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„Tübingen – wohin denn sonst!“

Eine Erinnerung an den Gelehrten Hans Mayer

Tübingen. Im Mauerbau-Sommer 1961, also vor 50 Jahren, kamen Karola und Ernst Bloch nach Tübingen. Und zwei Jahre später folgte aus der DDR Hans Mayer. „Tübingen – wohin denn sonst!“, hieß es für ihn.

19.05.2011
  • Wilhelm Triebold

Wobei Hans Mayer zuerst dem Ehepaar Jens räumlich näher war als den Blochs. Das änderte sich erst, als der bedeutendste Literaturwissenschaftler seiner Zeit nach dem Interludium an der Uni Hannover in das Niemeyersche Schachtelhaus in der Tübinger Neckarhalde umzog, nicht weit von Blochs Domizil „Im Schwanzer“, der heutigen Ernst-Bloch-Straße.

28 Jahre verbrachte Hans Mayer schließlich in Tübingen, bis er vor zehn Jahren, am 19. Mai 2001, starb. Und zwar „friedlich“; ein „wirklich gesegneter Tod“, wie die Jensens als engste Freunde damals betonten. Im vergangenen Winter erst gab Mayer-Schüler Fritz Raddatz in einem Interview preis, der sterbenswillige 94-Jährige habe angeordnet, keine Nahrung und Flüssigkeit mehr zugeführt zu bekommen.

Nachlassreste schlummern im Depot

Hans Mayers Grab befindet sich auf dem Berliner Dorotheenstädtischen Friedhof, auf dem unter zahllosen Zelebritäten auch Hegel, Brecht, Arnold Zweig und Heinrich Mann beerdigt liegen. Fixsterne eines, nun ja, wirklichen Homme des Lettres, der für die Literatur lebte und leidenschaftlich stritt.

Von seinem Nachlass blieb den Tübingern kaum etwas. Das meiste ging an Mayers Geburtsstadt Köln und somit verschütt, als das dortige Stadtarchiv einstürzte. In Tübingen bewahrte das Kulturamt einen kleinen Teil des Mayerschen Arbeitszimmers vor dem Sperrmüll oder dem Hausratverwertungshof.

Seinen Schreibtisch samt Schreibtischlampe und Schreibmaschine, mehrere Dutzend Bücher mit Widmungen an Mayer und handschriftlichen Vermerken von ihm, die Plattensammlung (meist Klassik, der etwas Schwerhörige ließ die halbe untere Neckarhalde an ihr teilhaben)), der Plattenspieler, die Aktentasche und schließlich seine prägnante Brille samt Etui. Dieser Nachlassrest schlummert heute immer noch im Depot des Stadtmuseums. Und mit Hans Mayer hatte Tübingen so seine Pläne. Ein Literaturhaus gar, das an einen der größten Tübinger Gelehrten mit erinnert hätte?

Vor fünf Jahren, zum 5. Todestag, widmete der Komparatist Prof. Jürgen Wertheimer einen Heine-Vortrag dem verehrten Hans Mayer. Auch lag an jenem Abend ein Flugblatt aus, das an der Tübinger Uni ein „Hans-Mayer-Zentrum für Aufklärung“ anregte. Ein Projektvorschlag, der sich dann zu einer möglichen universitären Arbeitsstelle und „Hans-Mayer-Forum“ verdichten sollte, wie die Initiatoren hofften. „Was sollen wir tun, um zu verhindern, dass wir in einem übermächtigen Sog oder Smog von ‚Infotainment‘, ‚Tittitainment‘ und Halbinformation als urteilsfähige, autonome Individuen untergehen?“, fragen damals wortmächtig die Unterzeichner. Und was, „um den Prozess der Überwindung selbst- und fremdverschuldeter Unmündigkeit nachhaltig voranzutreiben, statt sich von einer übermächtigen Bewusstseinsindustrie in die kollektive Infantilisierung lullen zu lassen?“

„Daraus ist nichts geworden“, sagt Inge Jens heute trocken. Überhaupt findet sie: Das „mit dem Nachlass, das ist traurig.“ Und sie deutet an, dass es bereits früh einen unnatürlichen Schwund in Hans-Mayers stattlicher Bibliothek gegeben habe, wohl weil der greise Mayer einem „Hallodri und Betrüger“ aufgesessen war. Dass es aber bisher nicht geklappt habe, an Hans Mayer in Tübingen gebührend zu erinnern, bedauert die Germanistin: „Im Verein mit Ernst Bloch hätte man das machen können.“

Das nie zustande gekommene „Hans-Mayer-Zentrum“ hatte sich übrigens drei Ziele gesetzt. Es wollte nationale und internationale Aufklärungsprojekte koordinieren und ein Forum „für eine dialektische Tradition aufklärerischen Denkens“ sein, wie sie Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas oder die jetzt zum Bücherfest erwartete Agnes Heller vertreten. Am schönsten aber ist der dritte Punkt: „Edition und Vertreibung des Nachlasses von Hans Mayer“. Zumindest letzteres scheint insgesamt gelungen.

„Im Schwanzer“, jene friedliche Sackgasse in Neckarnähe, taufte die Stadt schon bald nach Blochs Tod um. Nicht, dass Ähnliches der Neckarhalde bevorstehen würde. Doch falls es mal wieder eine Tübinger Straße umzubenennen gilt, sollte man unbedingt an Hans Mayer denken, den großen Tübinger Gelehrten.

Eine Erinnerung an den Gelehrten Hans Mayer
Das Dreigestirn in der Wohnstube Jens: Rechts der Hausherr Walter Jens, der hier mit Hans Mayer (links) den greisen Philosophen Ernst Bloch einrahmt. Es gab Zwiebelkuchen und Suser. „Was wir als Schönheit hier empfunden“, zitierte Prophet Bloch seinen Schiller herbei, „wird einst als Wahrheit uns entgegen gehn.“ Im September 1975 war das, als die Berliner Akademie der Künste, deren Präsident Jens später werden sollte, zu Ehren von Bloch in Tübingen tagte. Dieser Vormittag sei wichtig gewesen „für den, der genau hören konnte“, meinte Hans Mayer hinterher. Archivbild: Grohe

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19.05.2011, 12:00 Uhr

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