Horb · Fußball

Eine Torjäger-Legende ist nun in Rente

Ex-Spieler Harry Kläger (66) aus Freudenstadt. Er zählte in den „glorreichen 1970er-Jahren“ zu den Stützen der damaligen Erfolgs-Elf der Spvgg Freudenstadt.

20.11.2020

Von Willy Bernhardt

Harry Kläger war in seiner aktiven Zeit ein echter Flugkopfball-Spezialist. Bilder: Karl-Heinz Kuball

Auch eine Torjäger-Legende geht einmal in Rente. Grund genug für die SÜDWEST PRESSE, einmal mit einem einstigen Kicker über seine Laufbahn zu reden und zu erfahren, was sie heute macht. Und da führt im Bezirk Nördlicher Schwarzwald fast nichts an einem Freudenstädter vorbei. Sein Name: Harry Kläger. Sein damaliges Markenzeichen: wichtige Tore für seinen Herzensverein. Auch nach seinem aktiven Fußball blieb er seinem Lieblingssport erhalten, und zwar als erfolgreicher Gastwirt und in der Zwischenzeit auch auf dem Vermarktungs- und Event-Sektor.

Kein Wunder, dass die Spvgg Freudenstadt froh darüber ist, einen wie Harry Kläger mit seinem ausgeklügelten Netzwerk in den Reihen ihres „Ältestenrats“ zu wissen. Klar, dass er den Verein in der Organisation des 100-jährigen Jubiläums, welches eigentlich in diesem Jahr hätte groß gefeiert werden sollen, dabei tatkräftig unterstützt. „Aber nur im Hintergrund“, wie er bescheiden dazu anmerkt.

Dass dabei unter anderem ein limitiertes und von allen Spielern signiertes Original-Champions-League-Trikot des FC Liverpool ab einem Mindestgebot von 1500 Euro bei den im kommenden Jahr beabsichtigten und dann nachgeholten 100-Jahr-Feiern zur Versteigerung zu Gunsten der Jugendarbeit der Spielvereinigung Freudenstadt unter den Hammer kommt, ist natürlich auch Harry Kläger mit zu verdanken. Über seine Kanäle fand er Kontakt zum in Glatten aufgewachsenen Liverpool-Coach Jürgen Klopp und der machte dies dann persönlich durch Klopps Cousin Matthias Ziefle vom Hotel Schwanen in Kälberbronn möglich. Und auch noch dies: Klopp meldete sich in einer sehr persönlich gehaltenen Video-Botschaft sogar direkt an die alten Fußballkameraden aus Freudenstadt und gratulierte diesen zum 100-jährigen Jubiläum.

SÜDWEST PRESSE: Wie würden sie knackig, die aktuelle Situation in
Ihrem Leben skizzieren?

Harry Kläger: Ich bin jetzt 66 Jahre alt, seit August Rentner und stolzer Opa von einer Enkelin. Zudem bringe ich mich noch im Ältestenrat der Spielvereinigung Freudenstadt mit ein und gehöre dem Organisationsteam der 100-Jahr-Feier an. Dabei kümmere ich mich mit um den Festakt und das Open-Air-Konzert.

Sie gehören zu den lebenden Legenden der Spielvereinigung und prägten diese als gefürchteter Torjäger in den 1970er- und frühen 1980er-
Jahren. Was für Erinnerungen haben Sie an diese aufregende Zeit?

Seit meinem sechsten Lebensjahr war ich aktiv bei der Spvgg Freudenstadt. Nach 28 Jahren beendete ich meine aktive Laufbahn auf Grund von drei schweren Sportverletzungen. Nach einem Lungenriss, einem Kieferbruch und einem komplizierten Bruch des Unterarms war dann Schluss für mich. 1978 wechselte ich für ein Jahr zum FV Ebingen. Danach absolvierte ich ein Probetraining beim VfB Stuttgart, doch dieser bot mir, nur einen Amateurvertrag an. Dann ging ich wieder zurück zur Spielvereinigung Freudenstadt. Seit dem Sommer 1982 und gleich nach meinem Karriereende übernahm ich dann bis zum März 1998 als Pächter die Freudenstädter Kult-Sportlergaststätten „Am Dobel“ direkt am Sportplatz und von 1997 bis 2002 war ich Pächter der Gastronomie im „Sportpark“ der Stuttgarter Kickers mit Bewirtung im Waldau-Stadion in der Zeit, als die Kickers in der 2. Bundesliga spielten.

Zu den besten sportlichen Zeiten dürfte sicherlich das Engagement der Spielvereinigung Freudenstadt in der legendären Schwarzwald-Bodensee-Liga gezählt haben und vor allem auch der WFV-Pokalsieg. Welche
Erinnerungen verbinden Sie mit
dieser Fußball-Epoche?

Die Schwarzwald-Bodensee-Liga war damals die dritthöchste Spielklasse mit Heimspielen vor 2000 bis 3000 Zuschauern. 1975 gewannen wir den WFV-Pokal gegen Spvgg Lindau und im Halbfinale bezwangen wir den VfR Aalen mit Dieter Hoeneß. Im Viertelfinale hatte ich gegen nach 0:3-Rückstand gegen den GSV Maichingen mit zwei Toren großen Anteil am Weiterkommen und im Achtelfinale gegen den SV 03 Tübingen steuerte ich einen Treffer zu unserem 2:0-Sieg bei. Höhepunkt war sicherlich 1976 das DFB-Pokal-Heimspiel gegen den damaligen Bundesligisten Eintracht Braunschweig vor 8000 Zuschauern in Freudenstädter Hermann-Saam-Stadion. Auch das DFB-Pokal-Auswärtsspiel beim FSV Frankfurt ein Jahr später werde ich nie vergessen. Sicherlich interessant aus heutiger Sicht ist dies. Damals bekam die Spielvereinigung Freudenstadt vom DFB 10 000 Mark für ihre Teilnahme an der ersten Pokalrunde. Das wären heute 320 000 Euro für die Spielvereinigung – ohne Zuschauer- und Werbeeinnahmen.

Was hat dem damaligen Top-
Stürmer Harry Kläger gefehlt, um fußballerisch vielleicht noch
höherklassiger zu spielen?

Wie schon erwähnt, habe ich seinerzeit nach einem Probetraining beim VfB Stuttgart den mir von diesem angebotenen Amateurvertrag abgelehnt, was aus heutiger Sicht vielleicht ein Fehler von mir war. Danach wechselte ich für ein lukratives Angebot nach Ebingen. Aber bei denFreundschaftsspielen unserer Spielvereinigung gegen die Bundesligisten Eintracht Frankfurt, VfB Stuttgart und Eintracht Braunschweig wurden mir auch ganz klar meine Grenzen
aufgezeigt.

Welche Personen und Trainer fallen Ihnen da ganz spontan ein, die Sie maßgeblich in jener Zeit geprägt haben und Ihren Beitrag zur fußballerischen Hoch-Zeit der Spielvereinigung Freudenstadt geleistet haben?

Da ist ganz klar Ted Bähr zu nennen, der mich nach meinem Ebingen-Abstecher wieder zurück nach Freudenstadt geholt hat und die beiden Trainer Walter Burkhardt und Werner Bickelhaupt.

Wie würden Sie den wesentlichen Unterschied von Ihrer damaligen Spielergeneration zu der von heute beschreiben?

Im Amateurbereich gibt es gar keine so großen Unterschiede. Mannschaften, die Erfolg haben, haben bestimmt so wie wir früher eine gute Kameradschaft im Team. Ob aber die heutige Spielergeneration noch so einen großen Aufwand mit drei bis vier Trainings pro Woche und einem Pflegetag mit Massage auf sich nehmen würde, bezweifle ich. Und dies, ohne viel zu verdienen. Wir haben in der der dritthöchsten Liga Deutschlands damals 20 Mark pro Punkt und Spieler bekommen.

Haben Sie eine Erklärung dafür, weshalb es die Spvgg Freudenstadt bis heute nicht geschafft hat, sich einmal dauerhaft in der Landesliga zu etablieren, in die sie nach der Ansicht von vielen hiesigen Fußballfans eigentlich gehört? Von der Infrastruktur her passt ja praktisch alles und dass die Jugendarbeit vorbildlich ist, wissen alle.

Ja, die Infrastruktur und die Jugendarbeit sind top. Leider aber verlassen in den letzten Jahren immer wieder Spieler den Verein, da sie bei anderen Vereinen ein paar Euro fürs Kicken bekommen. Es gilt also auch hier: Ohne Moos nix los!

In welcher Form sind Sie heute noch dem Fußball in Freudenstadt verbunden und schauen Sie sich selbst zumindest hin und wieder auch noch Spiele im Hermann-Saam-Stadion noch selbst an?

Beruflich bedingt konnte ich leider nicht mehr regelmäßig selbst Spiele anschauen, jedoch war ich letzte Saison einige Male dabei und angenehm überrascht, wie sich diese junge Elf schlägt. Sie ist spielerisch top und man erkennt die Handschrift des Trainers. Ich bin überzeugt davon, dass da in den nächsten zwei bis drei Jahren wieder etwas entstehen kann – vorausgesetzt, die Mannschaft bleibt zusammen. Einmal im Jahr mache ich heute noch mit meinen Freunden eine 3-Tage-Reise“ zu Spielen wie unter anderem Borussia Dortmund gegen den FC Bayern München oder zu Paris St. Germain oder nach Liverpool. IBM letzten Jahr waren wir im legendären Stadion an der Grünwalder Straße das Amateur-Derby zwischen 1860 München und dem FC Bayern München.

Harry Kläger mit einem signierten Trikot des FC Liverpools, das gerade auf Ebay versteigert wird.

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Erstellt:
20. November 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
20. November 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. November 2020, 01:00 Uhr

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