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Verkehr

„Eine riesige Belastung“

Morgen ist der „Internationale Tag gegen den Lärm“. In Baden-Württemberg klagen viele Anwohner über laute Motorräder. Kann das Land etwas tun?

25.04.2017
  • AXEL HABERMEHL

Stuttgart. Wenn man Natur als angenehm empfindet, muss einem da, wo Georg Erzberger wohnt, das Herz jubeln. Ein kleiner Weiler im Biosphärengebiet Schwäbische Alb. Ein enges Tal, Wiesen, Felder, Hügel, Wald – alles wie gemalt. Keine 50 Meter von Erzbergers Haus entfernt murmelt das Flüsschen Lauter gemächlich seiner nächsten Biegung entgegen, die Ferienpension um die Ecke heißt „Idylle“. Das trifft es ganz gut.

Erzberger aber sagt: „Die Situation wird immer schlimmer.“ Denn die Idylle ist lärmgetrübt. Die gut ausgebaute, kurvige Kreisstraße, die sich am Flusslauf entlang durchs Tal schlängelt, bringt nicht nur Wanderer und Kanufahrer hierher, sondern auch Schwärme von Motorradfahrern. „An Tagen mit schönem Wetter“, sagt Erzberger, „ist das eine riesen Belastung für die Anwohner.“

Saison hat gerade begonnen

Vor ein paar Wochen hat die Motorradsaison begonnen, und damit für manche Menschen eine halbjährlich wiederkehrende Zumutung. Ob am Albtrauf, im Schwarzwald oder in den Löwensteiner Bergen: Wer an beliebten Motorradstrecken lebt, kann das Lied vom Lärm singen.

„An Sonntagen mit schönem Wetter kann ich meine Terrasse nicht benutzen“, sagt Rudolf Schustereder. Er wohnt ein Dorf weiter, direkt am Ortseingang. Die meisten Motorradfahrer führen zwar anständig, sagt er. Aber am Ortsschild drehten viele das Gas auf, um möglichst schnell auf die erlaubten 100 Stundenkilometer zu kommen. In entgegengesetzter Richtung heulen die Motorbremsen. Und manche Fahrer, Schustereder sagt „die Idioten“, wollen in seinen Augen einfach rasen und Krach machen. „Jeder weiß, dass zu viel Lärm krank macht“, sagt Schustereder. „Aber hier tut sich einfach nichts.“

Krach, wodurch auch immer verursacht, kann schädlich sein. „Lärm als psychosozialer Stressfaktor beeinträchtigt nicht nur das subjektive Wohlempfinden und die Lebensqualität, indem er stört und belästigt. Lärm beeinträchtigt auch die Gesundheit im engeren Sinn“, warnt das Umweltbundesamt.

Studien zu schädlicher Lärmwirkung gibt es viele, auch deshalb gelten in Deutschland für Arbeitsplätze Grenzwerte und Richtlinien. Für den Straßenverkehr gibt es so etwas nicht. Deshalb bleibt Bürgerinitativen, wie es sie auch im Lautertal längst gibt, nicht viel übrig als Protestkampagnen und Beschwerden.

Solche Post landet dann auch bei Thomas Marwein. „Circa fünf bis zehn Mails“, schätzt der Grünen-Landtagsabgeordnete, lägen nach jedem schönen Wochenende in der Motorradsaison in seinem Postfach. Marwein ist der Beauftragte der Landesregierung für Lärmschutz, er sagt: „Motorradlärm ist eine flächendeckende Zumutung für die Menschen in Baden-Württemberg.“

Doch nicht jede Zumutung der Moderne ist politisch zu beheben. Rechtlich, sagt Marwein, könne er kaum etwas tun. „Die Gesetzgebung in dem Bereich liegt komplett beim Bund.“ Strengere Regeln, Verbote, Strafen, etwa für lärmfördernde Manipulationen am Auspuff – all das liegt nicht in seiner Kompetenz. Zudem sind viele Maßnahmen – von allgemeinen Tempobeschränkungen bis zu speziellen Fahrverboten – auch in ihrer Wirkung umstritten. Motorräder sind nicht verboten, der Lärm beim Fahren resultiert vor allem aus dem Fahrstil.

Das Land schlägt daher einen „alternativen Lösungsansatz“ vor. Das Verkehrsministerium hat zusammen mit einer Firma aus Norddeutschland eine „Motorradlärm-Displayanzeige“ entwickelt. Dahinter steht eine Kombination aus zwei bekannten Geräten: Leitpfostenzählgeräte, die den Lärm vorbeifahrender Fahrzeuge messen und Text-Displays, wie man sie von Ortseingängen kennt. Fährt ein lautes Motorrad in die Messstelle, blinkt „Leise!“ auf der Tafel. Ziel sei „die Motorradfahrer und -fahrerinnen auf einen zu lauten Fahrstil aufmerksam zu machen und zu leiserem Fahrverhalten aufzurufen“.

Die Geräte wurden in den vergangenen zwei Jahren an drei Motorradstrecken im Land getestet – laut Marwein mit messbarem Erfolg. An einer Stelle sei es gelungen, das Tempo der vorbeifahrenden Motorräder im Schnitt um fünf Stundenkilometer zu senken und die Zahl der „unerfreulichen Lärmereignisse“ an einer nahen Reha-Klinik fast zu halbieren.

Die Technik sei jetzt „serienreif und gut handhabbar“. Jede der Anlagen koste ungefähr 12 000 Euro. Nun sieht der Lärmschutzbeauftragte des Landes Andere am Zug. „Als Land haben wir die Idee geliefert und ein serienreifes System entwickeln lassen“, sagt Marwein. „Die Anschaffung und der Betrieb liegen aber in der Zuständigkeit der Kreise, Städte und Gemeinden.“

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25.04.2017, 06:00 Uhr

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