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Husarenritte auf der Gurgel

Eine international berühmte Moto-Cross-Strecke

HIRRLINGEN. In den Fünfzigern ging es rund auf der Hirrlinger „Gurgel“. Die hügelige Rennpiste südlich des Ortes galt als eine der landschaftlich schönsten, wenn auch, zumindest laut damaliger „Neckarchronik“, schwierigsten Moto-Cross-Strecken Deutschlands. Einige Deutsche Meisterschaften und selbst internationale Läufe wurden dort ausgetragen. 1955 zog das Spektakel rund 10.000 Besucher an.

04.09.2004
  • Frank Rumpel

„Moto-Cross ist fraglos der Motorsport der Zukunft“, schwärmte Willy Helmut Stengel 1955 in der „Neckarchronik“. „Wer einmal die „Husaren im Rennsattel‘ über den Kurs gehen sah, ist für die Sache gewonnen.“ Tatsächlich war der Hirrlinger Leon-Seilaz-Ring mit seinen 1,2 Kilometern Länge und „nicht weniger als vierzehn oft metertiefen Bodenwellen, zehn natürlichen Sprunghügeln und einem fast 45-prozentigem Steilhang“ für Moto-Cross-Freunde eine gute Adresse in Deutschland. In jenem Jahr kamen laut „Neckarchronik“ rund 10 000 Zuschauer, um sich Maschinen von KDW, Puch, NSU und Maico zusammen mit der Elite des deutschen und europäischen Moto-Cross-Sports anzuschauen.

Ein junger Sport

Leon Seilaz war ein Züricher Fabrikant, der auch in Hirrlingen Frisierhauben und Perücken produzierte und das erste Moto-Cross-Rennen 1953 mit organisierte. Allerdings starb er kurz zuvor und bekam später einen Gedenkstein gewidmet. „Der kleine Ort selbst“, heißt es ein Jahr später, „bietet das vertraute Bild aller großen Rennplätze mit Fahnen, Girlanden, Spruchbändern und Reklameschildern der Kraftfahrzeug- und Zubehörindustrie. Die Atmosphäre eines großen Rennens!“.

Der Sport selbst war noch jung und erst Anfang der Fünfziger in Deutschland bekannt geworden. 1951 fuhr der Engländer John Betty in Düsseldorf Rennen mit seiner aus England importierten Moto-Cross-Maschine. Das habe sich rumgesprochen, erzählt der Pfäffinger Rolf Müller, der zehn Jahre lang professionell Moto-Cross-Rennen fuhr. Auch er sei damals hingefahren und habe sich das angeschaut. Kurze Zeit später startete er als Werksfahrer für die Pfäffinger Firma Maico auch auf dem Hirrlinger Leon-Seilaz-Ring. Als besonders schwierig oder gefährlich hat er die „Gurgel“-Runde übrigens nicht im Kopf. „Jede Strecke hat ihre Eigenheiten“, sagt er. In Hirrlingen habe es aber weder Felsen, noch Bäume, keine besonders weiten Sprünge und auch keine sehr hohen Geschwindigkeiten gegeben. Für die Zuschauer allerdings war die „Gurgel“ vom Feinsten, weil man von fast jeder Stelle einen guten Überblick hatte.

In Erinnerung geblieben ist Müller allerdings das Jahr 1957, als die Veranstaltung, wie die Neckarchronik berichtet, „im Dreck ersoff“. Permanente Regenfälle machten das Rennen, wie Müller sagt, „zu einer Schlammschlacht“. Die Strecke sei wegen des Lehmbodens teilweise wie Glatteis gewesen und zumindest im Training habe es ihn schon mal hingelegt. Machte aber nichts, „weil man nicht so schnell war und nicht so weit flog“.

Widrige Verhältnisse

Dem Publikum beschied die „Neckarchronik“ angesichts der widrigen Wetterverhältnisse stoische Gelassenheit: „Keiner wich und alles hielt im strömenden Regen aus!“. Den Kindern unter den Zuschauern scheint übrigens dieses Jahr besonders imponiert zu haben. Pius Saile jedenfalls erinnert sich, aufs Thema angesprochen, als erstes daran, „wie da die Dreckbollen wegflogen“.

57 Fahrer waren 1955 in sechs Klassen am Start. Drei Jahre später waren es bereits über 80, darunter auch Fahrer aus der Schweiz, Österreich, Schweden oder Amerika. Bei den deutschen Meisterschaften drehte sich fast alles um das Duell zwischen den Konkurrenzfirmen Maico und der Ingolstädter DKW. 1956 etwa waren in der 175-ccm-Klasse fünf „blaue“ DKWs gegen zehn „rote“ Maicos am Start. In diesem Jahr hatte der Heidenheimer Herbert Ott, „ein zwanzigjähriger, waghalsiger Bursche“, in den Vorentscheiden „die Maico-Elite glatt auf die Plätze verwiesen“. Der Ausgang des Rennens allerdings, zu dem 1,50 Mark Eintritt zu berappen waren, ist nicht archiviert. Den Fahrern winkten Geldprämien und, wie es hieß, „über 30 Ehrenpreise“.

Fahrer aus acht Nationen

Bereits ein Jahr zuvor muss besonders das internationale Rennen bei den 500ern ein Spektakel gewesen sein, weil die Beherrschung der „schweren Fabrikate von BSA, Matchless, Horex und BMW“ auf dem „äußerst schwierigen Gelände vom Fahrer über die zwölf Runden Kraft und Ausdauer verlangen.“ Fahrer aus acht Nationen starteten hier, unter ihnen auch der Pfäffinger Fritz Betzelbacher, der 1957 Europameister wurde, und Rolf Müller, der es zwei Jahre später zum Vize-Europameister brachte. 1956 drehte eine „Hamburger Firma“ einen „Motorsport-Tonfilm“ mit Ausschnitten aus großen deutschen und internationalen Motorsportrennen. Auf dem Nürburgring und in Monza wurde da gefilmt. Das einzige Moto-Cross-Rennen, das mit aufs Zelluloid gebannt wurde, war, laut „Neckarchronik“, der fünfte Deutsche Meisterschaftslauf in Hirrlingen.

Auch einige Splitter rund um die „Gurgel“ hat die „Neckarchronik“ kolportiert. So habe etwa die Rennleitung 1958 aus Belgien folgende Anfrage erhalten: „Sehre geerte Reneleting! Ich würde bei ihn starden wenne ich kene schlafe und Esen bei Dir und Du bezahl anstendige Sbesen.“ Der Rennleiter habe abgelehnt, heißt es.

Rotwein zum Frühstück

Der belgische Spitzenfahrer Meunier habe, so berichtet die Chronik, einen gesunden Appetit an den Tag gelegt. „Das Frühstück bestand bei ihm aus einem Omelett aus zwölf Eiern mit Schinken und einer Flasche guten Rotwein. Als der SAC-Schatzmeister (der Schwäbische Automobil-Club Rottenburg veranstaltete die Rennen) die Rechnung dieses teueren Gastes bezahlte, soll er Tränen in den Augen gehabt haben.“

Die Rennen wurden Ende der fünfziger Jahre eingestellt. Die Rennstrecke war übrigens laut Pius Saile keineswegs ein, wie es in der „Neckarchronik“ verklärend hieß, „seit Jahrhunderten unberührtes Hügelgelände“. Die Bauern, weiß Saile, holten dort ihren Gips, um die Äcker zu düngen und formten so die spätere Moto-Cross-Strecke entscheidend mit.

Eine international berühmte Moto-Cross-Strecke
Die Atmosphäre eines großen Rennens mit Fahnen, Girlanden und Werbebannern bot die Hirrlinger Moto-Cross-Strecke in den fünfziger Jahren. Die Fahrer hatten mit Bodenwellen, Sprunghügeln und einem Steilhang zu kämpfen, den Zuschauern bot sich von fast jeder Stelle gute Sicht aufs Geschehen.

Eine international berühmte Moto-Cross-Strecke
Vermutlich 1956 oder 1957 entstand diese Aufnahme, die neben dem Herrenberger Otto Walz auf einer 175-ccm-Maico die große Linde zeigt, die über 100 Jahre lang das Bild von der „Gurgel“prägte und im vergangenen Sommer einem Gewittersturm zum Opfer fiel.

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04.09.2004, 12:00 Uhr

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