Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Ganz unten

Eine Frage der Gewohnheit

Auf den ersten Blick las es sich schon seltsam, aber ich machte mir keine großen Gedanken und folgte dem Schild quer über die Terrasse im ersten Stock der Tübinger Biergartenrestauration. Wenige Meter vor der obersten Stufe stoppte ich und ging langsamer weiter, als könne die Verlangsamung dem Gesehenen noch die Chance geben, sich als Ergebnis eines Sehfehlers herauszustellen.

26.07.2015
  • Peter Ertle

Es war kein Sehfehler: Auf allen Treppenstufen, von oben bis unten, hockten Menschen mit heruntergelassenen Hosen und Röcken und entledigten sich ihrer Notdurft. Manche Männer standen rechts am Rand und pullerten seitwärts in den Neckar, die gesamte Szenerie war gut einsehbar von der Brücke, aber auch vom weiter unten liegenden Biergarten.

Niemand nahm Notiz, niemand schien sich an alledem zu stören.

An der linken Seite hatte man noch eine ausreichend breite Gasse für Passanten gelassen, rechts verrichtete man sein Geschäft, die Treppe war entsprechend verschmutzt, ich möchte die Details nicht schildern, man kann es sich leicht vorstellen.

Neu hinzu Kommende brauchten eine Weile, um ein Plätzchen zu finden, auf dem noch nichts lag oder von Stufe zu Stufe hinabrann, sie nahmen es erstaunlich gelassen. Vielleicht ist alles nur eine Frage der Gewohnheit

Ich stand wohl eine Stunde so da und versuchte, mich zu überwinden, aber mein Schamgefühl verbot es mir, mich einzureihen. So versuchte ich wenigstens, als Journalist zu profitieren. Doch als ich die Kamera zückte, bedeutete man mir, dies sei nicht erwünscht, hier gelte es, die Privatsphäre zu beachten. Das also schon. Es war verwirrend.

Jede Viertelstunde kam der Hausmeister mit dem Schlauch und rotweißen Absperrbändern, rief ein gut gelauntes „Bitte eine Minute“, wartete, bis alle die Treppe verlassen hatten und spritzte dann sämtliche Fäkalien mit stark gechlortem Wasser die Stufen hinunter. Die Treppenklogänger erwarteten ihn wie den Aufgussmeister in einer Sauna. Unten sog er mit einem lärmenden Pixiklosauger alles in einen bläulich schwappenden Bottich. Meist war gleich danach ein besonders starker Andrang von Klogängern auf der Treppe zu verzeichnen. Man schätzt, gerade in diesem Bereich, doch eine gewisse Hygiene. Ich aber hatte genug gesehen und suchte mir ein anderes Örtchen.

Eine Frage der Gewohnheit

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

26.07.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball