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Woher der Wind damals wehte

Eine Wetterfahne am unteren Tübinger Schlosstor

Das untere Schlossportal ist ein prächtiges Zeugnis der sonst eher sparsamen Renaissance in Alt-Württemberg. Zahlreiche kunsthistorische Abhandlungen schildern seinen aufwändigen Schmuck, in dessen Zentrum der englische Hosenbandorden steht. Aber ein winziges Detail blieb bislang unbeachtet.

27.09.2008
  • Udo Rauch

Tübingen. In Tübinger Familienbesitz befindet sich ein Aquarell von 1857, das einen Ausschnitt der Neckarhalde beim Evangelischen Stift zeigt. Die Reihe der alten Giebelhäuser wird im Hintergrund bekrönt vom unteren Schlosstor und dem darüber aufragenden Schloss. Interessanter noch als die alte Ansicht ist der rückseitige Text. Er beschreibt das Aquarell und endet mit dem Satz: „Ganz hinten auf dem Schlosstor [sieht man] die Wetterfahne, die Professor Schübler sich zu seinen meteorologischen Studien dort anbringen ließ.“ Aber wer war dieser Professor Schübler? Wozu brauchte er eine Wetterfahne auf dem Schlosstor? Und wann kam sie abhanden?

Einfluss des Wetters auf die heimische Flora

Die Frage nach der Fahne ist schnell beantwortet. Auf älteren Fotografien des unteren Schlosstores trug das südliche Erkertürmchen bis weit ins 20. Jahrhundert eine Wetterfahne. Das nördliche Türmchen dagegen war immer nur mit eine Kugel bekrönt. Unser linkes Foto zeigt die zweilatzige Fahne um 1910 in der Silhouette. Darunter erkennt man den Anzeiger für die Windrichtung. Die heutige Aufnahme (rechts) offenbart, dass nur noch der Anzeiger übrig geblieben ist, während das Fähnchen mittlerweile fehlt. Wahrscheinlich ist es erst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verloren gegangen und nicht mehr ersetzt worden.

Gustav Schübler, der Urheber der Fahne, war von 1817 bis zu seinem Tode 1834 Professor der Naturgeschichte, insbesondere der Botanik an der Tübinger Universität. Zu seinen wichtigen Aufgaben gehörte die Betreuung des Botanischen Gartens, der 1805 vor den Toren der Stadt an der Ammer neu angelegt worden war. Unter seiner Leitung wurde der Artenbestand erheblich bereichert und Abteilungen für Gebirgs-, Wasser- und Farnpflanzen geschaffen. Empfindlichere Pflanzen wurden in dem von 1828 an erweiterten Gewächshaus gehegt.

Schüblers „Systematisches Verzeichnis der wildwachsenden phanerogamen Pflanzen um Tübingen“ ist Kennern der Tübinger Stadtgeschichte deshalb bekannt, weil es 1822 in Eisenbachs Stadtgeschichte veröffentlicht wurde. Schüblers „Flora von Württemberg“, 1834 erschienen, galt lange Zeit als Standardwerk und machte ihn zum „Begründer der modernen württembergischen Floristik“.

Neben botanischen Studien betrieb Schübler aber auch die Meteorologie. Sein Hauptinteresse galt dabei dem Einfluss der Witterung auf das Wachstum der Pflanzen. Dazu führte er täglich eigene Beobachtungen und Messungen durch. Für diesen Zweck brauchte er auch eine Wetterfahne, als deren Standort er das Schloss auserkor. Das von der Universität genutzte Gebäude beherbergte damals bereits eine Reihe naturwissenschaftlicher Institute, darunter die Sternwarte Bohnenbergers und das chemische Labor in der alten Schlossküche.

Der Meteorologe war seiner Zeit weit voraus

Nun kam also noch eine Wetterfahne auf dem unteren Schlosstor hinzu. Das neue Messinstrument war auch aus einem anderen Grund passend gelegen: Schübler wohnte schräg gegenüber in der Burgsteige 18 – dem heutigen Hotel am Schloss. Für das Ablesen musste er also kaum einen Schritt vor die Haustür setzen. Damit konnte er sich durchaus mit seinem Kollegen Bohnenberger vergleichen, der gleich neben seiner Sternwarte auf dem Schloss residierte.

1825 gründete Schübler den Meteorologischen Beobachterverein in Württemberg, dem sein Kollege Bohnenberger und Universitätsmechaniker Buzengeiger angehörten. Wilhelm Buzengeiger war wohl auch der Hersteller der Wetterfahne.

Gustav Schübler hat seine Forschungen 1831 in einem zweibändigen Werk unter dem Titel „Grundsätze der Meteorologie in näherer Beziehung auf Deutschlands Clima“ veröffentlicht. Damit gehört er zu den Begründern der Meteorologie in Württemberg. Fachleute schätzten ihn noch Jahrzehnte später als profunden Wissenschaftler. So schrieb etwa das Statistische Landesamt 1905, dass Schübler „in meteorologischen Arbeiten gleichsam 100 Jahre seiner Zeit voraus“ gewesen sei. Schüblers Zeitgenossen hatten dagegen weniger Verständnis für den auf seine Forschungen konzentrierten Wissenschaftler. Studenten reimten auf ihn: „Er hat für’s Leben wenig Sinn / Ein Pflänzchen nur ist ihm Gewinn“. Kollege Robert von Mohl urteilte in seinen Lebenserinnerungen abschätzig: er sei „beschäftigt mit sinn- und zwecklosem Sammeln und Tabellenmachen.“

Die kleine unscheinbare Wetterfahne soll übrigens bei passender Gelegenheit wieder hergestellt werden – als sichtbares Zeugnis für den Aufbruch der Universität im 19. Jahrhundert in die Moderne.

Eine Wetterfahne am unteren Tübinger Schlosstor
Das untere Schlosstor mit...Das untere Schlosstor mit...

Eine Wetterfahne am unteren Tübinger Schlosstor
... und ohne Wetterfahne.

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27.09.2008, 12:00 Uhr

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