Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Die AWO-Geschäftsführerin Gisela Steinhilber über ihre Arbeit

Eine Herzensangelegenheit

Die Reutlinger Arbeiterwohlfahrt und Gisela Steinhilber werden oft in einem Atemzug genannt. Im Gespräch mit der langjährigen AWO-Geschäftsführerin wird rasch klar: Ihr Beruf ist ihr Berufung.

20.08.2012
  • uschi kurz

Reutlingen. 70 Kinder wuseln auf dem Gelände der Gönninger Waldschule herum – bestens betreut von zwei ehrenamtlichen Freizeit- und 16 Gruppenleiterinnen. Die Stadtranderholung der AWO ist in Reutlingen eine Institution. Für Gisela Steinhilber ist sie „eine Herzensangelegenheit“, denn es ist das einzige Angebot im Landkreis, das drei Wochen dauert: „Da kann man richtig was bewirken.“ Die Kinder, die aus immer kleineren Familien kommen, lernen hier spielerisch das Miteinander. Doch weil die Zuschüsse für die Freizeit, die alljährlich ein „immenser Kraftakt“ für die AWO ist, zurückgehen, muss sie nun noch kräftiger um Spenden trommeln.

Auch wenn sie seit Jahren die Geschäfte der AWO führt, so ist Steinhilber doch Sozialarbeiterin im Wortsinn geblieben. Dabei ist sie eine klassische Quereinsteigerin. Nach einer Ausbildung bei der Dresdner Bank hat sie noch einige Jahre als Bankkauffrau gearbeitet, bis 1983 das erste von drei Kindern kam. Da sei für sie klar gewesen, dass sie nicht mehr ins Bankgeschäft zurück wollte. Eigentlich, erzählt die 58-Jährige, habe sie drei Jahre zu Hause bleiben wollen, doch als ihre Tochter vier Monate alt war, fragte die Kreisgeschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt an, ob sie nicht bei der AWO in der Verwaltung arbeiten wolle. Steinhilber wollte und wusste sofort: „Das ist mein Ding“.

In die Sozialarbeit sei sie dann langsam reingewachsen. Die nötigen Paragraphen der Sozialgesetzgebung brachte sie sich autodidaktisch bei. Ihre Arbeitszeit hat sie im Laufe der Jahre sukzessive angepasst. Der Job, lacht sie, sei mit den Kindern mitgewachsen. Je selbstständiger die Kinder wurden, je mehr Zeit „frei“ wurde, desto mehr Arbeitszeit floss in die AWO.

„Wir wollten die Wohnungslosenhilfe aus der Schmuddelecke herausholen. Das ist uns im Laufe der Zeit gelungen“, sagt Steinhilber. Die AWO leistete Mitte der 80er-Jahre Pionierarbeit. Der erste Sozialarbeiter wurde eingestellt, eine Beratungsstelle eingerichtet. Seither, sagt Steinhilber, „haben wir eigentlich immer ausgebaut“. Zur Notübernachtungsstelle in der Glaserstraße kamen nach und nach fünf Oasen, eine sechste ist in Planung. Doch nicht nur Wohn-, auch Arbeitsraum wurde geschaffen, beispielsweise im Gebrauchtwarenhaus Da Capo, das die AWO inzwischen gemeinsam mit der Caritas betreibt. Und im Tagestreff können Menschen, die in Wohnungsnot leben, zwanglos Kontakt und Hilfe finden.

Dann kommt sie auf ein Thema zu sprechen, das alle Mitarbeiter/innen sehr berührt. Der Anteil der wohnungslosen Frauen nimmt erheblich zu, er liegt mittlerweile bei 20 Prozent. Das Projekt Frauenzimmer wurde ins Leben gerufen, „ein Riesenakt“. Vor zwei Jahren wurde das Elisabeth-Zundel-Haus in der Färberstraße eröffnet: Ein integriertes Haus mit Beratungsstelle, Notaufnahmeplätzen und zwei Appartements, in denen die Frauen eine begrenzte Zeit leben können, bis sie mit Hilfe der Sozialarbeiterinnen anderswo bezahlbaren Wohnraum gefunden haben. „Das funktioniert“, sagt Steinhilber, die ersten beiden Frauen seien bereits wieder ausgezogen.

Doch bezahlbare Wohnungen zu finden, sei immer schwerer. Günstiger Wohnraum werde vernichtet, neuer aber nicht geschaffen, der für Menschen innerhalb der Mietobergrenze erschwinglich sei. „Das fliegt uns gerade richtig um die Ohren“, sagt Steinhilber, die sich nun in Rage redet. „Es muss auch Einfachwohnraum erhalten bleiben“, gilt ihre Kritik auch der GWG, mit der sie ansonsten (beispielsweise beim Bau der Oasen) durchaus gute Erfahrungen macht. Betroffen seien Rentner, aber auch Familien mit Kindern und auffallend viele junge Erwachsene: „Die ziehen bei den überforderten Eltern aus, vorübergehend bei Freunden oder Bekannten ein, und dann landen sie auf der Straße. Die können wir aber nicht in die Notübernachtungsstelle stecken.“

Diese Menschen, die aus dem sozialen Netz rausfliegen, weil sie aus schwierigen Verhältnissen kommen, krank sind oder von einem Schicksalschlag aus der Bahn geworfen wurden, „denen wollen wir eine Lobby sein.“ „Wir“ ist ein Wort, das Steinhilber auffallend oft gebraucht: „Wir sind ein richtig tolles Team“, sagt sie und vergisst dabei auch die zahlreichen Ehrenamtlichen nicht, ohne die bei der AWO nichts ginge.

Um ihr Anliegen zu transportieren, muss Steinhilber auf allen Hochzeiten tanzen – vom Kreistag bis zum Empfang: „Da kannst Du nicht auf die Uhr gucken.“ Entspannung findet sie in der klassischen Musik. Wenn möglich, besucht sie jedes Sinfoniekonzert der Württembergischen Philharmonie. Und dann sind da noch die kleinen Erfolgserlebnisse, die sie aufbauen, „Fälle, die wir schon aufgegeben hatten“. Beispielsweise den alkoholabhängigen Fernfahrer, der bei Da Capo langsam wieder Fuß fasste: „Jetzt fährt er wieder mit seinem Lastwagen von Spanien bis Schweden.“

Eine Herzensangelegenheit
Gisela Steinhilber bei der AWO-Stadtranderholung mit den Gruppenleiterinnen Eileen Meinelt (links), Sina Butt und dem Freizeitleiter Markus Widmer.Bild: Haas

Eine Herzensangelegenheit

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

20.08.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball