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In Tübingen wollen viele helfen, aber nicht alle kommen zum Zuge

Eine Riesenhilfsbereitschaft für Flüchtlinge

An Flüchtlingen fehlt es derzeit nicht in Tübingen, und auch nicht an Freiwilligen, die ihnen helfen wollen. Doch es ist gar nicht so einfach, die beiden sinnvoll zusammenzubringen.

06.11.2015
  • Ulrich Janssen

Tübingen. Das Tübinger Asylzentrum in der Neckarhalde ist eine der wichtigsten Anlaufstellen für Leute, die Flüchtlingen ehrenamtlich helfen wollen. „Bei uns melden sich eine Menge Interessierter“, sagt Mitarbeiterin Biga Wahl, „aber wir haben keine Kapazität, uns angemessen um diese Leute zu kümmern.“ Die potenziellen Helfer könne man ja nicht einfach in ein Flüchtlingsheim schicken, sie müssten erst mal eingewiesen werden. „Und dafür haben wir einfach keine Zeit.“

Tatsächlich ist in Tübingen die Bereitschaft groß, Flüchtlingen zu helfen. Schon jetzt kümmern sich etwa 300 ehrenamtliche Helfer aktiv um die aktuell 800 Flüchtlinge in der Stadt. Es sind viele Ruheständler dabei, Lehrer und Professoren, aber auch Frauen mit Kindern, junge Leute und Studierende. „Es gibt in Tübingen“, meint Gertrud van Ackern, „keinen Mangel an ehrenamtlichen Helfern.“

Van Ackern kümmert sich im Büro der städtischen Integrationsbeauftragten um das Thema Flüchtlinge. Alle paar Monate lädt sie zu einem runden Tisch ein, zwischendrin organisiert sie Fortbildungen und versucht, die verschiedenen Unterstützerkreise in der Stadt miteinander in Verbindung zu bekommen. Ihre Aufgabe ist es aber auch, den Zugang der Helfer zu den Flüchtlingen zu kanalisieren – was schwerer ist als man denkt: „Es gibt einfach sehr viele, die helfen wollen, aber eben auch etliche Flüchtlinge, die gar keine Hilfe wollen, sondern sich lieber selbst organisieren.“ Immerhin hat die Stadt seit dem 1. November einen neuen Mitarbeiter, der sich auf einer 50-Prozent-Stelle unter anderem um den Einsatz der Helfer kümmern soll.

Problematisch ist, dass in Tübingen momentan viele Balkan-Flüchtlinge mit ungewisser Bleibe-Perspektive leben. Unter solchen Bedingungen etwa Patenschaften aufzubauen, sogenannte „Tandems“, macht für beide Seiten wenig Sinn. Und natürlich gibt es auch Ehrenamtliche, die überfordert sind oder sich vor allem selbst helfen wollen. „Es kommen tolle Leute zu uns“, erzählte uns eine erfahrene Flüchtlingsbetreuerin, „aber leider auch Menschen, die uns erst einmal ihr ganzes Leben erzählen wollen und eigentlich selbst Betreuung benötigen.“

Wann Patenschaften sinnvoll sind

Eine derjenigen, die seit langem tatkräftig helfen, ist Monika Petersen. Die ehemalige Uni-Mitarbeiterin kümmert sich mit insgesamt fast 40 Ehrenamtlichen um die 60 Flüchtlinge (darunter 18 Kinder) in der Tübinger Niethammerstraße. Petersen registriert „eine Riesenhilfsbereitschaft“, aber auch falsche Vorstellungen bei manchen Helfern. „Flüchtlinge haben spezielle Probleme, sie leiden unter den Folgen der Flucht, wissen nicht, ob sie anerkannt werden.“ Darauf seien viele Freiwillige nicht vorbereitet, sie bräuchten eigentlich mehr Supervisionsmöglichkeiten.

Die Gruppe in der Niethammerstraße war gleich nach der Gründung schwer gefordert. „Zwischen Weihnachten und Silvester mussten wir plötzlich warme Kleider beschaffen und uns um ärztliche Hilfe für die Flüchtlinge kümmern, das war hart.“ Derzeit beschäftigen sich die Ehrenamtlichen eher mit Fragen, die mit dem Asylverfahren zu tun haben, sie helfen beim Berufseinstieg und beim Spracherwerb.

Deutsch lernen ist für Flüchtlinge die wichtigste Aufgabe beim Start im neuen Land. Ohne einigermaßen brauchbare Deutsch-Kenntnisse tun sie sich bei der Wohnungs- und Arbeitssuche schwer und können auch keine Kontakte aufbauen. Viele Ehrenamtliche würden deshalb gern Deutsch unterrichten. Wenn man sie denn ließe.

Gerlinde Schroth ist bei der VHS für Integrationskurse zuständig. Sie bestätigt, dass es bei den Deutschkursen einerseits einen „akuten Lehrermangel“ gibt und dass sich andererseits allein bei ihr 30 Freiwillige gemeldet haben, die gern Kurse geben würden und es nicht dürfen: „In einer Gruppe mit 18 Leuten und zwölf verschiedenen Muttersprachen einsprachig Deutsch zu unterrichten, das kann nun mal nicht jeder.“

Derzeit darf bei der VHS, aber auch bei Infö und beim SIT nur jemand zertifizierte Kurse geben, der oder die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zugelassen ist. Schroth kann verstehen, dass sich die Freiwilligen, die nicht selten schon als Lehrer tätig waren, darüber ärgern. „Wir werden versuchen“, verspricht sie, „die Ehrenamtlichen als Tutoren, bei der Hausaufgabenbetreuung oder der Begleitung von Internet-Sprachkursen einzusetzen, ich werde jedenfalls alle anschreiben.“

Wer darauf nicht warten will, kann es so machen wie Veronica Ehrich. Die 70-Jährige hat über eine Südstadt-Initiative Kontakt zu Flüchtlingen aufgenommen und gibt inzwischen privat Deutschunterricht: „Es ist nicht ganz leicht, aber auch nicht unmöglich.“

Sprachunterricht ist schwer, aber möglich

Freilich darf auch Ehrich am Ende des Unterrichts keine Zertifikate vergeben, obwohl sie sich als emeritierte Germanistik-Professorin mit Deutsch ganz gut auskennt. Sie hat sich deshalb auf niedrigschwelligen Unterricht für Anfänger verlegt: „Ich arbeite mit Bildern und Spielchen, das geht ganz gut.“

Dennoch wünscht sie sich, dass in Tübingen mehr geschieht, um die vielen potenziellen Helfer zu unterstützen und zu ermutigen. Sie würde sich zum Beispiel über einen weiteren Kurs freuen, in dem Ehrenamtliche „Deutsch für ausländische Flüchtlinge“ lernen können. Und sinnvoll wäre auch, dass die verschiedenen Unterstützerkreise mehr voneinander lernen: „Wir bräuchten mehr Vernetzung.“

Info: Infos für Hilfswillige gibt es auf www.tuebingen.de/fluechtlinge. Ein Tübinger Angebot fehlt dort allerdings. Dennoch freuen sich viele Unterstützerkreise über Helfer/innen, die tatkräftig zupacken können.

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06.11.2015, 12:00 Uhr

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