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Beim Neckarfest in Rottenburg amüsierten und drängten sich zigtausend Menschen

Eine Riesige Party mit Jugend und Veteranen

Auch im vierzigsten Jahr seines Bestehens schreibt das Rottenburger Neckarfest seine Erfolgsgeschichte weiter. Bereits am frühen Samstagabend wälzten sich die Menschenmassen durch die Innenstadt. Bei bestem Wetter und entsprechender Stimmung genossen die Besucher das große Unterhaltunsangebot.

28.06.2015
  • Luise Loges / Werner Bauknecht

Gegen 14 Uhr hatte es feucht-fröhlich begonnen. Nach einigen geistlichen Worten der Pfarrer und Musik von der Stadtkapelle, sprach Oberbürgermeister Stephan Neher zur Begrüßung, und dann kam der Programmpunkt, auf den viele warteten: das traditionelle Fassanstechen, diesmal mit vier Fässern und einem Showdown zwischen vier Zapf-Teams. Die drei Rottenburger Bürgermeister führten je ein Team mit den männlichen Ortsvorstehern der Teilorte. Das vierte Team bestand nur aus Frauen, den amtierenden Ortsvorsteherinnen.

Die Aufgabe hieß: Anstechen, einschenken – und wer zuerst sechs Humpen gefüllt hatte, war Gewinner. Alle vier lokalen Brauereien waren mit ihrem Gerstensaft vertreten: Baisinger Biermanufaktur, Ergenzinger Ochsenbräu, Doc’s Bier Schwalldorf und Kronenbrauerei Schimpf. Mit einem Salut der Schützengilde Landskron startete das Spektakel. Überraschend gut gelang allen der Anstich, beim Einschenken trennte sich die Spreu vom Weizen. Schließlich jubelte der OB über den ersten Platz seines Teams, die Damen hängten die beiden anderen Teams ab. Dann gab’s Freibier für alle Gäste, bis die vier Fässer leer waren.

Frei hatten allerdings die Honoratioren noch nicht: Das Kanadier-Bootsrennen rief. Die von der Beruflichen Schule gebauten Boote lagen am Ufer bereit, während die Besatzungen – drei Mann/Frau pro Team – in ihre Verkleidungen schlüpften. Besonders kurios: Boot 1 mit der Stadtspitze. Die drei Bürgermeister trugen eine gelbe Krake mit Stielaugen auf dem Kopf. Eingeweihte wussten: Das sollte Otte sein, das Marsmännchen aus den Werbefilmen, mit denen Rottenburg junge Leute anziehen will.

Anschläge und Überfälleauf dem Wasser

Eine Acht galt es zu durchpaddeln, Start war an der Eberle-Brücke. Es gewannen die Bootsbauer der Beruflichen Schule, und während die schon feierten, irrte das Boot mit Horst Schuh, Klaus Krajewski und Elmar Zebisch noch immer über den Neckar. Zum Ende gab es einige Zusammenstöße, Anschläge und Überfälle der Besatzungen, so dass über die Hälfte aller Paddler im Wasser landete und das DRK-Boot sie ans Ufer hieven musste.

Streifte man durch das Festgewimmel, fielen vor allem die fast mediterranen Gerüche auf. Es wurde bei bestem Wetter draußen gegessen. International war das Flair sowieso. Die Ergenzinger hatten an der Zehntscheuer ihren Mittelpunkt und dort auch ihren Weinstand aufgebaut. Golser Weine, also Tropfen aus Ergenzingens österreichischen Partnergemeinde, waren im Ausschank. Daneben residierte die Kiebinger Partnerstadt Lion-sur-Mer und verkaufte Crêpes und Cidre, Bordeaux und Calvados. Weiter Richtung Metzelplatz wurde es serbisch, gastronomisch wie musikalisch. Zwei Akkordeonspieler tanzten durch die Reihen und heizten zum Singen an. Wer wollte, steckte ihnen ein paar Euro in die Instrumente.

Viele junge Besucher,Mobilfunknetz überlastet

Was auffiel beim ziellosen Schlendern: Das Fest war jung. Die gesamte Rottenburger Jugend samt Teilorten schien sich auf den Weg in die Kernstadt gemacht zu haben. Allerdings: Smartphone-Empfang zu erhalten war schwierig, der Dauereinsatz der Jungspunde überlastete das Netz. Sagte Hans Kessler, der bei einem Mobilfunkanbieter arbeitet.

Auf der Neckarinsel spielte derweil Diva vor der sagenhaften Kulisse des langsam vorbeiziehenden Flusses. Klasse Band, klasse Sängerin mit Ana Bobinac. Musik bot auch der Musikverein Ergenzingen an der Zehntscheuer auf der großen Bühne. Mit einem Mal stürmte eine japanische Reisegruppe vor die Bühne, sie zückten die Smartphonekameras, und demnächst dürfte der MV Ergenzingen in Tokio bekannt sein.

Kein Durchkommen war wie immer im Bereich Keppler-Brücke und Schänzle-Eingang. Auf der Verkehrsinsel stand sinnvollerweise ein kleines Kinderkarussell und daneben ein Air-Brush-Tattoo-Studio. Sieben Tage halten die Tattoos, trotz Duschens oder Freibadbesuch. Dann verschwinden sie.

Auch zu später Stunde wälzten sich die Massen noch durchs Schänzle, waren Zelte und Stehtresen prall gefüllt. „Wir sind um drei Uhr nach Hause“, sagte Hartmut Schäuble aus Wurmlingen gestern, „dann wurde es aber auch richtig kalt.“ Vielleicht lag es auch daran, dass er mit dem Wagen da war und nichts trinken durfte.

Der Sonntag begann ruhig. Zum Hort der Muße wurde – ausgerechnet – der Marktplatz. Das Leben spielte sich ausnahmsweise im unteren Stadtteil ab. Die Gluzger bauten nach dem Mittagessen ihre Anlage auf der Showinsel im Neckar auf. Die Schwaben-Jazzer sind eindeutig die Veteranen des Neckarfestes. Seit dem ersten Mal sind sie dabei, damals spielten sie immer auf der Ehinger Seite des Flusses. „Früher waren es sogar noch mehr Stände als heute“, erinnert sich Rainer Ruf. „Aber die Stimmung war fast immer sagenhaft.“

Beim „Bistro“ trat die Tübinger Percussion-Band Grupo Martillo auf und holte karibische und afrikanische Rhythmen nach Rottenburg. Getreu dem Band-Motto „Wir machen gute Laune“ spielten die drei Männer und zwei Frauen gekonnt auf einer großen Bandbreite von Schlaginstrumenten und brachten am heißen Sonntagvormittag einige Leute zum Tanzen.

Im Nepomuk-Haus hatte Ele Geiger aus Wendelsheim ihre Acryl-Bilder und Collagen ausgestellt. „Sommer“ hieß ein Werk, Geiger hat es in Acryl-Walztechnik gemalt. Vor dem Auge taucht eine sonnengelbe Landschaft auf, die mit sanften toskanischen Hügeln den Blick fängt. Ein anderes, „Nach dem Sturm“, überrascht mit krasser, übergangsloser Farbgebung. Geigers Bilder laden in ihrer Kargheit zum Verweilen ein.

Daneben gab das Nepomuk-Haus auch noch der Ausstellung „Pipes et Diamantes“ einen Platz. Auf der einen Seite lagen da zahlreiche, kunstvoll für den Gebrauch produzierte Tabakpfeifen aus Stein, Metall, Ton oder Porzellan, hergestellt von Michel Waille aus Rottenburgs Partnerstadt St. Claude. Auch Trinkhörner aus Synthetik oder Horn stellt Waille her, Kämme, Löffel und kleine Figuren. Am Arbeitsplatz, den Waille sich eingerichtet hatte, konnte man ihm bei der Arbeit zusehen.

Am Eugen-Bolz-Platzsteppte der Bär

Wie schon 2014 sorgte der Verein Moderne Jugendkultur Rottenburg am Eugen-Bolz-Platz für viel Unterhaltung. Schon am Nachmittag freuten sich Kinder und Jugendlichen an sogenannten Funballs, in denen man durchs Wasser rollen kann, und dem Bungee-Trampolin. Auf dem konnten selbst ganz Kleine schon große Sprünge machen, etwas größere junge Athletinnen probierten Flugsaltos und andere Kunststücke. Bei Kindern besonders beliebt war die mechanische Schiffschaukel. Am Abend verwandelte sich der Platz zur Großdisco mit Schaumparty, bei der viele Jugendliche zu Hits von DJ Krane abtanzten.

Beim großen Feuerwerk, dieses Jahr nur am Samstagabend, übertrafen sich die Pyrotechniker selbst und verwandelten den Himmel über der Keppler-Brücke minutenlang in ein Farben- und Lichtermeer. Die Menschenmenge am Ufer und auf der Brücke war begeistert: „Das war wie das Silvesterfeuerwerk in Berlin!“, rief ein Besucher.

Der Sonntagmittag war ruhig. Beim Stand der Bürgerwache waren alle Sitzplätze unterm Zeltdach belegt. Exotik im Angebot: Echt bairischer Obazder auf Brot. Gleich daneben das DRK. Gab es viel zu tun? Kopfschütteln, nichts besonderes passiert. Eher ein ruhiges Neckarfest, nur ein paar Kreislaufprobleme oder eine kleine Schnittwunde. Auf der Keppler-Brücke ein ungewöhnlicher Anblick: Parkende Autos. Und was für welche. Ein knallroter Morgan, daneben ein ebenfalls knalliger Cadillac DeVille von 1960. Klassisch: Haifischflossenheck und unendlich lang. Sie gehören zu einer kleinen Ausstellung von Dietmar Schneider. Wer mit dem Bähnle fuhr, das die Stadt bestellt hatte, bekam von all dem kaum was mit – der Zug umfuhr weiträumig das Festgeschehen.

Auf dem Volleyballfeld im Schänzle herrschte derweil die Volleyballruhe vor den großen Finals. Zwei Teams zeigten eine für hiesige Augen neue Sportart. Footvolley heißt sie, der Ball darf mit allen Körperteilen außer mit der Hand gespielt werden. In Brasilien soll das bereits die große neue Nummer an der Copacabana sein. Was das Publikum sah, war in der Tat attraktiv und sehr artistisch, die Akteure ernteten viel Beifall.

Im Schänzle hatte das Jugendhaus Klause ein vielfältiges Programm für junge Menschen organisiert: Samstag- und Sonntagmittag zeigten aufstrebende Rapper und Comedians ihr Können auf der Kleinkunstbühne, am Samstagabend begeisterte die Punk-Hop-Formation Schlaraffenlandung als Überraschungsact das Jungvolk. Die Balinger waren zum ersten Mal beim Neckarfest, als Band wie als Besucher. „Es ist echt schön, dass es so eine Mischung aus Familienfest und Musikfestival ist – da ist für jeden was dabei und alle haben Spaß“, sagte Frontmann Jannik Perse. Später brachten The Noerds mit Soul und Rock sowie die Ska-Punker Skipjacks auch die älteren Semester zum Tanzen.

Der große Trödelmarkt zog jede Menge Flohmarkt-Freunde an, die nach Schnäppchen stöberten. Die gab es reichlich, doch leicht zu finden waren sie zwischen den teils hochwertigen und teuren Antiquitätenständen nicht. Allerlei Kurioses gab es zu entdecken: Gerahmte, namenlose Porträts einer Frau und eines Mannes aus Urgroßelternzeit, ein emailliertes Nudelsieb aus den 1960er Jahren oder eine Nudelteigpresse aus derselben Ära waren mit etwas Handelsgeschick günstig zu erstehen. „Wenn beide nach dem Handeln ein bisschen unzufrieden sind, ist der Preis wahrscheinlich gut“, meinte Matthias Fuhrer aus Wurmlingen, der einen goldfarbenen Bilderrahmen ergattert hatte.

Kinderflohmarkt unter widrigen Bedingungen

Am Samstagmorgen trübte ein Gewitter die Kauflaune, bei dem sich viele Marktbesucher in die Bewirtungszelte zwischen Schänzle und Keppler-Brücke zurückzogen. Regelrecht ins Wasser fiel am Samstag der Kinderflohmarkt am Stadtgraben. Die meisten kleinen Händler brachen wegen des Wolkenbruchs ihre Stände ab. Die wenigen Tapferen, die unter Planen und Regenschirmen ausgeharrt hatten, konnten aber nachmittags und am Sonntag wieder bei Sonnenschein ihr Taschengeld aufbessern. Beobachter des Treibens übten scharfe Kritik: Erwachsene Händler vom Trödelmarkt hätten den Kindern manche Artikel für Spottpreise abgeluchst, um sie dann für ein Mehrfaches an ihren eigenen Ständen zu verhökern. Aufmerksamen Besuchern konnte nicht entgehen, dass die gleichen gebrauchten Kinderbücher oder Playmobilsets in ähnlichem Erhaltungszustand auf dem Trödelmarkt locker das Dreifache kosteten.

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28.06.2015, 12:00 Uhr

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