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Bildung

Eine Schule für Schlaue

Ein Gymnasium in Schwäbisch Gmünd fördert seit gut zehn Jahren hochbegabte Jugendliche. Diese genießen es, dort keine Sonderlinge mehr zu sein.

03.04.2017
  • PETER ILG

Schwäbisch Gmünd. Früher war es eine Kaserne, heute nennt sich das Areal in der Oststadt von Schwäbisch Gmünd „Universitätspark“. Das passt irgendwie und irgendwie auch nicht. Denn prominentester Mieter ist keine Hochschule, aber doch eine besondere Bildungseinrichtung: das Landesgymnasium für Hochbegabte – eine Schule für Schlaue. Sie ist die einzige staatliche Schule in Baden-Württemberg für Menschen mit weit überdurchschnittlicher Intelligenz.

Vier weitere solche Bildungsstätten gibt es bundesweit. Aber nur in Schwäbisch Gmünd wird die Intelligenz der Bewerber gemessen, bevor sie aufgenommen werden. Am Landesgymnasium ist ein IQ von 130 das Mindestmaß. Nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung liegt über diesem Niveau, die Hochbegabten.

Soraya Ahmad (15) gehört zur dieser geistigen Elite. Nach der neunten Klasse an einem Mädchengymnasium in Stuttgart wechselte sie nach Gmünd. „In meiner alten Schule war ich stark unterfordert, es wurde mir langweilig und ich verschlechterte mich im Gesamtdurchschnitt aller Noten von 1,0 auf 1,5.“ Wie sie das sagt, klingt das keinesfalls arrogant, sondern nüchtern und analytisch. „Mathematik mache ich sehr gern und immer mehr Aufgaben, als eigentlich gefordert“, erklärt Soraya. Schon nach der Grundschule wurde ihr Intelligenz gemessen. Ab da an war klar: Sie ist hochbegabt.

Soraya wirkt etwas schüchtern, ihre Stimme ist leise, ihre Antworten sind sehr präzise. Was ihre Schule besonders macht? „Die Lehrer haben einen höheren Anspruch, bieten aber auch mehr“, sagt sie. Die Schüler seien motiviert und interessiert, die Qualität der Schulstunden dementsprechend hoch. „Das Internat stärkt eine soziale Kompetenz und fördert meine Selbständigkeit“, sagt die Schülerin. „Und ich erlebe die Lehrer auch als Privatpersonen im Internat, was eine persönliche Beziehung schafft.“ Dass das Lernpensum hoch ist, ist ihr recht. Nach dem Abitur will sie Medizin studieren.

Christoph Sauers Augen strahlen stolz, als Soraya erzählt. Der 45-jährige Direktor der Schule sieht darin den Beleg für das pädagogische Konzept der Schule. Die Einrichtung erfülle einen fundamentalen Anspruch, „weil die Landesverfassung den Bürgern ein Recht auf individuelle Förderung gibt“. Deswegen wurde zum Schuljahr 2004/05 die Schule gegründet. Los ging es mit 40 Schülern, inzwischen sind es 240. Davon leben die meisten Jugendlichen im Internat.

Die 7. ist die Eingangsklasse. Darunter ist kein Übertritt von anderen Schulen möglich, darüber schon. Häufige Wechsel finden nach Klasse 9 statt, weil die Schüler in diesem Stadium bereits eine höhere Reife besitzen. 15 staatliche Gymnasien in Baden-Württemberg bieten bis einschließlich der 10. Klasse eine Hochbegabtenförderung an, die danach an diesen Schulen endet.

Etwa 150 Schüler wagen sich in Gmünd jährlich an den Aufnahmetest, ein Drittel fällt durch. „Das Bestehen macht einen Abschluss an unserer Schule wahrscheinlich“, sagt Sauer. Der Test gliedert sich in drei Blöcke: Erst müssen Begriffe zugeordnet, dann Zahlen kombiniert und zuletzt Figuren im Raum erkannt werden. „Intelligenz ist die Fähigkeit, rational bei der Lösung von Problemen vorzugehen.“ Er selbst hat seinen IQ nie prüfen lassen – wie die meisten seiner Kollegen.

Sauer ist überzeugt, dass die Schule der Karriere seiner Schüler dient. „Beweisen kann ich das heute zwar nicht, weil unsere Absolventen noch nicht soweit sind.“ Doch schaffen es einige an renommierte Unis wie in Oxford oder Cambridge. Als Eintrittskarte hilft der Schulbesuchs-Nachweis dabei freilich nicht, auch dort zählt allein Aufnahmetests.

„Unsere Absolventen haben eine besondere geistige Begabung – und in ebenso hohem Maße soziale Kompetenzen“, sagt Sauer. Dass Hochbegabte schwierige Charaktere seien, sei ein Klischee. Richtig, so Sauer, ist: Einige der Schüler wurden an ihrer alten Schule gemobbt, weil sie anders waren. „Hochbegabte sind Extreme.“ In Gmünd fällt das nicht auf, weil alle so sind. Dort treffen Schüler aufeinander, die ähnlich ticken. Am Landesgymnasium dürfen Hochbegabte einfach normale Schüler sein – so trivial das klingt.

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03.04.2017, 06:00 Uhr

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