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Sparen oder nicht sparen

Eine Debatte über die Tübinger Kulturförderung

Sollen auch die Kulturinitiativen ihren Beitrag zum allgemeinen kommunalen Sparen leisten, oder soll‘s ganz ohne gehen? Die Meinungen, wie sie sich am Mittwoch auf einem Podium bündelten, gingen recht weit auseinander.

08.10.2010
  • Wilhelm Triebold

Tübingen. Einen „heißen Herbst“ verhieß Hausherrin Ute Bechtolf der Kulturspardebatte am Ende der Diskussion im Deutsch-Amerikanischen Institut. Der Vorlauf am Mittwoch schien hingegen mitunter etwas lauwarm, bevor es aber doch noch lebhafter wurde. Mehr noch ging ein Lüftchen von vorgezogenem (oder auch nachgeholtem?) Wahlkampf durchs d.a.i. Trafen dort doch Vertreterinnen und Vertreter sämtlicher Tübinger Gemeinderatsfraktionen hauptsächlich auf solche Kulturschaffende, die angesichts der angedrohten Sparpläne stirnrunzelnd die Gretchenfrage stellten: Wie hältst Du‘s mit der Förderung von Kunst und Kultur?

Selbst Michael Lucke, als Statthalter des in Elternurlaub weilenden Oberbürgermeisters plötzlich auch in der ungewohnten Rolle des obersten städtischen Kulturverantwortlichen, räumte zuerst einmal ein, dass sich der Kulturbereich schon vor der Konsolidierung als „nicht besonders gut ausgestattet“ erwiesen habe. „Eine Million mehr“, so der Erste Bürgermeister, „wäre immer noch nicht besonders üppig.“ Und doch verteidigte Lucke die städtischen Sparvorschläge. „Wir haben die Kultur geschont“, befand er.

„Wenn wir nicht sparen, verbauen wir uns die Zukunft“, bekräftigte SPD-Stadträtin Andrea Le Lan.

Die SPD-Fraktion sei „nicht für dauerhafte Kürzungen, vielleicht wird aber das eine oder andere von Dauer sein.“ Um zu wissen, was zu tun sei, brauche man die Kulturkonzeption, die das Kulturamt demnächst vorlegen möchte.

Weitgehend im Schulterschluss dagegen die CDU und die WUT. Während WUT-Rätin Ute Heitkamp den Kulturetat bei sechs Millionen Euro belassen und lieber unter den anderen 200 Millionen des Haushalts weiter nach Überflüssigem graben möchte, sprach sich auch Nebensitzer Albrecht Kühn energisch gegen alle Kürzungen bei kleineren Kultur- und Sozialgruppen aus. OB Boris Palmer, erinnerte Kühn, sei mit den Schwerpunkten Kleinkindbetreuung und energetische Erneuerung angetreten und ziehe das auch konsequent durch. „Ich finde wichtiger, der Kultur nichts wegzunehmen, als die Turnhalle in Waldhäuser-Ost einzupacken oder ein Parkleitsystem zu installieren!“

Dafür erntete Kühn unter den 80 Anwesenden, von denen die meisten der Kulturszene angehören, ebenso zustimmendes Nicken, wie Heitkamp mit Szenenbeifall bedacht wurde, als sie ausrief: „Woanders muss mehr eingespart werden, nicht im Kulturbereich!“ Man solle doch „den Leuten nichts vormachen“, hielt Dietmar Schöning von der FDP dagegen, der den Kulturbereich keineswegs aus den anstehenden Sparberatungen ausklammern will. Doch auch er heimste sich spontanen Applaus ein, als er die vorgeschlagenen Kürzungen bei den Jazzverein als „unverhältnismäßig“ anprangerte.

Ein bisschen war es aber auch ein wohlfeiles Schaulaufen mit der – ursächlich aus dem Kulturamt stammenden – Sparliste im Blick. Denn wohl jede(r) der Anwesenden auf dem Podium wusste, dass es noch einiger Abstriche und Einschnitte bedarf, bis aus über 200 Vorschlägen, auch über den Kulturbereich hinaus, Ergebnisse kommen. Die Linke will sich, so ihr außerparlamentarischer Stellvertreter Michael Schwarz, den Beratungen komplett entziehen. UFW-Mann Dieter Barth, im Gefecht des Kommunalwahlkampfs im Frühsommer 2009 mit der geradezu tollkühnen Forderung nach einer 50-prozentigen Kulturaufstockung aufgefallen, sieht mittlerweile Sparen in allen Bereichen (also auch der Kultur) als „Gebot der Stunde“, was allerdings auf keinen Fall dauerhaft sein dürfe. „Ich möchte möglichst keinen über die Wupper gehen sehen“, erklärte Barth, und: „Wenn wir die Kleinen leben lassen wollen, müssen die Großen stärker bluten!“ Und etwas martialisch schwant ihm Böses: „Es bleibt ein blutiger Abwägungsprozess, und es werden die Fetzen fliegen!“

Im d.a.i war zwischen den Vertretern der Fraktionen, auch gegenüber den Kulturschaffenden, nun zwar noch kein Mediator nötig – eine zurückhaltende Moderatorin (eben Ute Bechtolf) tat‘s auch. Man ging pfleglich miteinander um, disputierte über Sinn und Zweck von Räumlichkeiten wie dem dazugewonnenen „Löwen“ oder dem vielleicht näher rückenden Sudhaus-Ausbau. Gerade letzterer dient Lucke als Versuch, nun stärker vermögende Bürger an Tübingens Kulturförderung zu beteiligen. Aber auch die Stadt wolle, Stichwort Hesse-Museum oder Hölderlinturm, mehr für die jährlich zwei Millionen Tagestouristen aufbieten als „die Blümchen auf der Neckarbrücke“.

„Es gibt genug Menschen, die in Tübingen Geld übrig hätten für Kultur“, hofft auch Andrea Le Lan. Ulrike Heitkamp will das Kulturmarketing verbessert wissen, das die Kulturstadt ebenso präsentieren müsse wie die Fahrradstadt oder „Tübingen macht blau“.

Bei der Frage aus dem Publikum nach der „kulturellen Grundversorgung“ in der Stadt wurde Kulturamtsleiterin Daniela Rathe undiplomatisch deutlich, nachdem ihr Lucke scherzhaft-leutselig bedeutete, sie dürfe „alles sagen“. Rathe findet, „wir sind schon an der Grenze. Ich finde nicht, dass Tübingen Kürzungen in der Kultur verkraftet. 3,4 Prozent sind zu wenig. Ich sehe keinen Spielraum mehr.“

„Kultur braucht Freiraum“: Sechs Millionen im Etat

Der Tübinger Kulturetat umfasst rund sechs Millionen Euro oder 3,4 Prozent. Davon sollen unter anderem hiesige Kultureinrichtungen gefördert und beraten werden. Es sollen dabei, wie es heißt, „die verschiedenen Einrichtungen nicht bevormundet werden: ‚Kultur braucht Freiraum’ lautet die Leitidee für die Arbeit des Fachbereichs Kultur.“ Die städtische Streichliste will entweder (Vorschlag 1) 123 000 Euro oder (Vorschlag 2) 54 000 Euro abknapsen, um die Einsparungen im Sach- und Personalbereich abzufedern. Es gibt aber auch Stimmen, die generell zehn Prozent wegnehmen wollen.

Eine Debatte über die Tübinger Kulturförderung
Sogar die „Leuchtturm“-Debatte wurde auf dem Kulturpodium im d.a.i. wieder belebt: Die frühere Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer hatte mit dem stattlichen Navigationsgerät zur Positionbestimmung auf hoher See die Tübinger Hochkultur definiert. Bald soll ein Kulturkonzept der Tübinger Stadtpolitik heimleuchten. Der „Tübinger Wanderleuchtturm“ oben im Bild stand übrigens vor sechs Jahren vorm Stadtmuseum, das jetzt vorerst ohne eigenständige Leitung dasteht.Archivbild: Sommer

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08.10.2010, 12:00 Uhr

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