Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
„Wilde Nackete“ und schöne Vögel

Eine Brasilien-Ausstellung führt frühe Reiseberichte und Kunst zusammen

Zwei Reisen nach Brasilien unternahm Hans Staden im 16. Jahrhundert. Seine Berichte waren damals Bestseller. Eine Ausstellung im Schlossmuseum erinnert an den Abenteurer – und zeigt dazu Werke eines heutigenVogelmalers aus Brasilien.

15.10.2010
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. Was hat ein Reiseschriftsteller aus der frühen Neuzeit mit einem Maler gemeinsam, der heute auszieht, um die Vögel seiner Heimat zu porträtieren? Nun, beide sind genaue Beobachter, und damit werden sie zu Kronzeugen der Verbreitung und des Verschwindens von Arten.

Der Scharlachsichler zum Beispiel, dieser auffallend rote Vogel mit dem langen, gebogenen Schnabel, wurde von Hans Staden erstmals beschrieben. Raul Cassou, der Maler aus Porto Alegre, begab sich 500 Jahre später eigens nach Nordbrasilien, um den inzwischen bedrohten Vogel aufzuspüren. Seine Bilder rufen dessen Schönheit ins Bewusstsein und sind ein Appell für seinen Schutz.

Der Deutsche wurde zum Schamanen

Hans Staden war der erste Deutsche, der den brasilianischen Urwald bereiste und daheim von seiner großartigen natürlichen Vielfalt (heute: Biodiversität) berichtete. 1548 reiste der Hesse erstmals auf einem portugiesischen Handelsschiff in die neue Welt Südamerika, musste aber bald zurückkehren. 1550 heuerte er auf einem spanischen Schiff an und wollte eigentlich zum Rio de la Plata, landete aber nach einem Schiffbruch weiter nördlich.

Immerhin brachte er es zu einem Büchsenschützen im Dienste des portugiesischen Gouverneurs von Sao Vicente und später sogar zur Residenz in einer wehrhaften Anlage auf einer vorgelagerten Insel im Atlantik. Dort wurde er jedoch 1554 von Ureinwohnern vom Stamm der Tupinambá gefangen genommen. Er sollte getötet und verspeist werden.

Diesem Schicksal entging Staden nach eigener Darstellung durch beständiges Beten. Die Indianer glaubten nämlich, einen Zusammenhang zwischen seinen Gottes-Anrufungen, dem günstigen Wetter und anderen positiven Ereignissen zu erkennen, und hielten ihn deshalb für einen großen Schamanen. So blieb er mit Glück am Leben, obwohl er noch dem Häuptling eines anderen Stammes zum Freundschaftsgeschenk gemacht wurde.

Schließlich wurde Staden von Franzosen befreit und nach Europa zurückgebracht. Als „Pulvermacher und Salpetersieder“ ließ er sich in Wolfhagen bei Kassel nieder und schrieb seine Abenteuer auf. Der Reisebericht „Warhaftig Historia und beschreibung eyner Landtschafft der Wilden Nacketen, Grimmigen Menschfresser Leuthen in der Newenwelt America gelegen“ erschien 1557 in Marburg und war derart erfolgreich, dass sogleich ein Raubdruck gemacht wurde; beide Ausgaben sind im Schlossmuseum zu sehen. Interessant ist, dass der Raubdrucker, dem die Illustrationen des Originals nicht zur Verfügung standen, ersatzweise zu möglichst exotischen Bebilderungen griff. So kommt es, dass in dem Buch ein Elefant und ein Dromedar nach Brasilien verpflanzt wurden.

Die Geschichte und Wirkung von Hans Staden wird auf Deutsch und Portugiesisch in Tafeln erzählt. Den künstlerischen Reiz der Ausstellung steuert Raul Cassous mit seinen feinen Acryl-Studien der Vögel bei. Der 61-Jährige, der zur Ausstellung mit seiner Frau Maria Elisa aus Brasilien angereist ist, wählt als Malgrund verwittertes Treibholz, das er nach Stürmen am Strand aufsammelt und glättet. So erscheinen Pfeif- und Krabbenreiher, Guirakuckuck und Patagonienmöwe auf einem lebendigen Hintergrund und doch wie Preziosen herausgehoben aus ihrer natürlichen Umgebung.

Cassou, der daneben auch ein versierter Glasmaler ist, und seine Frau sind leidenschaftliche Vogelbeobachter und -fotografen. 50 bis 60 Aufnahmen machen sie, ehe der Maler sicher ist, dass er auch jede charakteristische Pose eines Vogels beherrscht. Der Biologe Rainer Radtke vom Brasilien-Zentrum wurde während einer Brasilien-Exkursion auf den Vogelmaler aufmerksam. Nächste Woche wollen sie gemeinsam zur Vogelbeobachtung an den oberschwäbischen Federsee fahren. „In der Nähe eines Sumpfgebiets“, sagt Maria Elisa Cassou, „sind wir vollkommen glücklich.“

Von Hans Staden zur Biodiversität der Vogelfauna

Begleitend zur Ausstellung „Zwei Perspektiven auf Brasilien“ findet am morgigen Samstag im Schloss Hohentübingen ein Symposium statt, das ebenfalls vom Baden-Württembergischen Brasilien-Zentrum an der Uni veranstaltet wird. Die Themen wandern von Hans Staden und Raul Cassou zur Tiermalerei in der Kunstgeschichte und zur Biodiversität der brasilianischen Vogelfauna.

Die Ausstellung im Museum Schloss Hohentübingen ist vom morgigen Samstag, 16. Oktober (während des Symposiums) bis zum 28. November geöffnet, Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr.

Eine Brasilien-Ausstellung führt frühe Reiseberichte und Kunst zusammen
Den Scharlachsichler (hinten ein ausgestopftes Exemplar) porträtierte Raul Cassou (hier beim Ausstellungsaufbau im Schlossmuseum) in verschiedenen Posen. Den Vogel hatte schon der Abenteurer Hans Staden im 16. Jahrhundert beschrieben.Bild: Metz

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

15.10.2010, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball