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Eine Bombe wurde entschärft

Einer machte den Blindgänger unschädlich, an der Meisterlogistik arbeiteten viele mit

Ein Bombenalarm stellte am Dienstag Tübingen auf den Kopf. Arbeiter einer Spezialfirma fanden beim Güterbahnhofgelände nahe der Blauen Brücke eine amerikanische Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Und nun lieferten Polizei, Ordnungsamt und viele Einsatzhelfer eine logistische Meisterleistung ab: Gebäude wurden evakuiert, Straßen gesperrt, und der Bahnverkehr wurde gestoppt.

21.07.2015
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Kurz nach 20 Uhr machte sich Joachim Leippert an die Arbeit. Er hatte den gefährlichsten Job des Tages. Seit 25 Jahren arbeitet er im Kampfmittelbeseitigungsdienst, 16 Jahre als Bombenentschärfer an vorderster Front. Spezialkleidung braucht er für seinen Nachkriegseinsatz nicht. „Welche Kleidung sollte mich schützen?“ fragt er erstaunt. Sperrige Kleidung wäre nur hinderlich bei dieser Fingerspitzen-Tätigkeit. Klar habe er Angst, antwortet er auf die Frage, die ihm oft gestellt wird. Angst sei hier aber nützlich.

Fliegerbombe in Tübingen entschärft

© Video: Bleeser/Schweizer 02:44 min

Die Bombe, die den Tübinger Großalarm auslöste, war im westlichen Teil des Güterbahn-Areals nahe der Gleise und unweit der Blauen Brücke gefunden worden. Sie wiegt 115 Kilogramm. Würde sie hochgehen, so schätzt der Experte, wäre nicht nur die Blaue Brücke hinüber, auch die Fenster im Umkreis von hundert Metern würden zerbersten. Ein 300-Meter-Sicherheitsradius um den Fundort erschien Leippert keinesfalls übertrieben.

Die meisten verhielten sich einsichtig

Mehr als siebzig Jahren lagerte die Bombe unmittelbar unter der Schotteroberfläche beim Güterbahnhof. Bahnhofs-Gegenden sind als ehemalige Kriegsziele heikle Baugebiete. Und so werden heute Spezialfirmen beauftragt, solche Gelände abzusuchen, bevor es mit dem Bauen ernst wird. Am Dienstagmorgen wurde die Firma Röhll aus Frankfurt fündig.

Fliegerbombe am Tübinger Güterbahnhof gefunden

Fliegerbombe am Tübinger Güterbahnhof gefunden --

02:35 min

Zuallererst musste man die Bombe beschatten. Das heißt, der explosive Hotspot wurde mit einem Zeltdach versehen. Das DRK aus Kirchentellinsfurt und Kusterdingen rückte mit der Spezialausrüstung für „Bevölkerungsschutz Baden-Württemberg“ an.

Die Vorbereitung zur Entschärfung der Bombe lief dann wie eine gut geölte Maschine: Als hätten die Hundertschaft Polizisten, die Hundertschaft Rotkreuzler und die Stadtverwaltung das schon x-Mal gemacht. In einem Radius von 300 Metern um die Fundstelle wurden alle Gebäude evakuiert. Hätte man die Bombe sprengen müssen, so verriet Ordnungsamtsleiter Rainer Kaltenmark hinterher erleichtert, hätte man auf 500 Meter erhöhen müssen. Nach Süden reichte das Evakuierungsgebiet bis zum Sternplatz und zur Eugenstraße. Nach Westen bis zur Hechinger Straße, nach Osten grenzte es an die Hügelstraße, und die nördliche Begrenzung war das andere Neckarufer. Die Boote wurden gestoppt und Schwimmer aus dem Wasser geholt. Den Verkehr auf der Reutlinger Straße leitete die Polizei erst kurz vor der Entschärfung um, auch die Züge durften bis kurz vorher fahren.

Interview mit Bombenentschärfer Joachim Leippert

Interview mit Bombenentschärfer Joachim Leippert --

03:24 min

Anwohner informierte die Polizei mit Lautsprecher-Durchsagen („Achtung, Achtung – am Güterbahnhof wurde eine Fliegerbombe gefunden!“) und Flugblättern in mehreren Sprachen. 112 Hilfsbedürftigte, Bettlägrige und Behinderte wurden vom DRK in die Mensa Uhlandstraße gebracht. Dort warteten belegte Brötchen und Getränke für 400 bis 500 Evakuierte und Helfer.

1700 Anwohner/innen, so teilte das Pressebüro der Stadt mit, seien von dem Bombenalarm unmittelbar betroffen. Die meisten Angesprochenen verhielten sich einsichtig. Wer noch ein Medikament aus seiner Wohnung holte musste, bekam freundlicherweise „Polizeischutz“.

Nicht nur das Rathaus im Blauen Turm war lahmgelegt, auch Kino und Theater mussten eine unfreiwillige Pause einlegen. Im LTT fiel die große Probe von „Wie im Himmel“ aus. Kein Drama, wie Intendant Thorsten Weckherlin versicherte. An der Absperrung vor der Blauen Brücken zogen der 8-jährige Hannes und der 9-jährige Luis lange Gesichter, sie waren mit ihrer Klasse für den „Minions“-Film verabredet gewesen.

Um 20.22 Uhr war das Werk vollbracht

Um 20.22 Uhr schien die Stadt aufzuatmen. Der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg war nach einer Viertelstunde entschärft. Joachim Leippert lief der Schweiß übers Gesicht. Der Heckzünder hatte sich mühelos vom Sprengkörper lösen lassen, doch der vordere Aufschlagzünder klemmte. Das trieb den Puls des Spezialisten dann kurz mal in die Höhe. Doch mit Karamba und viel Routine ließ sich das gefürchtete Karacho vermeiden. Ob Leippert nach erfolgreicher Arbeit gleich seine Familie benachrichtigt, dass es gut gegangen ist? „Nein“, sagte er cool, „das merken die dann ja.“ Die Bombe wird nun eingebunkert, dann zerteilt, ihr Sprengstoff vernichtet – und so ist das Weltkriegsding dann endlich schrottreif.

Vor allem im letzen Kriegsjahr wurde Tübingen häufig zum Ziel von Luftangriffen. Von Januar bis zur Besetzung der Stadt am 19. April 1945 gab es 96 Mal Fliegeralarm. Der erste Angriff am 15. Januar war der schwerste: 19 Tote gab es, und das Wohnviertel zwischen Bahnhof und Neckarstauwerk, vor allem die Schaffhausenstraße, erlitt große Schäden. 80 Personen wurden obdachlos und vier Wohnhäuser zerstört. Am 17. April kamen weitere Bomber. Bei diesem Angriff starben 13 Menschen und die Bismarckstraße wurde großteils zerstört. Um die 160 Bomben trafen den Güterbahnhof und 80 Eisenbahnwagen. Ganz Tübingen, so berichteten Zeitzeugen, sei damals mit Handwagen und Rucksäcken unterwegs gewesen, um am Güterbahnhof Lebensmittel und andere Waren zu ergattern.

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