, 2030 sollen es über 1,6 Mrd. sein. Ein Markt, der sein Potenzial, anders als China, noch lange nicht ausgespielt hat. Bernhard Steinrücke, Geschäftsführer der deutsch-indischen Handelskammer ist überzeugt: „Wachstum ist unvermeidlich!“

Ein Wachstum, das das Land aber auch vor riesige Herausforderungen stellt. Im Jahre 2030 rechne Indien mit rund 140 Mio. Menschen, die zwischen 18 und 23 Jahren alt seien. „50 Prozent davon, so das Ziel der Regierung, sollen dann studieren“, sagt Heike Mock vom Deutschen Akademischen Austauschdienst. 70 Mio. Studenten – für deutsche Ohren eine kaum vorstellbare Zahl. Für Indien eine kaum lösbare Aufgabe. 40 Mio. Studienplätze müssen neu geschaffen werden.

Das Heer junger Menschen ist zugleich der Vorteil des Landes. Zum Beispiel für Mercedes-Benz India. Im Industriepark Chakan produziert der schwäbische Autobauer nahezu sämtliche Modelle. Ein Maybach aus Indien? Ja, sagt Mercedes-Chef Roland Folger. „Wir garantieren unseren Kunden die gleiche Qualität wie bei unseren Autos aus Deutschland.“ Zwar sei der Ausbildungsstandard nicht so hoch, dafür würden mehr Qualitätskontrollen durchgeführt. Bei der Führung durchs Werk bestätigt sich das: Fast ohne Roboterhilfe montieren Arbeiter die Modelle zusammen. Mercedes fast in Handarbeit – aber nur für den indischen Markt. „Export würde keinen Sinn machen“, sagt auch Folger.

Vielleicht wäre der Export von Bussen aus den europäischen Daimler-Werken sinnvoller. Auf über 30 Mrd. EUR wird der Markt für die anstehenden Aufgaben in der Entwicklung der explodierenden Städte Indiens geschätzt. 68 Städte werden 2030 über eine Million Einwohner haben. Die Infrastruktur kann kaum mithalten. „Aber dennoch gehen die indischen Fachleute mit unglaublichem Optimismus an ihre Aufgabe“, ist Verkehrsminister Hermann nach seinem Besuch in der Busleitstelle der Drei-Millionen-Metropole Pune überrascht.

Genügend Gründe für Baden-Württemberg, sich in Indien zu engagieren. Den stichhaltigsten Grund nennt der Ministerpräsident selbst. Es sei wohl wahrscheinlich, sagt Kretschmann, dass der neue US-Präsident Donald Trump auf mehr Protektionismus setze. „Wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Deshalb müssen wir auf andere Teile der Welt als nur Amerika schauen.“

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25.01.2017, 06:00 Uhr

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