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Einer für alle
Die UN-Vollversammlung in New York wählt auf Vorschlag des Sicherheitsrates im Januar den neuen Generalsekretär. Foto: afp
Der Uno-Generalsekretär wird im Januar gewählt

Einer für alle

193 Staaten sind Mitglieder der Uno. António Guterres soll die Weltorganisation als neuer Generalsekretär führen. Wer ist dieser Mann?

07.10.2016
  • JAN DIRK HERBERMANN

Er wippt auf den Zehenspitzen, vor ihm das Rednerpult, ohne ausgefeiltes Manuskript legt er los: Er warnt vor einer immer schlimmer werdenden Flüchtlingskrise, verlangt von den reichen Ländern mehr Solidarität und lobt Deutschland für seinen Beitrag. Als António Guterres im Oktober 2012 im Auswärtigen Amt in Berlin einen leidenschaftlichen Hilfs-Appell für die Opfer von Kriegen und Unterdrückung formuliert, ist er noch Hochkommissar für Flüchtlinge der Vereinten Nationen (UN).

Im Januar 2017 soll Guterres (67) an die Spitze der Weltorganisation rücken. Der frühere Premierminister Portugals wird nach einer Empfehlung des UN-Sicherheitsrates der neunte Generalsekretär. Er soll den Südkoreaner Ban Ki Moon ablösen, dessen zweite Amtszeit ausläuft. In seltener Einigkeit hatten sich die führenden Vetomächte im Sicherheitsrat – USA, Russland und China – auf Guterres geeinigt. Die UN-Vollversammlung muss die Empfehlung des Sicherheitsrates bestätigen – ein „Ja“ gilt als sicher.

Enttäuschung in Osteuropa

Ebenfalls gute Chancen waren dem ehemaligen Außenminister Serbiens, Vuk Jeremic, sowie dem slowakischen Außenminister Miroslav Lajcák eingeräumt worden. Nach den ungeschriebenen Verteilungsprinzipien der Uno wäre eigentlich ein Kandidat oder eine Kandidatin aus Osteuropa an der Reihe gewesen.

Enttäuscht wurden auch Fürsprecher einer Lösung, mit der erstmals eine Frau den Posten besetzt hätte. Im Gespräch waren die Vizepräsidentin der EU-Kommission, die Bulgarin Kristalina Georgiewa, sowie die bulgarische Unesco-Chefin Irina Bokowa. Georgiewa twitterte gestern: „Viel Erfolg dabei, für die UN eine ehrgeizige Agenda zu verfolgen.“

Guterres wird gute Wünsche brauchen können, der ehemalige Präsident der Sozialistischen Internationalen tritt ein schweres Amt an: Die Vereinten Nationen konnten ihrer zentralen Aufgabe, Stabilität und Frieden in die Welt zu bringen, in den vergangenen Jahren kaum gerecht werden. Der Terrorismus zieht eine Blutspur durch viele Länder, Konflikte erschüttern ganze Regionen und stürzen immer mehr Menschen ins Elend. Die Welt erlebt die schlimmste Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die Hilflosigkeit der Uno manifestiert sich vor allem im Syrien-Krieg. Trotz jahrelanger Friedensbemühungen der Weltorganisation forderte der Krieg Hunderttausende Todesopfer, ein Frieden ist nicht in Sicht. Guterres brachte es schon 2013 auf den Punkt: „Syrien ist zu der großen Tragödie des 21. Jahrhunderts geworden, eine Schande.“

2014 fasste er das neue Zeitalter in einem Satz zusammen: „Die Welt ist im Krieg.“ Die Flüchtlingskrise und ihre Ursachen werden Guterres auch als Generalsekretär in Atem halten. „Guterres könnte sich als Glücksgriff erweisen, kaum einer ist mit der Vertriebenenkrise so vertraut wie er“, sagt ein hochrangiger UN-Funktionär.

Echte politische Macht aber hat ein Generalsekretär nicht. Der Mann, den frühere Mitarbeiter als „political animal“ bezeichnen, kann nur durch Appelle die Staatenlenker und die Weltöffentlichkeit aufrütteln. Er muss sich vor allen mit den Schwergewichten USA, China und Russland arrangieren. Aber er muss auch auf die Wünsche und Nöte der 190 anderen UN-Mitgliedsländer eingehen.

Der praktizierende Katholik Guterres scheint für diese Position laut Diplomaten geeignet zu sein: Der brillante Redner beherrscht die UN-Sprachen Englisch, Französisch und Spanisch fließend. Der studierte Elektrotechniker kennt sich im innersten Getriebe der internationalen Politik bestens aus.

Er haut auch mal auf den Tisch

Und Guterres haut auch mal auf den Tisch – anders als der hölzern wirkende Ban Ki Moon, der dem Amt des UN-Generalsekretärs nie seinen persönlichen Stempel aufdrücken konnte. Zudem weiß Guterres, was es heißt, der Chef zu sein: Nach einer beharrlichen Karriere in der Sozialistischen Partei erklomm er die Regierungsspitze Portugals: 1995 bis 2002 leitete er als Premier in Lissabon die Geschicke des Landes. Als UN-Hochkommissar für Flüchtlinge in Genf von 2005 bis 2015 dirigierte er mehr als 9000 Mitarbeiter.

Guterres blieb aber nicht von schweren Schlägen verschont. Der Einsturz einer Brücke in Portugal 2001 mit Dutzenden Toten symbolisierte auf tragische Weise das Ende seiner Zeit als Regierungschef. Zuvor starb seine erste Frau an Krebs. Doch Guterres blieb immer Optimist, sein Ziel ist es, die Welt besser zu machen: „Schon als Student habe ich eine Gesellschaft voller Ungerechtigkeiten verändern wollen.“

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07.10.2016, 06:00 Uhr

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