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Brüssel im Alarmzustand

Eine Terrorwarnung legt Belgiens Hauptstadt lahm

In der Europa-Hauptstadt Brüssel hat die Sorge vor Terror-Anschlägen das öffentliche Leben zum Erliegen gebracht. Wann die belgische Metropole zum Normalbetrieb zurückkehren könnte, blieb offen.

23.11.2015
  • KNUT PRIES (MIT DPA)

"Einpacken!", ruft der beleibte Polizist vor dem italienischen Feinkoststand, "c'est fini, Schluss für heute!" Samstag um halb eins - um diese Stunde nimmt der Betrieb auf dem Wochenmarkt Place Flagey normalerweise erst richtig Fahrt auf. Der Platz vor dem alten Hauptsitz des belgischen Rundfunks ist am Wochenende einer der beliebtesten Treffpunkte im buntgemischten Viertel Ixelles am östlichen Rand der Brüsseler Innenstadt. Man erledigt seine Einkäufe, man trinkt ein Gläschen Perlwein.

Eine Terrorwarnung legt Belgiens Hauptstadt lahm
Einkaufen im Ausnahmezustand: Polizisten und Soldaten sichern die Galerie de la Reine in Brüssel. In der belgischen Hauptstadt wurden Veranstaltungen und Wochenmärkte abgesagt, nachdem die Regierung Hinweise auf mögliche Terroranschläge erhalten hatte. Foto: dpa

Hier kommen sie alle zusammen: die Internationalen aus dem nahe gelegenen Europa-Bezirk, die Alteingesessenen, die Afrikaner aus dem Schwarzenviertel Matonge, die Betuchten aus ihren schnieken Art-Deco-Villen an den Teichen "Deux Etangs". Doch an diesem Wochenende wird das ungezwungene Miteinander jäh abgewürgt. Alarmstufe vier in der Region Brüssel, akute Anschlagsgefahr, die Hauptstadt Belgiens und der Europäischen Union ist im Ausnahmezustand.

Eigentlich waren sie auf Durchatmen eingestellt. Nach einer aufreibenden, vom ständigen Geheul der Polizei-Sirenen untermalten Woche im Zeichen der Terroristen-Jagd, düsterer Verlautbarungen der Regierung und unerfreulicher internationaler Aufmerksamkeit für die "Terror-Drehscheibe" Brüssel, sollte das Wochenende ein Stück Normalität zurückbringen. Und nun - das Gegenteil. Es geht weiter, es wird schlimmer. Eine Stadt igelt sich ein.

Der dicke Polizist und seine Kollegen ziehen von Stand zu Stand und informieren die Händler: "Am Sonntag kein Markt auf dem Flagey!" Die Marktfrau mit dem tollen Angebot an Pilzen packt hastig ihre Ware zusammen. Am Wochenende macht sie ihr bestes Geschäft. "Das ist traurig - ganz schlimm für uns!" Schräg gegenüber decken sich zwei Polizisten noch rasch mit frischem Brot ein, wer weiß, wann es wieder welches gibt. Sonntags versorgt sich die Stadt zum großen Teil über die zahlreichen Märkte, diesmal wird daraus nichts.

Belgiens Premier Charles Michel hatte den Alarmzustand auf die höchste Stufe angehoben - wegen "sehr präziser Anzeichen für eine Bedrohung". Erst am Sonntag sickert durch, warum die Behörden die höchste Terrorwarnstufe verhängt hatten, die es in diesem Ausmaß in Belgien noch nie gab. Es ist der Bürgermeister der Gemeinde Schaerbeek, Bernard Clerfayt, der ausplaudert: "Wir haben erfahren, dass sich zwei Terroristen auf Brüsseler Territorium befinden und gefährliche Taten verüben könnten." Einer davon ist Salah Abdeslam, ein 26-Jähriger aus dem Brüsseler Stadtteil Molenbeek. Vermutlich war er an den Pariser Attentaten mit 130 Toten beteiligt und ist wieder in Brüssel.

Es muss aber noch mehr Hinweise gegeben haben. So fanden Fahnder bei Hausdurchsuchungen am Freitagabend Waffen - und nach Spekulationen mancher Medien auch Metro-Pläne. Premier Charles Michel nennt als mögliche Anschlagziele Einkaufszentren, Einkaufsstraßen und den öffentlichen Nahverkehr.

Entsprechend leer bleibt es rund um Metrostationen und Bahnhöfe. Der riesige Basar am Südbahnhof, wo man von Fleisch und Gemüse über Zimmerpflanzen und Wintermäntel bis zum gebrauchten oder geklauten Fahrrad alles bekommt, bleibt geschlossen.

Der Bahnhof ist das Zentrum eines Viertels, in dem überwiegend Familien mit Wurzeln in Nordafrika, dem Nahen Osten oder der Türkei wohnen. Hier fahren die Hochgeschwindigkeitszüge Richtung Paris und London ab. Sie gelten als besonders gefährdet, nicht erst seit im August ein Gotteskrieger mit einer Sporttasche voller Waffen den Thalys Richtung Frankreich bestieg und nur in letzter Sekunde von couragierten Mitreisenden gestoppt werden konnte.

An diesem Wochenende ist der Bahnhof ruhig. Polizisten in blauer, Soldaten in grüner Uniform patrouillieren durch die Gänge. Mancher Reisende muss seine Fahrkarte nicht nur dem Bahn-Personal zeigen, sondern zusätzlich Männern mit Maschinenpistole.

Terrorwarnstufe vier - was das genau bedeutet, erleben die Brüsseler nun hautnah. Großveranstaltungen wie die Partien der Fußball- und Basketball-Ligen oder das Konzert des - auch in Belgien sehr populären - Altrockers Johnny Hallyday im Heysel-Palast fallen aus. Am Sonntag überlassen die Bürger das Feld weitgehend den allgegenwärtigen Uniformierten und Bewaffneten.

Auch der Betrieb einer festen Größe des Brüsseler Kulturlebens wird eingestellt. Der Buchladen Filigranes am Innenstadtring, laut Eigenwerbung die "größte ebenerdige Bücherei der Welt", zieht gewöhnlich am Wochenende besonders viel Publikum an. Einheimische ebenso wie Mitarbeiter der EU-Institutionen oder Diplomaten schätzen die Mischung aus literarischem Sortiment, Kuchen und Kaffee, Live-Musik und -Lesungen. Dieses Wochenende wird das alles dem Bedürfnis nach Sicherheit geopfert. "Rein ideologisch gesehen ist es zum Heulen", sagt Besitzer Marc Filipson.

Unterdessen läuft an mehreren Stellen der Stadt, darunter im Problemviertel Molenbeek, die Fahndung weiter nach Salah Abdeslam, dessen Bruder Ibrahim sich bei den Attentaten in Paris in die Luft gesprengt hatte. Salah, als Mittäter gesucht, wird in Belgien vermutet. Doch "die Bedrohung besteht nicht nur aus Abdeslam", erklärt Innenminister Jan Jambon. "Es handelt sich um mehrere Verdächtige. Das ist der Grund, weswegen wir alle Mittel in Stellung gebracht haben."

Am Sonntagabend legte der Nationale Sicherheitsrat unter Premierminister Michel fest, dass die Alarmstufe vier zu Wochenbeginn aufrechterhalten wird. Damit fällt der Unterricht in den rund 430 Schulen im Großraum Brüssel am Montag aus. Und auch die U-Bahn in der EU-Metropole bleibt bis auf weiteres geschlossen.

  • Attentäter Einer der mutmaßlichen Attentäter von Paris, Salah Abdeslam, ist nach Belgien geflohen. Er hat vermutlich eine Sprengstoffweste bei sich. Das sagte die Anwältin Carine Couquelet, die einen der mutmaßlichen Fluchthelfer vertritt, einem TV-Sender.
  • >Polizeikontrollen Abdeslam sei auf seiner Flucht von Paris nach Belgien drei Mal von der Polizei kontrolliert worden, sagte die Anwältin. Er durfte aber jedes Mal weiterfahren. Abdeslam, der zu dem Zeitpunkt noch nicht zur Fahndung ausgeschrieben war, habe während der Kontrollen „sehr ruhig“ gewirkt. Er habe eine „dicke Jacke“ getragen, unter der er „möglicherweise eine Sprengstoffweste“ trug. Die Anwältin vertritt den Verdächtigen Hamza Attou. Er soll den flüchtigen Abdeslam nach den Anschlägen mit dem Auto aus Paris abgeholt und nach Brüssel gebracht haben.
  • >Rückzieher Sein Bruder Mohamed Abdeslam sagte, Salah habe bei den Anschlägen in Paris offenbar in letzter Minute einen Rückzieher gemacht und sich nicht in die Luft gesprengt. afp

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23.11.2015, 12:00 Uhr

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