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Das Gasthaus „Zum Hanskarle“ wurde schon bald nach dem Neubau zur Zentrale der Sparkasse

Eine Zeit lang gab es in der Bank auch Bier

Tübingen. Sogar die Tübinger Adventgemeinde hatte ihre Wiege im „Hanskarle“ stehen, einer Gaststätte, von der heute im Wesentlichen nur noch die Hülle erhalten ist. Neun Gemeindeglieder hielten hier im Frühjahr 1908 ihre Gründungsversammlung ab, nachdem am gleichen Ort ein Prediger ein halbes Jahr lang in Vorträgen darauf eingestimmt hatte.

27.04.2011
  • Hans-Joachim Lang

Das markante Jugendstilgebäude, vor dem die Doblerstraße (früher: Kaiserstraße) und die Österbergstraße abzweigen, ließ 1904 der Lustnauer Bierbrauer Louis Heinrich nach Plänen des Tübinger Architekturbüros Stähle& Fischer errichten, das ebenfalls in den Neubau einzog.

Zuvor schon stand an dieser Stelle eine Wirtschaft „zum Hanskarle“. Sie hatte weichen müssen, damit der Platz am früheren Lustnauer Stadttor großzügig gestaltet und der Österberg besser erschlossen werden konnte. An der Kaiserstraße nahmen am 9. Oktober 1905 die Richter und Staatsanwälte im soeben fertiggestellten Justizpalais den Dienstbetrieb auf, am Wochenende davor annoncierte Andreas Steiner in der „Tübinger Chronik“ die Eröffnung seines neuen Gasthauses „zum Hanskarle“.

In den Jahren kurz vor und nach der Jahrhundertwende veränderten enorme Bautätigkeiten den äußeren Kranz um die Altstadt. Die alte Neckarbrücke wurde zugunsten einer Neukonstruktion abgebrochen, die Mühlstraße angelegt und mit modernen Geschäftshäusern bebaut, in der Uhlandstraße begann die „Tübinger Chronik“ in einem Neubau ein frisches Kapitel Zeitungsgeschichte, Kliniken siedelten oberhalb des Botanischen Gartens an.

Zu dem städtischen Ring kamen bald auch die entsprechenden bürgerlichen Vergnügungen. Im Café Ludwigsbad (heute Neckartor) eröffnete 1905 ein Billardraum, der eine ganze Etage ausfüllte, in der Mühlstraße 20 (heute „Little Italy“) ein Café mit Konditorei, ein weiteres Café unterhalb des Gerichtsgebäudes (heute „Centrale“).

„Hanskarle“ lud die Kundschaft gleich in mehrere Räume ein. Im Erdgeschoss befanden sich sowohl ein Weinlokal als auch eine Bierhalle. Weitere Gasträume gab es im ersten Obergeschoss. Warum das Haus schon 1921 den Besitzer wechselte, ist nicht überliefert.

Albrecht Locher, der vor etlichen Jahren das Etablissement für die „Tübinger Blätter“ beschrieb, vermutet, dass nicht rentabel gewirtschaftet wurde. Er hat aus den Plänen ermittelt, wie die Oberamtssparkasse als neue Eigentümerin das Gebäude umgestaltete. Demnach richtete sie in der Weinkneipe das Direktionszimmer ein. Die Bierkneipe wurde zur Schalterhalle umgebaut, und an der Stelle der Pissoirs fand der Tresor seinen Platz.

Riesige Geldmengen wurden in den Anfangsjahren in der Bank verbucht. So waren im Inflationsherbst 1923 die Einlagen auf über 31 Trillionen Reichsmark gestiegen, eine Zahl mit 15 Nullen.

Mit der Umwandlung der alten Oberämter in Kreise im Jahr 1934 wurde die Oberamtssparkasse in Kreissparkasse umbenannt. Als 1938 die Kreisgrenzen neu abgesteckt und fast der komplette frühere Rottenburger Oberamtsbezirk den Tübingern zugeschlagen wurde, übernahm die hiesige Kreissparkasse auch ihr Rottenburger Pendant. Noch bis in die 1940er Jahre behielt sie die Gepflogenheit aus der Anfangszeit im Neubau bei, einmal im Jahr Bier auszuschenken. Auf dieses Weise konnte sie die Gasthaus-Lizenz aufrecht erhalten.

Vielfach bauten die Eigentümer das mächtige Gebäude um, zeitweise verschwand das Fachwerk unter Putz, wie überhaupt sich die alte Fassade fast zur Unkenntlichkeit veränderte. Durch die letzte Sanierung, die sich wieder am alten Gepräge orientierte, wurde das Haus im Jahre 1988 neu herausgeputzt. In diesem Stil präsentiert es sich noch heute. Nur innen ist es nicht mehr, was es einmal war. Nach 85 Jahren verlegte die Kreissparkasse vor knapp drei Jahren ihren Sitz nach Derendingen und hinterließ am alten Standort lediglich eine Geschäftsstelle.

Eine Zeit lang gab es in der Bank auch Bier
1905 eröffnete im Eck aus Kaiserstraße (links) und Österbergstraße das Gasthaus „Zum Hanskarle“.

Eine Zeit lang gab es in der Bank auch Bier
Die Kreissparkasse heute.

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27.04.2011, 12:00 Uhr

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