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Vom Grundbesitz zur Pflege

Eine Kabinettsausstellung im Sülchgaumuseum beschäftigt sich mit dem Spittel

Mit 40 ausgesuchten Objekten und zwölf großformatigen Infotafeln gibt das Stadtarchiv Interessierten Einblicke in das seit dem 14. Jahrhundert bestehenden Rottenburger Spital.

08.12.2012
  • Frank Rumpel

Rottenburg. „Versauf ich auch den Kittel, so bleibt mir doch der Spittel“, lautete ein Rottenburger Sprichwort aus der frühen Neuzeit. Noch im 20. Jahrhundert wurden dort Arme und Waisen versorgt. Die im Spittel aufgenommenen Bedürftigen mussten für Kost und Logis arbeiten. Vermögende konnten sich auch mit Geld oder Besitz einkaufen, um im Spittel ihren Lebensabend zu verbringen. Doch der 1361 erstmals schriftlich erwähnte Spittel (in Rottenburg war das Spital schon immer männlich) machte in den vergangenen 651 Jahren bis zur Pflegeeinrichtung, die er heute ist, einige Veränderungen durch. Mit einzelnen Blitzlichtern beleuchtete Kulturamtsleiter Karlheinz Geppert bei der Ausstellungseröffnung am Donnerstagabend vor rund 60 Interessierten einzelne Stationen der Geschichte des Spitals.

Dessen bis ins 14. Jahrhundert zurückreichende Akten und Urkunden zählen zum ältesten und wertvollsten Bestand des Stadtarchivs. Denn die Spitalakten blieben bei den beiden großen Stadtbränden 1644 und 1735 wohl weitgehend erhalten, während das Rathaus samt vieler städtischer Dokumente zwei Mal niederbrannte. 40 ganz besondere Stücke aus dem eigenen (und nur darauf wollten sich die Macher beschränken) Bestand stellt das Stadtarchiv nun aus. Das ist naturgemäß vor allem Flachware. Einzige Ausnahme: Die Spitalstiftung stellte ihre Hausheilige zur Verfügung, Katharina, die Patronin der Spitalkapelle (siehe Bild).

Nicht kirchlich, sondern städtische Einrichtung

Dennoch war der Spittel von Anfang an keine kirchliche, sondern eine durch Stiftung entstandene städtische, von der Steuer befreite Einrichtung, die bis zum 16. Jahrhundert einigen Grundbesitz anhäufte. Seinerzeit erwirtschaftete der Spittel Einkünfte aus Grundstücken, die rund 70 Prozent der damaligen Stadtgemarkung ausmachten. Er betrieb Landwirtschaft und hatte auch Höfe außerhalb, etwa in Seebronn, Wendelsheim und Frommenhausen.

Die Landwirtschaft diente da längst nicht mehr nur der Selbstversorgung. Der Spittel konnte im 16. Jahrhundert Wein und Getreide mit Gewinn verkaufen. In Rottenburg machte sich noch vor dem Dreißigjährigen Krieg ob dieses Reichtums eine Redensart breit, nach der man „dasselbsten im Geld baden“ könne. Belege dafür liefern Jahresberichte und Rechnungsbücher, die im Archiv über lange Zeiträume in Serie vorliegen. „Die hatten eine sehr ausufernde Buchführung“, sagte Stadtarchivar Peter Ehrmann. Die freilich gewähre auch umfangreich Einblicke ins Alltagsleben.

Nach dem durch Misswirtschaft, Korruption, Krieg und Stadtbrände bedingten wirtschaftlichen Niedergang des Spittels im 17. und 18. Jahrhundert (Stadtpfarrer Hassler verglich ihn in seiner Chronik von 1809 mit einer „brüchigen Zisterne, die kein Wasser mehr halten kann“) ging es im Lauf des 19. Jahrhunderts wieder etwas bergauf, allerdings mit deutlichen Veränderungen. Eine markierte 1806 der Übergang von Vorderösterreich ins Köngigreich Württemberg. Damit, so Geppert, kehrte auch ein neuer Geist ein, wie denn der Armut begegnet werden soll. Im Protestantismus spielte der Erziehungsgedanke eine wichtige Rolle, den Geppert mit einem Bericht von Johann Gottlieb Schmidlin illustrierte, der ab 1808 einige Jahre Spitalverwalter war.

Der beschreibt, wie er den Trunkenbold Ferdinand Zepf auf den rechten Weg brachte. Mit Arbeit allein klappte es nicht. „Erst als ich wirklich Befehl gab, ihn zu schlagen, konnte er endlich seinen unbegreiflichen Eigensinn überwinden“, heißt es. „Und nun ist dieser Mensch, der vorher Jahre lang beinahe gar nicht nüchtern, der gegen Drohungen und Ermahnungen, der gegen Thurm und Zuchthaus gleichgültig geworden war, der fleißigste ordentlichste Mensch.“ Schmidlin, ergänzte Geppert, wurde später wegen Untreue inhaftiert und war ab 1817 Sekretär des Wohltätigkeitsvereins.

Suppe für Bettler und Wanderburschen

Im 19. Jahrhundert kümmerte sich der Spittel, der 1852 von den Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul übernommen wurde, weniger um seine Pfründe und mehr um die Versorgung von Armen und Alten, richtete Suppenanstalten ein und verteilte in Notzeiten Brot. Auch Durchreisende wurden hier versorgt. „Dass es dort Suppe gab, war jedem Bettler und Wanderburschen bekannt“, sagte Geppert.

Und heute? Dass der Spittel all die Umbrüche bewältigt habe, lasse auch für die Zukunft hoffen, sagte Bürgermeister Volker Derbogen, der auch für die Hospitalstiftung zuständig ist.

Info Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 30. Mai im Sülchgau-Museum in der Zehntscheuer. Geöffnet ist sie dienstags, donnerstags und sonntags jeweils von 15 bis 17 Uhr.

Eine Kabinettsausstellung im Sülchgaumuseum beschäftigt sich mit dem Spittel
Die Heilige Katharina, Schutzpatronin der Spitalkapelle, präsentiert hier Kulturamtsleiter Karlheinz Geppert zwei Besucherinnen der Ausstellung. Bild: Sommer

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08.12.2012, 12:00 Uhr

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