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Eine Nacht auf dem Sofa
Navid Kermani im Gespräch mit Prof. Schamma Schahadat am Montag im Sparkassen-Carré.Bild: Faden
Alte Liebe

Eine Nacht auf dem Sofa

Navid Kermani sinniert in seinem neuen Roman „Sozusagen Paris“ über die Sehnsüchte von Endvierzigern.

24.11.2016
  • Dorothee Hermann

Die einen bekriegen sich wegen liegengelassener Chipstüten oder der richtigen Methode, die Spülmaschine zu befüllen. Die anderen (geschieden, nie verheiratet, momentan nicht verpartnert, in Beziehungskrise und so weiter) beobachten das Geschehen von außen und sinnieren über „das Geheimnis, das jede glückliche Ehe birgt“. So jedenfalls stellt sich die Liebesfront dem Erzähler in Navid Kermanis jüngstem Roman „Sozusagen Paris“ dar. Am Montagabend stellte der 49-jährige Autor das Buch im Gespräch mit der Tübinger Slavistin Prof. Schamma Schahadat etwa 450 Besuchern im Sparkassen-Carré vor. Eingeladen hatte die Buchhandlung Osiander.

Die Beispiele – Chipstüten, Spülmaschine – kommen ausführlich im Roman vor. Mit ihnen möchte Kermani das Eheleben von „Jutta“ veranschaulichen, einst Schulhofliebe des Erzählers (ebenfalls Autor), die bei einer Signierstunde nach der Lesung in einer Mehrzweckhalle unerwartet vor ihm steht.

Bei Brezeln und Wein mit dem Kulturreferenten, „Jutta“ und anderen örtlichen Honoratioren erkennt er überrascht, dass sie die Bürgermeisterin der Kleinstadt ist und sich rasch die bekannte Konstellation vom Schulhof wieder herstellt: „sie umringt von Bekannten, ich schmachtend am Rand“. Überrascht ist der Erzähler auch von der bürgerlich eingebetteten Lebenssituation der einstigen Angebeteten: in den achtziger Jahren Aktivistin der Anti-Atomkraft-Bewegung, nun Amtsträgerin. „Solche Lebensläufe gibt es häufiger, besonders in Baden-Württemberg“, so Kermani.

Als Moderatorin Schahadat sich für die beschriebenen Milieus interessierte, reagierte der Autor unwirsch. Er sei kein Automat, könne nicht auf Knopfdruck das Thema wechseln. Er war gerade bei einer anderen alten Liebe: Sie verbindet die Eltern des Lektors des Erzählers. Seit langem in getrennten Etagen des gemeinsamen Hauses eingerichtet, stehen sie einander am Ende doch wieder bei: „Als sie einander brauchten, waren sie füreinander da.“

Dabei war es Schahadat, die den Abend öffnete für mehr als eine Art Soap-Version der gutsituierten Kleinstadt-Ehe, in der „Jutta“ schließlich einräumt, Tantra habe ihre Ehe verlängert, „Tantra und Kinder“. Sie holte die von Kermani ins Spiel gebrachte französische Literatur ans Licht (Flaubert, Proust, Julien Green) und entlockte dem deutsch-iranischen Autor Ansagen zu Liebesdingen: „Wir haben 5000 Jahre Liebesliteratur im Kopf“, sagte Kermani. „Wir alle leben mit dieser Folie.“ Von Fernsehen und Soap-Operas werde das nur trivialisiert. Eines sei all diesen „Verliebtheitserzählungen“ gemein: Sie seien nie von langer Dauer. „Mit diesen Bildern im Kopf soll man ein Leben lang mit einem Partner zusammen sein. Das überfordert Menschen oft.“ Der Eheroman sei erst im 19. Jahrhundert aufgekommen: „Mit Jean Paul oder Stifter wird das alles viel müder und grauer.“ Seither gelte die Maxime: „Alles teilen. Sex bis ins hohe Alter. Und das mit diesen Verliebtheitsbildern im Kopf.“

Im Roman kann der Erzähler die Beobachterposition die ganze Nacht nicht abschütteln. Kermani fasste zusammen: „Sie nimmt ihn dann doch irgendwann mit nach Hause. Er hofft, dass vielleicht doch noch irgendwas geht. Aber sie beginnt, von ihrer Ehe zu erzählen. Sie sitzen sich auf dem Sofa gegenüber, und sie erzählt von ihrem Leben. Oben schlafen die Kinder.“

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24.11.2016, 01:00 Uhr

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