Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Kommentar

Eine beharrliche, abwägende Dekanin

So lange haben es ihre beiden Vorgänger nicht im Amt ausgehalten: Heiner Küenzlen wechselte nach neun Jahren zum Oberkirchenrat, Reinhard Hermann ging nach 16 Jahren in den Ruhestand. Marie-Luise Kling-de Lazzer hat gleich zwei neue Rekorde aufgestellt. Sie war die erste Frau, die im evangelischen Kirchenbezirk zur Dekanin gewählt wurde, und sie hat es in diesem Amt zumindest seit 1970 am längsten ausgehalten. Fast 17 Jahre war sie die Dienstvorgesetzte von den über 60 Pfarrern in den 45 Kirchengemeinden des Bezirks.

17.07.2012
  • Christiane Hoyer

Was hat die Dekanin nach außen bewegt, wie war sie als Chefin? Es ist bezeichnend für die knapp 65-Jährige, dass sie in ihrer eigenen Bilanz Selbstkritik übt. Personalentscheidungen fielen ihr mitunter schwer. Da war sie manches Mal zu zögerlich oder bekam Gegenwind – etwa als es um die Besetzung des Kirchenmusikdirektor-Postens ging und sich eine Gruppe öffentlich gegen den dann Gewählten Ingo Bredenbach aussprach. Doch genau bei dieser Besetzungsfrage hat die Dekanin andererseits auch eine Beharrlichkeit an den Tag gelegt, die bezeichnend für ihr Tun war.

Als Konfliktschlichterin musste sich die Dekanin so manches Mal einmischen, wenn sich einige Pfarrer um theologische Grundsätze stritten – es ging dabei auch um die Verteidigung eigener Arbeitspfründe. Doch einstige Kontroversen wie die zwischen dem pietistisch geprägten Bengel-Haus und dem liberalen Evangelischen Stift verloren in Kling-de Lazzers Amtsjahren zunehmend an Bedeutung – da war eine Entwicklung im Gang, mit der die Dekanin nur mittelbar zu tun hatte.

In ihre Amtszeit fiel jedoch die kirchenpolitische Arbeit mit Flüchtlingen. Tübingen wurde als Stadt des Kirchenasyls der Familie Güler bekannt. Als Dekanin war sie dabei allerdings schon allein von Amts wegen nicht die treibende, sondern mitunter auch die bremsende Kraft. Ihr vorsichtiges Agieren in der Öffentlichkeit stand oft im Kontrast zu ihren klaren Bekenntnissen von der Kanzel herab, zum Beispiel als es um die Abschiebung einer Familie aus Kusterdingen kurz vor Weihnachten ging.

Selten mochte die Dekanin zu aktuellen, gesellschaftspolitischen Fragen öffentlich Stellung beziehen oder sich positionieren. Das Abwägen war schon eher ihre Sache, das Polarisieren überhaupt nicht. Und bei manchem Wirken wiederum stellte sich die im Allgäu aufgewachsene Theologin bescheiden in die zweite Reihe, überließ das Marketing anderen.

Eine Zäsur war ihre Bischofs-Kandidatur 2005. Nach ihrer Niederlage zog sie sich auf ihre Verwaltungsaufgaben zurück, nahm eine Auszeit an der Uni Berlin. Kirche, sagte die Dekanin, am Sonntag bei ihrer Abschiedspredigt, sollte aus ihren Mauern herauskommen, damit es zu überraschenden Begegnungen kommt. Die hat sie in vielen Bereichen – wie der Schul-, Notfall- und Klinikseelsorge – auch vorangebracht. Aber ohne Sprengkraft.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

17.07.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball