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Abzocke mit Notdiensten

Eine Tübingerin beauftragte eine Rohrreinigungsfirma – und zahlte viel Lehrgeld

Wie hoch darf eine Handwerkerrechnung sein? Was ist angemessen, wo beginnt die Abzocke? Weil Waschbecken und Wanne in Bad und Küche nicht mehr richtig abliefen, hat eine Tübingerin einen Kanalreinigungsdienst beauftragt. Der verlangte für anderthalb Stunden Arbeit 913 Euro. Bar auf die Hand.

11.07.2015
  • Angelika BachMann

Tübingen. Im Nachhinein kann sich Martina Rieße (Name von der Redaktion geändert) nur an den Kopf fassen. „Wie konnte ich so naiv sein?“ Aber im ersten Moment war sie einfach überrumpelt. Die beiden jungen Handwerker hätten vertrauensvoll gewirkt, seien freundlich aufgetreten. Nein, was es koste, die leichte Verstopfung in Bad und Küche zu beseitigen, das könnten sie wirklich nicht im Vorfeld sagen, meinten die beiden Handwerker. Man wisse ja nicht, wo das Rohr verstopft sei.

Anderthalb Stunden waren die beiden in Bad und Küche an der Arbeit. Währenddessen arbeitete Martina Rieße in ihrem Arbeitszimmer am Schreibtisch. Dann präsentierten die Monteure die Rechnung: 913 Euro. Und die seien in bar zu bezahlen. Rieße war geschockt. So viel Geld habe sie gar nicht im Haus. Machte nichts: Die Monteure warteten, bis sie vom Geldautomat zurück war. Heute ist sich Martina Rieße sicher: Sie hat viel zu viel bezahlt. Und sie hätte nie in bar zahlen dürfen.

Solche Fälle mit Notdiensten sind der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg nicht unbekannt. Sie warnt in einem Informationsblatt: „Unseriöse Schlüsseldienste, Elektronotdienste und Rohrreinigungsfirmen nutzen die Notlage ihrer Kunden häufig aus, um richtig Kasse zu machen. Betroffene Kunden beklagen hohe Kosten und unzulässige Abrechnungsmethoden.“

In dem geschilderten Fall hat Martin Rieße die Kanalreinigungsfirma „SOS Umweltdienst“ über die „Gelben Seiten“ ausgewählt. Die Annonce enthielt eine Telefonnummer mit Tübinger Vorwahl. Dass diese mit einem kleinen Sternchen gekennzeichnet war, hat Rieße nicht registriert, deshalb auch nicht den Vermerk: „Kostenlose Anrufweiterschaltung zu unserem Sitz Heuchelheim“.

Mehrere Firmen unter einer Adresse

Heuchelheim in Hessen scheint, wenn man die großflächigen Anzeigen in den „Gelben Seiten“ betrachtet, das bundesdeutsche Zentrum des Kanalreinigungsgewerbes zu sein. Dort residieren „SG Kanaltec“, „Burger Kanalreinigung“, „SOS Umweltdienst“ und „Martins Rohrreinigung“. Nicht nur der Nachname der Geschäftsführer und Vertretungsberechtigten (Sunar Gülec, Christina Gülec, Martin Gülec oder Sefer Gülec) ist identisch – Anzeigen und Internetseiten der verschiedenen Firmen führen zur selben Postadresse und Telefonzentrale in Heuchelheim. In den „Gelben Seiten“ werben diese Firmen mit Telefonnummern, die Tübinger, Rottenburger oder Mössinger Vorwahl haben.

Bei der Handwerkskammer in Wiesbaden kennt man die Unternehmen der Heuchelheimer Wilhelmstraße 90, unter anderem weil Klagen von Kunden vor der Schlichtungsstelle verhandelt werden. Dort rät man Martina Rieße, ebenfalls den Weg der Schlichtung vor der Kammer zu beschreiten. Man werde das Unternehmen dann um eine Stellungnahme bitten. Weitere Aussagen und Angaben zu dem Unternehmen wollte die Kammer nicht machen.

Wie kam der hohe Rechnungsbetrag zustande? Auf dem Leistungsschein sind sowohl die Arbeitszeit als auch die gereinigten Rohrmeter abgerechnet. Die Verbraucherzentrale warnt vor dieser Praxis: „Durch diese Doppelberechnung wird die übliche oder angemessene Vergütung oft weit überschritten.“ Zudem listeten die Monteure noch auf: „Grundreinigung nach Beseitigung der Verstopfung, pauschal 199 Euro“ und „Druckluftreinigung 1x 117 Euro“. Diese Leistungen waren weder abgesprochen noch notwendig, ist nicht nur Martina Rieße überzeugt.

Um einen Kostenvergleich zu erhalten, holte das TAGBLATT einen Kostenvoranschlag bei einem regionalen Unternehmen ein, dem wir die aufgelisteten Arbeitsposten, allerdings nicht die von „SOS Umweltdienst“ berechneten Kosten zeigten. Rainer Beck, Geschäftsführer der Rottenburger Kanalreinigungsfirma Beck, kam aufgrund des geschilderten Falls auf einen Kostenvoranschlag von 221 Euro – bei ebenfalls zwei Monteuren. Bei der Beseitigung einer Rohrverstopfung berechne seine Firma nur die Arbeitszeit, so Beck. Die ausgewiesene „Grundreinigung“ ist für ihn mehr als fraglich. „Wenn ich mit der Spirale durchgehe, ist das Rohr ja eigentlich frei.“ Und zum Posten „Druckluftreinigung“ sagte Beck: „Keine Ahnung, was das sein soll.“

Das TAGBLATT fragte bei der Firma „SOS Umweltdienst“ nach, wie es zu dem mehr als dreifachen Betrag komme. Auch baten wir um Erläuterung der einzelnen Leistungsposten. Aber auch auf wiederholte Nachfrage erhielten wir keine Antwort aus Heuchelheim.

Handwerkerrechnungen müssen einen bestimmten Kostenrahmen einhalten, das bestätigte auch die Handwerkskammer Reutlingen. Eine Überschreitung um 100 Prozent des Ortsüblichen gelte als „Wucher“, sagte Kammer-Justitiar Richard Schweizer. Dagegen könne man gerichtlich vorgehen.

Ob sie rechtliche Schritte gegen das Unternehmen in die Wege leitet, will Martina Rieße sich noch überlegen. Allerdings hat sie wenig Hoffnung, dass sie Geld zurückbekommt. Immerhin, so meint sie, könne ihr Beispiel andere davor bewahren, ähnlich viel Lehrgeld zu bezahlen.

Weil es immer wieder Ärger mit unseriösen Notdiensten gibt, hat die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hierzu ein Informationsblatt herausgegeben (www.vz-bawue.de/notdienste). Darin steht unter anderem:
Wer Zweifel an der Höhe der Rechnung hat, sollte mit seiner Unterschrift nur die Anwesenheitszeit des Monteurs bestätigen und nicht den Arbeitsbericht. Mit der Unterschrift legitimiere man ansonsten auch überhöhte Rechnungen.
Barzahlung ohne vorherige Absprache kann nicht verlangt werden: „Auch wenn der Monteur Druck ausübt: Zahlen Sie nicht sofort! Lassen Sie sich eine Rechnung ausstellen.“
In aller Regel reicht für die Rohrreinigung der Einsatz einer elektronisch gesteuerten Spirale, die von einem Mann bedient werden kann. Die oftmals in Rechnung gestellten Arbeiten, wie Fräsen, Schleudern, Hochdruckspülen und Video-Überwachung, sind fast nie erforderlich.

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11.07.2015, 12:00 Uhr

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