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Eine Reise zum Weinen
Der Papst wurde von Flüchtlingen auf Lesbos bestürmt und rief ihnen zu: "Ihr seid nicht allein, Freunde, verliert die Hoffnung nicht." Foto: afp
Franziskus appelliert auf Lesbos mit orthodoxen Geistlichen an die Menschlichkeit Europas

Eine Reise zum Weinen

Er weiß, dass er als Kirchenführer keine politischen Entscheidungen erzwingen kann. Dennoch hat der Papst am Wochenende scharfe Kritik an EU-Ländern geübt, die sich der Flüchtlingsaufnahme verweigern.

18.04.2016
  • BETTINA GABBE GERD HÖHLER

Als ihm der Papst die Hand schütteln will, fällt der Mann vor ihm auf die Knie. Schluchzend bittet er: "Vater, gib mir Deinen Segen!" Lange legt Franziskus seine Hand auf den Kopf des vor ihm knienden Mannes. Wenige Augenblicke darauf durchbricht eine weinende Frau die Sicherheitsabsperrungen. Sie fleht den Papst an: "Nimm mich mit!" Viele Menschen brechen in Tränen aus, strecken dem Papst hilfesuchend ihre Hände entgegen. Kinder schenken ihm selbstgemalte Bilder. Es sind Zeichnungen traumatisierter Kinder. Sie erzählen von den Schrecken des Krieges und den Gefahren der Flucht.

Es sind bewegende Momente, die sich am Wochenende beim Besuch von Papst Franziskus auf der griechischen Flüchtlingsinsel Lesbos abspielen. Gemeinsam mit zwei geistlichen Führern der orthodoxen Kirche, dem Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomäus I., und dem Athener Erzbischof und Oberhaupt der griechischen Kirche, Hieronymos II., ist der Papst auf die ostägäische Insel gekommen, die ein Brennpunkt der Flüchtlingskrise ist.

Gegenwärtig sind etwa 4100 Flüchtlinge und Migranten auf Lesbos. Die meisten von ihnen müssen damit rechnen, im Rahmen des Rückführungsabkommens, das die Europäische Union im März mit der Türkei geschlossen hat, wieder nach dort abgeschoben zu werden. Dennoch versucht der Papst, den Menschen Mut zu machen: "Ihr seid nicht allein, Freunde, verliert die Hoffnung nicht!"

Im Flüchtlingslager Moria, wo etwa 3500 Menschen leben, werden die Kirchenführer mit Rufen nach "Freiheit" und selbstgemalten Pappschildern mit der Aufschrift "Hilfe" empfangen. Anschließend kommen sie mit Flüchtlingsfamilien zu einem einfachen Mittagessen zusammen.

Der Papst erinnert daran, dass die Geschichte Europas "vom Geist der Brüderlichkeit, der Solidarität und des Respekts vor der Menschenwürde geprägt" sei - eine deutliche Kritik an jenen EU-Staaten, die ihre Grenzen für die Flüchtlinge geschlossen haben. Franziskus weiß, dass er als Kirchenführer keine politischen Entscheidungen erzwingen kann. Umso wichtiger ist ihm, durch seinen Besuch auf Lesbos die Weltöffentlichkeit wach zu rütteln. Gemeinsam mit den beiden anderen Kirchenführern sei er gekommen, um "die Aufmerksamkeit der Welt auf diese schwere humanitäre Krise zu lenken und ihre Lösung zu erflehen". Die internationale Gemeinschaft müsse Antworten auf ihre Not finden, die "unserem gemeinsamen Menschsein würdig ist".

"Es ist eine traurige Reise", hat der Papst bereits auf dem Flug von Rom nach Lesbos den mitreisenden Journalisten gesagt. "Wir treffen auf die größte humanitäre Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg." Er erwarte auf Lesbos "viele Menschen, die leiden, die nicht wissen, wohin, die fliehen mussten."

Die Reise führe auf einen "Friedhof im Meer", so Franziskus - und meint damit die vielen, meist namenlosen Gräber auf der Insel, in denen Männer, Frauen und Kinder bestattet sind, die bei der Flucht über die Ägäis ertrunken sind. Die drei Kirchenführer gedenken der Opfer in einer Zeremonie am Hafen der Inselhauptstadt Mytilini. Sie beten gemeinsam und werfen am Hafen von Lesbos Blumenkränze ins Wasser. Obwohl seit Jahresbeginn bereits Hunderte beim Versuch ertrunken sind, nach Griechenland zu gelangen, steigen an der türkischen Küste weiterhin viele Menschen in die Boote. Am Tag des Papstbesuchs werden 120 Flüchtlinge vor der Küste von Lesbos gerettet.

In einer gemeinsam mit den orthodoxen Kirchenführern unterzeichneten Erklärung fordert Franziskus die internationale Gemeinschaft zu einer würdigen Aufnahme der Flüchtlinge und zur Bekämpfung der Fluchtursachen auf. "Die Tragödie erzwungener Migration und Vertreibung", heißt es, "ist eine humanitäre Krise, die nach Solidarität, Barmherzigkeit, Großzügigkeit und sofortiger Hilfe ruft."

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras, der den Papst bei seiner fünfstündigen Visite ebenfalls begleitet, ist sichtlich zufrieden mit den Worten der Kirchenführer, die er als Kritik an der Europäischen Union und nicht an Griechenland versteht.

Der bevorstehende Besuch der Kirchenführer und des Ministerpräsidenten hat auf der Insel an den Vortagen hektische Aktivitäten der Behörden ausgelöst. Die Straßen der Inselhauptstadt Mytilini sind gekehrt und mit Wasser abgespritzt, Grünanlagen frisch hergerichtet worden. Selbst die hohe Mauer des Hotspots erstrahlt nun in weißer Farbe. Doch so sieht das Registrierungszentrum nur noch mehr nach einem Haftlager aus als in seiner früheren schmutzigen Zementfarbe.

Griechische Medien berichteten von der "Operation Besen": Die Regierung in Athen habe angeordnet, möglichst alle Flüchtlinge, die bis dahin auf Plätzen und in Parks campierten, aus dem Stadtbild verschwinden zu lassen. Das stößt auf Kritik des Inselbürgermeisters Spiros Galinos. Man dürfe wegen des Papst-Besuchs die Probleme der Insel nicht unter den Teppich kehren. "Wir sollten die Wahrheit zeigen", fordert Galinos im Fernsehsender "Skai TV".

Angesichts der großen Hilfsbereitschaft auf den Ägais-Inseln vergisst Franziskus nicht, der griechischen Bevölkerung für die Unterstützung zu danken, die sie den Flüchtlingen trotz der eigenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten leistet. Bei einem Treffen mit der Bevölkerung der Insel äußert er Verständnis für die Sorgen. Dennoch müsse Europa jeden, der seinen Fuß auf europäischen Boden setze, spüren lassen, dass Europa die "Heimat der Menschenrechte" sei.

Der Papst, der nach fünf Stunden auf Lesbos zum Abschied sagt, es sei zum Weinen gewesen, belässt es nicht nur bei Appellen. Völlig überraschend nimmt er auf dem Rückflug drei Flüchtlingsfamilien mit nach Rom. Die zwölf Syrer, unter ihnen sechs Kinder, sollen Aufnahme in Italien finden. Die katholische Gemeinschaft Sant Egidio wird sich um ihre Ansiedlung kümmern.

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18.04.2016, 06:00 Uhr

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