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Interview mit Ingo Dura, Chef der hiesigen Hells Angels

Eine Hochzeit und kein Todesfall

Ginge es nach den Innenministern der Länder, wären die Hells Angels ganz schnell verboten. Mit der Mafia werden die Rocker verglichen. Eine Tatsache, die Ingo Dura, den Präsidenten des Reutlinger Charters, wütend macht. „Keines der bisherigen Hells-Angels-Verbote konnte mit dem Vorwurf der organisierten Kriminalität bewerkstelligt werden“, sagt er. Stattdessen gehe der Staat mit den „im Bin-Laden-Antiterrorkampf verschärften“ Gesetzespaketen unangemessen hart gegen den Motorradclub vor – „besonders unmittelbar vor Wahlen“. Wir sprachen mit Dura, der am Samstag in der Reutlinger Marienkirche heiratet, über seine Hochzeit, über das Rockermilieu, Kriminalität, Knast und Gerechtigkeit.

15.06.2012

TAGBLATT: Herr Dura, Sie heiraten am Samstag. Sind Sie schon nervös?

Eine Hochzeit und kein Todesfall
Ingo Dura ist Präsident des Reutlinger Hells-Angel-Charters. Dem TAGBLATT gab er ein Interview in seinem Wohnzimmer in Reutlingen. Bilder: Stelzer

Ingo Dura: Eigentlich bin ich kein nervöser Typ. Aber ich wurde etwas unruhiger als normal, als jetzt die gezielte Stimmungsmache der Behörden gegen meinen Motorradclub und einzelne Hells Angels, wie Frank Hanebuth, begann. Frank kenne ich seit fast 20 Jahren, er ist am Samstag mein Trauzeuge. Und jetzt der ganze Zirkus. Wobei ich gleich sagen will, dass ich für den ganzen Hochzeits-Hype nichts kann.

Was meinen Sie mit Zirkus genau?

Na, die ganzen Auflagen, die meine Frau und ich bekommen. Stadt, Polizei, Kirche – das ist nicht mehr normal und kostet jede Menge Geld. Jetzt soll ich zum Beispiel für die Abfahrt von der Kirche bei der Stadt einen gebührenpflichtigen Korso beantragen. Ich glaube nicht, dass das jemals andere Paare machen mussten, die in der Marienkirche geheiratet haben. Und bei der EM kann man mit Korsos selbstverständlich die Straßen verstopfen – ganz ohne Anmeldung.

Über solche Dinge ärgern Sie sich?

Ja, ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker. Und würde gerne wie ein normaler Mensch heiraten.

Ist ein Hells-Angels-Chef denn ein normaler Mensch?

Ich weiß nicht, ob ich für die heutige, schnelllebige und auf Äußerlichkeiten konzentrierte Gesellschaft normal bin. Ich habe schon in frühester Jugend gemerkt, dass ich ein unglaubliches Bedürfnis habe, die alten Werte Freiheit, Respekt, Ehrlichkeit und Freundschaft auszuleben. Das ist ein Teil der Ideologie der Hells Angels. Wir lassen uns jedenfalls nicht wegpolitisieren. Das gilt auch für meine Hochzeit.

Wie und wo wird gefeiert? Und wie viele Gäste erwarten Sie?

Wo gefeiert wird, will ich nicht sagen. Es ist aber klar, dass etwas los sein wird bei meiner Party. Wir haben mehr Gäste, als wir ursprünglich dachten. Es kommen viele meiner Brüder aus Übersee, aus anderen Ländern Europas und anderen deutschen Chartern.

Ihnen wird ein sehr guter Draht zur Musik- und Filmbranche nachgesagt. Wie sieht es mit den Promis aus?

Ja, es werden viele bekannte Leute kommen. Aber wegen der aktuellen Hetzjagd auf meinen Motorradclub und wegen des ohnehin schon zu großen Hypes um die Hochzeit halte ich mich mit Namen lieber zurück. Es wird wie bei anderen Hochzeiten ein leckeres Essen geben, für das ein befreundeter Sternekoch sorgt, Artisten werden da sein und einige Bands werden spielen. Eine davon bekomme ich von einem befreundeten Musikmanager geschenkt. Wer es ist, weiß ich noch nicht, aber es wird schon ein geiler Akt sein.

Sie sprechen viel von Freunden und Bekannten. Gibt es davon viele?

Da muss man unterscheiden. Ich habe natürlich viele Bekannte. Echte Freunde sind wichtig und eine Seltenheit.

Was ist dann mit Ihren Club-Kollegen?

Das sind meine Brüder. Ich unterscheide nicht zwischen dem Club und der leiblichen Familie. Müsste ich mich entscheiden, wäre aber alles klar. Ich lebe für den Hells Angels Motorcycle-Club.

Ist das dann ein Leben für die Kriminalität? Staat und Polizei nennen Ihren Club eine kriminelle Vereinigung.

Ein Scheißdreck. Wir haben ohne Zweifel Leute dabei, die keine Lämmer sind. Aber wir sind nicht die rücksichtslosen Verbrecher, als die wir hingestellt werden. Die Polizei arbeitet da nach der Logik, wenn einer was dreht, sind alle Hells Angels so. Aber mal ehrlich: Wenn ein Herr zu Guttenberg lügt, heißt das doch nicht gleich, dass alle Politiker Lügner sind. Wenn jemand in der katholischen Kirche Kinder missbraucht, sind dann alle Gläubigen so? Nein. Wo fängt es an, wo hört es auf?

Gerade wird aber trotzdem ein bundesweites Verbot der Hells Angels erwogen. Tangiert das Ihren Alltag?

Natürlich. Es gibt Leute außerhalb des Clubs, die sich in solchen Zeiten abwenden. Die Hetzjagd geht zu weit – weil bald Bundestagswahlen sind. Wir sind jetzt als verfassungsfeindlich eingestuft. Dabei sind wir der Meinung, dass die Demokratie die einzige Staatsform ist, die ein friedliches Zusammenleben ermöglicht. Immerhin klappt das bei uns schon seit dem Zweiten Weltkrieg.

Sie sind also auch Friedensengel? Wie passt das zur straffen Organisation ihres Clubs?

Zuerst mal gilt bei uns „One man, one vote“. Das heißt, wir sind selbst basisdemokratisch verfasst. Aber es ist schon richtig, dass wir auch eigene Gesetze haben. Regeln, die auf unseren traditionellen Werten basieren. Und obwohl die mit den geltenden Gesetzen nicht zwingend in Konflikt kommen, sorgen sie für reichlich Unruhe beim Staat. Letztlich bedeutet das aber nur, dass wir einen Teil unserer Angelegenheiten selbst regeln.

Das klingt aber schon martialisch. Wie stehen Sie zu Gewalt?

Bei mir war schon sehr früh klar, dass ich nie ein Schaf sein werde. Ich bin wegen Körperverletzungen vorbestraft. Zu all diesen Taten gibt es eine Vorgeschichte, die bei einem Rocker natürlich niemand wissen will. Ich kann jedenfalls dazu stehen und bin bereit, dafür zu büßen. Wir reden hier von keinem Todesfall. Aber ich gebe zu, dass es bei mir auch mal aus dem Ruder gelaufen ist.

Was heißt das?

Ich habe mit dem Messer zugestochen. Dafür wurde ich zu drei Jahren Knast verurteilt.

Eine lange Zeit ...

Ja. Ganz davon abgesehen, dass es nicht leicht ist, danach wieder in der Gesellschaft anzukommen. Brüder, die vorbestraft sind, haben es nicht leicht, Arbeit zu finden. So sind wir ins Türsteher-Geschäft gekommen.

Resozialisierung im Rotlichtmilieu?

Ja, warum nicht?! Wir schauen, dass wir für unsere Brüder Arbeit finden, weil es uns zuwider wäre, dem Staat auf der Tasche zu liegen. Und dass wir im Rotlichtmilieu sind, ist ja zuerst mal kein Verbrechen. Hier geht es nicht um Zwangsprostitution, sondern um Frauen, die Zimmer mieten, um ihrer Beschäftigung nachzugehen. Eine legale Branche übrigens, an der auch der Staat kräftig verdient.

Also betreiben die Hells Angels doch Bordelle in Reutlingen?

Nein, die Läden gehören nicht uns. Wir arbeiten dort. Die Betreiber arbeiten gerne mit uns zusammen, weil wir zuverlässig sind. Und wie gesagt, für Leute mit Vorstrafen ist es nicht einfach, Jobs zu finden. Das Security-Gewerbe im Rotlichtmilieu ist da eine Nische.

Und Sie Herr Dura, wie verdienen Sie Ihr Geld?

Ich bin auch Angestellter und kümmere mich viel um Logistik. Wir sind ja nicht nur in Reutlingen aktiv.

Wie groß ist der Einzugbereich der hiesigen Hells Angels?

Wir fühlen uns im Bereich Stuttgart, Reutlingen, Steinlachtal, Balingen daheim und runter bis zum Bodensee. Wir sind als Charter aber auch viel unterwegs, um befreundete Motorradclubs und ihre Veranstaltungen zu besuchen.

Derzeit ist viel über sogenannte Rockerkriege zu lesen. Rivalisieren Sie mit anderen Clubs?

Rockerkrieg – das ist auch so ein ätzendes Schlagwort. Ich habe noch keinen Krieg erlebt. Es gibt Clubs, zu denen wir gute Kontakte haben, und andere, mit denen wir wenig gemeinsam haben. Die Rockerkultur war schon immer so. Schließlich reden wir von etwas, das sich als eine Art Jugend-Rebellion entwickelt hat. Wir haben doch die Tätowierungen salonfähig und die Harleys zu Custom- und Kultbikes gemacht.

Und wenn Sie nach befeindeten Motorradclubs gefragt werden?

Ich kenne einige dieser Jungs von früher. Aber eigentlich ist es so, dass bei uns in der Region alles entspannt ist.

Also keine Gefahr für Ihre Hochzeit?

Nein, Quatsch. Kein Stunk – das habe ich immer gesagt.

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15.06.2012, 12:00 Uhr

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