Kreis Freudenstadt · Soziales

„Einen Notruf absetzen kann jeder“

Notärztin erklärt, was im Notfall vorrangig ist. In Waldachtal dankte die Bürgermeisterin den ausgebildeten Ersthelfern des DRK.

23.09.2022

Von Gabriele Weber/ NC

Bürgermeisterin Annick Grassi (links) dankte Waldachtals Ersthelfern. Bild: Gabriele Weber

Bürgermeisterin Annick Grassi (links) dankte Waldachtals Ersthelfern. Bild: Gabriele Weber

Waldachtals Bürgermeisterin Annick Grassi dankte den „Helfern vor Ort“ des DRK Waldachtal: Tobias Lutz, Marina Lutz, Lasse Schröder, Sarah Kümpfbeck, Michael Krüger, Richard Stehle, Domenik Hensel, Markus Beilharz und Thomas Schwarz. „Sie sind immer im Einsatz, oftmals die ersten am Einsatzort und dies meist in der eigenen Nachbarschaft, was nicht immer leicht ist“, sagte Grassi. 2022 hätten einige bereits sehr intensive Einsätze gehabt. Helfer vor Ort seien nicht selbstverständlich und keine Pflicht für einen DRK-Ortsverein. Sie sei sehr froh, diese Sicherheit in der Gemeinde zu haben. „Wir sind wirklich stolz, euch zu haben.“ Sie überreichte jedem eine mit Süßigkeiten gefüllte Waldachtaltasse.

Nach zwei bis vier Minuten da

Michael Krüger berichtete in Vertretung für Waldachtals DRK-Bereitschaftsleiter Thomas Schwarz: Die Helfer träfen häufig schon zwei bis vier Minuten nach Alarmierung an der Einsatzstelle ein können. Und dies rund um die Uhr und 365 Tage im Jahr. Zehn Herz-Kreislaufstillstände gäbe es durchschnittlich im Jahr. Pro Minute Sauerstoffunterversorgung sinke die Überlebenswahrscheinlichkeit um zehn Prozent. Die Ersthelfer überbrückten bis der Rettungswagen da ist. Zwei Rettungswagen stehen in Schopfloch und sind in 80 Prozent der Fälle sofort verfügbar. Weitere Rettungswagen stehen in Horb und Freudenstadt.

Rund 150 Einsätze bestreiten die Waldachtaler Ersthelfer jährlich. „Tendenz steigend.“ Krüger bekannte: „Ich bin sehr stolz, zu dieser jungen, sehr schlagkräftigen Gruppe zu gehören.“ Zu den Kosten der Ausrüstung sagte Krüger: 465 Euro koste die persönliche Schutzausrüstung, die vom DRK gestellt wird. Ein Notfallrucksack liegt bei 1200 Euro, ein AED-Gerät bei 1800 Euro. Der digitale Meldeempfänger kostet 400 Euro. Pro Einsatz können für Verbrauchsgegenstände wie AED-Elektroden, Tubus, Beatmungsbeutel und medizinischen Sauerstoff 200 Euro anfallen.

Das Klinikum Freudenstadt unterstreicht die Bedeutung der Ersthelfer im Kreis. Denn vor allem in ländlichen Regionen seien Ersthelfer oft Lebensretter. Die Leitende Notärztin Dr. Brigitte Callies sagt: „Nur Nichtstun schadet wirklich.“ Mit dem Welttag der Ersten Hilfe stehe der September ganz im Zeichen der Ersthelfer, schreibt das Klinikum Freudenstadt in einer Pressemitteilung.

„Einen Notruf absetzen kann jeder“, betont Callies. „Und damit ist die allerwichtigste Hilfe geleistet.“ Viele Menschen hätten Angst, weitere Hilfsmaßnahmen zu leisten. Zu groß sei die Sorge, etwas falsch zu machen und Schaden bei den hilfsbedürftigen Personen anzurichten. Da helfe ein altbewährtes Prinzip: Üben. Sie appelliert an regelmäßige Auffrischung der Erste-Hilfe-Kurse.

In wirklichen Notfällen machten Ersthelfer den entscheidenden Unterschied. „Bei wirklichen Notfällen wie beispielsweise einem Herzkreislaufstillstand hat der Rettungsdienst kaum eine Chance, rechtzeitig zu kommen, auch wenn er es unter der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestzeit schafft.“ Selbst wenn die Entfernungen im Kreis Freudenstadt kürzer wären – das Zeitfenster, innerhalb dessen reagiert werden muss, ist einfach zu klein. „Daran könnten auch mehr Notarzt-Standorte im Landkreis nichts ändern.“

Umgehende Herzmassage

Wirklich erfolgreiche Reanimationen, die bleibende Hirnschäden vermeiden konnten, hat die Notärztin nur erlebt, wenn Angehörige und Passanten umgehend eine Herzdruckmassage durchgeführt hatten. „Es ist nicht einmal notwendig, Mund-zu-Mund-Beatmung zu machen, und es ist egal, ob die Massage schulbuchgemäß verläuft. Hauptsache das Herz wird am Pumpen gehalten“, erklärt die Notärztin. Sie kennt eine ganze Reihe Patienten, welche ihr Leben und ihre vollständige Genesung dem beherzten Eingreifen von Ersthelfern verdanken. „Jeder kann den entscheidenden Unterschied machen“, betont Dr. Callies.

Erste Hilfe beschränke sich nicht auf dramatische Reanimationsmaßnahmen. Schnittverletzungen oder Krampfanfälle gehörten zum Alltag der Notärzte. „Wir hatten Ersthelfer, die mit Geschirrtüchern und Gürteln aufgeschnittene Arterien versorgt haben.“ Schulsanitäter im Teenageralter brachten einen krampfenden Mitschüler in stabiler Seitenlage und schoben Möbel zur Seite, um Verletzungen zu verhindern. Für die Notärztin sind Erste-Hilfe-Kurse nicht nur wichtig, um Hilfsmaßnahmen im Notfall zu lehren. Die Kurse lehrten auch zu unterscheiden, ob für eine Verletzung und Erkrankung tatsächlich gleich ein Notarzt benötigt wird.

Dass Erste Hilfe für jeden Menschen in jedem Alter erlernbar ist, zeigt laut Brigitte Callies die Jugendarbeit der Rettungsdienste und der Schulsanitäter. Die Jugendgruppen der Rettungsdienste üben regelmäßig Einsätze und haben sich schon mehrfach im Ernstfall bewiesen. „Die Mädchen und Jungen sind mit Begeisterung dabei und versorgen ihre Klassenkameraden vorbildlich, bis der Rettungsdienst kommt.“

Die regelmäßige Auffrischung der Erste-Hilfe-Kurse ist der Notärztin ein dringendes Anliegen. „Die Angst vor dem Helfen verliert man, wenn man sich regelmäßig schulen lässt.“ Informationen gebe es bei allen Hilfsorganisationen im Landkreis Freudenstadt.

Aber auch wenn der letzte Kurs schon so lange zurück liegt, dass die Inhalte vergessen sind: „Zumindest das Absetzen eines Notrufes ist für jeden machbar und auch die emotionale Betreuung von Erkrankten und Verletzten bis zum Eintreffen der Rettungskräfte ist immer eine große Hilfe.“

150 Länder machen mit

Der Welttag der Ersten Hilfe ist eine Initiative der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Halbmondgesellschaften. Seit über zwanzig Jahren wird er im September begangen. Mittlerweile nehmen 150 Länder an diesem Aktionstag teil.

Zum Artikel

Erstellt:
23.09.2022, 17:22 Uhr
Lesedauer: ca. 3min 37sec
zuletzt aktualisiert: 23.09.2022, 17:22 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen