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Leitartikel

Eine Ersatzreligion

Mehr als 150 000 Besucher werden an diesem Wochenende zur Fitness-Messe Fibo pilgern. Es handelt sich weltweit um die größte Ausstellung dieser Art, und alles dreht sich nur um ein Thema: Wie kann ich mich noch fitter machen?

07.04.2017
  • GUIDO BOHSEM

Am vergangenen Sonntag zog eine Prozession gewaltigen Ausmaßes durch Berlin. Mehr als 25 000 Männer und Frauen liefen gut 21 Kilometer quer durch die Innenstadt. In den Gesichtern spiegelte sich Seligkeit. In verblüffendem Gleichklang nahm viele Jahre lang die Zahl der Mitglieder in den großen Kirchen in ungefähr dem Maß ab, in dem die Zahl der Mitglieder in den Fitness-Studios anstieg. Inzwischen geben die Deutschen für ihren Sport – von den Schuhen bis hin zur medizinischen Behandlung nach Unfällen – weit mehr als 100 Milliarden Euro im Jahr aus. Wer sich nicht fit hält oder es zumindest nicht immer wieder versucht, gilt den Fitten als Sünder. Der Sport entwickelt sich zur Ersatzreligion unserer Zeit.

Für alle sichtbar heben, laufen und drücken die neuen Gläubigen hinter den großen Fenstern der unzähligen Fitness-Tempel. An deren Theken werden proteinhaltige Getränke ausgeschenkt, auf dass sich Fett in Muskeln wandele. Die Trainer sind die Prediger der neuen Religion, und sie rufen ihren Jüngern in immer neuen Varianten zu, sich mehr zu bewegen und ihren Körper zu quälen. Die Beichte legt der moderne Mensch auf der Körperfett-Waage ab. Sündig ist, wer säuft, Chips und Schokolade verdrückt, oder – Gott behüte! – immer noch raucht. Zur Buße muss der Sünder an den Stairmaster oder auf überteuerten Fahrrädern stundenlang durch die Gegend rasen.

Früher konnte man die eigene Seligkeit messen und beeinflussen – durch die Höhe des Ablasses, den man an die Kirche entrichtete. Heutzutage schnallen sich die Sportgläubigen allerlei Geräte um, die ihnen zeigen, wie hoch das Maß ihrer Fitness gediehen ist (oder vielmehr: was noch zu tun ist, um das angestrebte Maß der sportlichen Seligkeit zu erreichen). Für Menschen auf Wallfahrt steht die sportliche Herausforderung mittlerweile gleichrangig neben der spirituellen Erfahrung. Viele dürften das eine nur noch schlecht vom anderen unterscheiden können.

Die neue Religion übt Druck auf uns aus, einen Fitness-Zwang. Manches mag durch das mediale Bild des menschlichen Körpers zu erklären sein. Es orientiert sich immer nur am Ideal und nie am Durchschnitt. Doch steckt noch mehr dahinter. Der moderne Atheismus hat den Menschen die Hoffnung auf das Leben im Jenseits geraubt. Wer aber fest damit rechnet, dass nach dem Tod auf jeden Fall Schluss ist, setzt umso hartnäckiger darauf, das Leben zu verlängern – im Streben nach immer mehr Gesundheit, erzwungen durch intensiven Sport. Doch sterben auch die Gesunden, auch für sie ist danach Schluss. Wer im Sport Erfüllung und Genuss findet, sollte ihn treiben. Doch wer seine Lebenslust aus anderen Quellen zieht, muss sich davon nicht durch die Sport-Religion abbringen lassen. Jeder Tag sollte ein Genuss sein, denn keiner lässt sich wiederholen.

leitartikel@swp.de

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07.04.2017, 06:00 Uhr

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