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Pausengespräch (1): Mit Buch und Box im Picco

Eine Mittagsunterhaltung mit Ulrike Sander von Osiander

Scherzbolde alter Schule sagen immer noch: „Mahlzeit!“ Daran erkannte man jahrzehntelang die Mittagspause. Sie ist ein flexibles Ding und irgendwo zwischen Frühstück und Abendessen. Das TAGBLATT schließt sich in lockerer Folge diversen Mittagsritualen an und erkundet im „Pausengespräch“ auch die Arbeit des Gesprächspartners.

29.08.2014
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Für Ulrike Sander ist die Sache klar. Möglich, dass die Mittagspause bei ihr mal ausfällt, aber wo sie sie verbringt, daran besteht kein Zweifel. „Ich geh seit 15 Jahren ins Picco“, sagt die Buchhändlerin und Mitgesellschafterin bei Osiander, womit sie das Piccolo Sole d’oro von Michele Abbonizio meint. Dabei gehört sie nicht zu den verwöhnten Schönwetter-Kunden, die womöglich nur samstags kommen. „Die sind ja nicht ernst zu nehmen!“ sagt sie und lacht. Sander geht auch im Winter ins „Picco“, selbst wenn sie Stehen in Kauf nehmen muss. Gegenüber den samstäglichen Müßiggängern verschafft sie sich als arbeitender Bevölkerungsteil mitunter Vorteile: „Ich drängel mich da manchmal vor.“

Das Picco liegt für sie ziemlich günstig, ganz nah bei der Buchhandlung in der Metzgergasse, in der sie arbeitet. Allein die Nähe wäre kaum Grund genug, genau hier einzukehren. Sander mag einfach unter dem großen Baum sitzen. „Ja, was für ein Baum ist das eigentlich“, fragt sie plötzlich, selber überrascht über ihre Unkenntnis. Um dann mit Blick auf die Blätter festzustellen, dass es wohl eine Kastanie ist (aber eine ohne stacheligen Abwurf). Der Cappuccino schmeckt ihr, „er bringt einen durch den ganzen Tag“, sagt sie. Und noch einen Vorteil hat das Picco am sogenannten „Affenfelsen“ für sie, sie kann hier ihr Pausenbrot auspacken. „Ich vertrage mittags nichts Schweres.“ Das mache zu müde.

Also klappt sie ihre Frischhaltebox auf. Und die enthält eine Hand voll Cocktailtomaten und zwei Käsebrote. „Mein Mann hasst Butterbrote“, sagt Sander. Heinrich Riethmüller versorge sich gerne mit süßen Stückle beim Bäcker. Während Sander lieber die hausgemachten Stullen mag.

Zwar könnte sie sich mit ihrer Lunchbox auch in die Buchhandlung setzen. „Die meisten Angestellten gehen in den Pausenraum.“ Schon auch um etwas Ruhe zwischen den vielen Verkaufsgesprächen zu haben. Ulrike Sander geht dagegen lieber aus dem Haus und unter Menschen. Gerne verabredet sie sich auch mit Freunden für die Mittagspause. Nicht immer sucht sie jedoch das Gespräch. „Ich kann hier auch sitzen und die Menschen ausblenden.“

Im Getümmel des Affenfelsen kann man gut unter- oder einfach nur abtauchen. Als Ulrike Sander 2010 zur Jury gehörte, die den Deutschen Buchpreis verlieh, hatte sie ein riesiges Lektüreprogramm zu bewältigen. „Ich musste jede freie Minute lesen.“ Jeder Juror bekam einen E-Book-Reader mit dem gesamten Lesestoff, damit die vielen Wälzer handhabbar wurden. Mit diesem Reader saß sie oft im Café.

Auch jetzt geht die 58-Jährige, die sich nach ihrem zweiten Staatsexamen gegen das Lehramt und für den Handel entschied, nicht ohne Buch in die Mittagspause.

Am Tag des Pausengesprächs beginnt ihr Mittag um 15 Uhr. Seit 9 Uhr stand sie im Laden und ist froh, auch mal zu sitzen. In ihrer Tasche hat sie die „Pfaueninsel“ von Thomas Hettche, einer der Titel auf der diesjährigen Bücherpreis-Longlist. Die Liste erscheint ihr „insgesamt etwas schwierig“ und enthalte zu viele unbekannte Autorennamen. Wenn’s nach der Buchhändlerin ginge, sollte bei der Nominierung der Bücher ein wenig mehr an den Publikumsgeschmack gedacht werden. Dieses Jahr, so lautet ihre Prognose, werde Lutz Seiler mit „Kruso“ den Preis holen. „Das pfeifen die Spatzen von den Dächern“, setzt sie hinzu.

Im Gespräch über Bücher und Autoren schlüpft Sander schnell in die Rolle der Buchberaterin, die eine knappe Inhaltsangabe und ein kurzes Statement zur Lektüre abgibt. „Toll“, sagt sie, „die Leute lassen sich wieder beraten, als gäb’s kein Morgen mehr.“ Vom Sommer profitiert der Buchhandel diesmal in doppelter Weise: zum einen von den Ferien, zum anderen vom schlechten Wetter.

Sanders Lieblingstipp ist derzeit „Das Glückskind“ von Steffen Uhly. Ein Findelkind verhilft einigen gebeutelten Existenzen zu Zusammenhalt und Glück – „nicht die große Literatur“, sagt sie, aber ein „Sozialmärchen aus unserer Zeit“. Karl Ove Knausgård ist der Autor, der den Urlaub mancher Tübinger bestimmt. „Wir sprechen schon von ,Knausgård-Ferien‘“, sagt Sander lachend. Zweieinhalbtausend Seiten umfasst seine noch wachsende Autobiografie. Das braucht Raum und vor allem Zeit.

Drei Mal in ihrer Arbeitswoche arbeitet Sander im Büro mit flexibler Mittagspause. An ihren drei Ladentagen hängt die Unterbrechung von der Ablösung ab. Sander ist das einzige Mitglied der Osiander-Geschäftsleitung, das noch im Laden steht. „Ich kann mir“, sagt sie, „meinen Beruf nicht ohne Verkauf vorstellen.“

Kurz vor vier schaut Sander auf die Uhr: Mittag vorbei. Sie klappt die Lunchbox zu. Eines der beiden Käsebrote hat sie noch gar nicht angerührt. „Nicht dass ein falscher Eindruck entsteht“, sagt sie. „Normalerweise esse ich viel mehr!“

Eine Mittagsunterhaltung mit Ulrike Sander von Osiander
Ulrike Sander verbringt ihre Mittagspause gerne mit Gucken, Gesprächen, Cappuccino, Lunchbox und Buch am Affenfelsen. Bild: Sommer

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29.08.2014, 12:00 Uhr

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