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Geheimsache oder Vertrauenssache?

Einer Neunjährigen wird der Schulvertrag an der Waldorfschule gekündigt – und die Eltern fragen sich warum

Schulen von Freien Trägern wie die Waldorfschule genießen mehr Freiheiten als staatliche Schulen. Zum Beispiel können sie sich die Freiheit herausnehmen, Schulverträge von Schülern zu kündigen, weil sie das „Vertrauensverhältnis gestört“ sehen – ohne das genauer zu begründen. Ein Bericht anlässlich Miriams letztem Schultag in der Tübinger Waldorfschule.

29.07.2014
  • Angelika Bachmann

Heute wäre eigentlich Miriams letzter Schultag vor den Ferien (Name von der Redaktion geändert). Tatsächlich ist Miriam schon seit mehr als zwei Wochen nicht mehr in ihrer Grundschulklasse in der Waldorfschule gewesen. Ihren Eltern wurde mitgeteilt, der Schulvertrag für ihre neunjährige Tochter werde gekündigt, weil das Vertrauensverhältnis zu den Eltern nachhaltig gestört sei. „Wir wissen bis heute nicht, was das Problem ist“, beteuern die Eltern. Die Lehrerin verweigere das Gespräch mit ihnen.

Gerne hätten die Eltern auch eine Antwort darauf gehabt, was an jenem Märztag passiert ist, als ihre Tochter weinend und vollkommen verstört von der Schule zurückkam: Die Lehrerin habe „so mit ihr geschimpft“. Weder konnte sich die Neunjährige beruhigen noch konnte sie sagen, was denn der Anlass gewesen sei. Die Eltern versuchten, die Lehrerin telefonisch zu erreichen. Die auf dem Anrufbeantworter hinterlassene Nachricht hat diese allerdings nur mit einer E-Mail beantwortet, dass sie sich gerade nicht melden könne. „Dann kam nichts mehr“, berichtet Miriams Mutter. „Bis heute nicht.“ Immer wieder habe Miriam gefragt, ob sie denn jetzt mit der Lehrerin gesprochen hätten, warum diese denn so böse gewesen sei. „Bis heute ist das für unsere Tochter nicht geklärt“, sagen die Eltern.

Mehrere Gremien zur Schlichtung angerufen

Stattdessen eskalierte die Situation. Dabei gibt es an der Waldorfschule mehrere Schlichtungsorgane, die sich um genau solche Lehrer-Eltern-Krisen kümmern sollen. Schließlich fordert die Waldorf-Pädagogik genau das ein: Dass sich die Eltern in die Erziehung auch in der Schule einbringen. Oder wie es der Vorstandsvorsitzende des Trägervereins der Tübinger Schule, Thomas Danner, ausdrückt: „Erziehen kann man nur gemeinsam.“

Dass es da bei mehr als 800 Schülern auch mal kontroverse Ansichten zwischen Eltern und Lehrern geben kann, verwundert nicht. Doch die Schlichtungsgremien erwiesen sich in der Praxis für die Eltern als wenig hilfreich. Sie seien permanent gegen Wände gelaufen – hätten auch gar nicht gewusst, wer eigentlich zuständig sei, nachdem die Lehrerin nicht mehr mit ihnen geredet habe.

Zuerst wandten sie sich deshalb an den Vertrauenskreis – ein Gremium aus Eltern und Lehrern, das Gespräche vermitteln soll – in diesem Fall zwischen den Eltern und der Lehrerin, die jegliches Gespräch verweigerte. Dem Vertrauenskreis wurde jedoch das Mandat entzogen vom Verwaltungsrat. Dieses Gremium wiederum arbeitet der Schulleitungskonferenz zu, die an der Waldorfschule das Entscheidungsgremium ist. Sie setzt sich aus 25 Lehrerinnen und Lehrern zusammen und hat die Befugnisse, die an staatlichen Schulen der Rektor hat, erklärt Thomas Danner.

Die Schulleitungskonferenz hat in diesem Fall entschieden: Miriam soll die Klasse verlassen. Entweder sie wechsle in eine Parallelklasse oder in eine untere Klassenstufe. „Warum denn?“ fragen sich die Eltern. „Das kommt für uns nicht infrage.“ Es widerspreche ja auch jeder Waldorf-Pädagogik, das Kind aus seiner gewohnten Umgebung heraus zu nehmen. „Es liegt ja offensichtlich auch nicht am Kind.“ Nach wie vor warten sie auf eine Erklärung. „Wir sind gesprächsbereit.“

Auch gegenüber dem TAGBLATT wollten die Vertreter des Verwaltungsrates, Bettina Zaghi und Rolf Feger, sowie Vorstandsvorsitzender Danner keine erklärenden Aussagen machen. Sie berufen sich auf die Schweigepflicht, obwohl die Eltern die Vertreter der Schule für dieses Gespräch schriftlich von der Schweigepflicht entbunden hatten.

Formal seien alle Ebenen der Schlichtung ausgeschöpft, so Zaghi. Aus diesem Grund habe die Schule auch eine Mediation durch die Schlichtungsstelle des Bundes der Waldorfschulen abgelehnt, die von der Familie angerufen wurde. „Das bringt auch nichts mehr“, so Zaghi.

Die Tochter fragte: Kann mir das auch passieren?

Keine Aussage wollten die Vertreter der Schulleitung auch dazu machen, warum es ausgerechnet in der Klasse von Miriam seit vergangenem Jahr zu einem bemerkenswerten Exodus gekommen ist. Die Klassenlehrerin ist Quereinsteigerin, nach einer anderthalbjährigen Ausbildung in Waldorfpädagogik unterrichtet sie seit 2011 an der Tübinger Waldorfschule. Miriams Klasse ist die erste Schülergruppe die sie unterrichtet und die sie – gemäß der Waldorfpädagogik – vom ersten bis zum achten Schuljahr als Klassenlehrerin leiten soll.

Obwohl Kündigungen des Schulvertrags von Seiten der Schule „extrem selten“ seien (Danner), ist Miriam bereits die zweite Schülerin, die aus der Klasse verwiesen wird. Ein anderes Mädchen musste vor einem Jahr die Schule verlassen. Auch damals hatten die Eltern den Eindruck, dass „niemand sie hören wollte“. Zwei weitere Schülerinnen haben die Klasse verlassen: eine wechselte in die Parallelklasse. Bei der anderen haben die Eltern den Schulvertrag gekündigt.

Für die Familie stellt sich jetzt auch die Frage, was mit ihren beiden anderen Kindern passiert, die ebenfalls die Waldorfschule besuchen. Einer von ihnen soll im nächsten Schuljahr besagte Lehrerin in Französisch bekommen. „Aber wir sind ja die gleichen Eltern.“

Und Miriam? War vollkommen aufgelöst, weil sie in ihrer Klasse und bei ihren Freundinnen bleiben wollte. Auch weil ihr bislang niemand erklären konnte, warum die Schule will, dass sie nicht mehr in ihre Klasse geht. Vor einem Jahr, erzählt Miriams Mutter, als es den ersten Rauswurf gab, habe ihre Tochter sie noch gefragt: „Mama, kann mir das auch passieren?“ Damals habe sie sie noch beschwichtigt. Wie viele andere Kinder sich jetzt wohl diese Frage stellen?

Kommt es an Schulen von Freien Trägern zu Konflikten zwischen Schulleitung und Eltern, sei die Schulbehörde am Regierungspräsidium für eine Schlichtung nicht zuständig, sagte dessen Sprecher Stefan Meißner.
„Freie Träger ergänzen das staatliche Schulsystem und haben gewisse Freiheiten“, so Meißner. Dazu gehöre auch die Freiheit, sichihre Schüler auszusuchen. Die Behörde achte zwar auf Rahmenbedingungen, etwa auf fachliche Standards. „Die Verantwortung für das pädagogische Handeln trägt aber die Schulleitung. Konflikte muss die Schulgemeinschaft nach innen lösen.“
Eltern schließen mit den Schulen einen Schulvertrag ab. In diesem sind auch die Bedingungen für eine Kündigung geregelt. Im Vertrag der Waldorfschule steht, dass der Vertrag von beiden Vertragspartnern gekündigt werden kann, wenn das erforderliche Vertrauensverhältnis als „nachhaltig erschüttert“ betrachtet wird.
Im Kreis Tübingen gibt es etliche Schulen in freier Trägerschaft, etwa die kirchlichen Schulen in Rottenburg und in Mössingen, die Waldorfschule oder die Freie Aktive Schule in Tübingen.

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29.07.2014, 12:00 Uhr

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