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Pfarrer Franz Weiß baute katholische Widerstandsgruppe gegen die Nazis auf

Einer von Bischof Sprolls Getreuesten

Er gründete eine katholische Geheimgesellschaft gegen Hitler und war 1938 maßgeblich am gescheiterten Versuch beteiligt, den ins Exil gezwungenen Bischof Ioannes Baptista Sproll wieder nach Rottenburg zurückzuholen: Franz Borgias Weiß, einer der aktivsten Priester im Widerstand gegen die Nationalsozialisten, starb 1985 auf der Liebfrauenhöhe bei Ergenzingen.

12.10.2011
  • wolfgang Kaiser

Ergenzingen. Im Gäu hatte Franz Borgias Weiß, der am 20. Juli 1892 in Schnaitheim bei Heidenheim geboren wurde, auch familiäre Wurzeln. Während die Mutter aus Bayern kam, stammte sein Vater, der Forstwächter Otto Weiß, aus Hailfingen, wo heute noch Nachkommen von dessen beiden Geschwistern leben.

Auch Weiß junior führte sein Lebensweg bald wieder an den Neckar: Die Eltern wollten dem zweiten ihrer neun Kinder eine gute Ausbildung angedeihen lassen und schickten ihn von 1903 bis 1906 auf die Lateinschule nach Rottenburg. Es folgten das Konvikt in Ehingen und ein Theologiestudium in Tübingen, ehe die Ausbildung zum Priester 1914 unterbrochen wurde.

Unmittelbar nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete Franz Weiß sich freiwillig an die Front. Trotz schwerer Verwundungen setzte er seinen Kriegseinsatz bei Verdun fort und erhielt mehrere Auszeichnungen als Leutnant – das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse, die Silberne Verdienstmedaille und den Bayrischen Militärverdienstorden.

Nach dem Krieg ging er ins Priesterseminar nach Rottenburg und wurde im dortigen Dom am 11. Juli 1920 zum Priester geweiht. Nach verschiedenen Vikarstellen trat Franz Weiß 1926 seine erste Pfarrstelle in Wäschenbeuren ein. Hier setzte er sich für Jugendseelsorge und Caritas ein, sorgte sich um die Probleme der Arbeiter/innen und um die liturgische Bewegung.

Ab 1932 an war ihm die Pfarrei St. Georg in Ulm-Söflingen anvertraut. Hier begann Weiß mit der Gründung einer Oppositionsbewegung gegen die antikirchliche Politik der Nationalsozialisten. Schon 1933, als NS-Leute in Ulm das katholische Gesellenheim besetzen wollten, heftete er sich aus Protest demonstrativ sein EK I ans Revers.

Immer wieder kam die Gestapo

Die kirchliche Obrigkeit aber bat ihn um mehr politische Mäßigung. Weil er sich gegen die Rassenlehre des NS-Regimes ausgesprochen hatte, wurde ihm bereits am 26. Mai 1936 vom württembergischen Kultusministerium die Erlaubnis zur Erteilung von Religionsunterricht entzogen. Weiß hatte bis dahin bis zu 16 Wochenstunden unterrichtet. Mit gezielten Provokationen wurde nun versucht, ihm einen Anlass zur Einlieferung ins KZ zu entlocken. Wiederholt führte die Gestapo im Pfarrhaus Durchsuchungen aus und verhörte ihn.

In dieser Zeit plante Franz Weiß den Aufbau einer Geheimorganisation namens „Acies ordinata“. Sie sollte aus den 3.000 Priestern und Theologiestudenten bestehen, die wie er am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten. Der patriotisch gesonnene Katholik glaubte nämlich, dass Priester mit Kriegseinsatz vom Nazi-Regime nicht verfolgt würden. Vom 1. Mai bis 31. Juli 1937 ließ er sich – zum Zwecke der Organisation dieser Gemeinschaft – von seiner Pfarrei freistellen. Er hatte Verbindungen zu einem anderen Widerständler, dem Jesuitenpater Rupert Mayer, der ihn mit dem Münchener Kardinal Michael von Faulhaber zusammenbrachte.

Aber auch fast alle anderen Bischöfe besuchte Weiß und weihte sie in seine Pläne ein. Sogar Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., wurde im September 1937 während eines Urlaubs im schweizerischen Menzingen über die Absichten der „Acies ordinata“ informiert. Wie Weiß später seinem Biographen Paul Kopf erzählte, billigte Pacelli diese Pläne. Es sollte ein Informationsnetz und ein Kurierdienst in allen Diözesen aufgebaut werden. Dass in den Jahren 1937 und 1938 mehr regimekritische Flugschriften auftauchten, ist teilweise dieser „Acies ordinata“ (Lateinisch für „geordnete Schlachtreihe“) zu verdanken.

Als der Rottenburger Bischof Ioannes Baptista Sproll beim Schein-Referendum im Frühjahr 1938 sein Ja verweigerte, beantworteten SA-Demonstranten diesen Affront gegen das NS-Regime mit mehreren gewalttätigen Ausschreitungen vorm und im Bischofspalais. Daraufhin bat das Domkapitel den Bischof, Rottenburg zu verlassen. Mit großem Widerwillen folgte Sproll dieser Aufforderung. Es sollte aber niemand erfahren, wohin er sich begeben hatte.

Sproll im Auto zurückgebracht

Zusammen mit dem Eichstätter Domkapitular Johannes Kraus lancierte Weiß alsbald eine gemeinsame Aktion der deutschen Bischöfe zur Rückholung Sprolls. Als diese an der ablehnenden Haltung des Münsteraner Bischofs Clemens Graf von Galen scheiterte, wollte Franz Weiß mit einigen Mitstreitern die Sache allein bewerkstelligen.

Das Problem war zunächst, den Bischof überhaupt zu finden. Die Gruppe machte ihn in Percha am Starnberger See aus und brachte ihn im Auto von Pfarrer Weiß (mit einer Übernachtung im Söflinger Pfarrhaus als Zwischenstopp) am 14. Mai 1938 nach Rottenburg zurück. Dort allerdings stimmten die Domkapitulare ihren Bischof in einer Nachtsitzung wieder um und bewegten ihn zum erneuten Gang ins Exil.

Im Spätsommer 1938 gab Weiß die Leitung der „Acies ordinata“ an den Breslauer Pfarrer Joseph Schönauer ab, danach verlieren sich ihre Spuren. Gegen den Gründer Franz Weiß erließ die Gestapo am 22. Februar 1939 einen Ausweisungsbefehl aus Württemberg, Bayern und Hohenzollern. Was folgte, war am 22. Juni 1939 in Ulm ein Prozess vorm Sondergericht Stuttgart wegen regimekritischer Predigten. Das Gericht verurteilte ihn zu einem Jahr Gefängnis wegen Vergehens gegen den so genannten Kanzelparagraphen (der schon seit 1871 politische Stellungnahmen in Predigten verbot) und gegen das Heimtückegesetz (das praktisch alle Äußerungen gegen die NSDAP unter Strafe stellte). Beim Strafmaß wurden allerdings Weiߒ Auszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg berücksichtigt.

Nach der Haftentlassung hielt Weiß sich am Bodensee und in Tirol auf, bis er für die Schönstatt-Bewegung von Pater Josef Kentenich als Prediger durch die Lande zog. Weil er sich nicht an das Aufenthaltsverbot für Bayern hielt, heftete sich erneut die Gestapo an seine Fersen. 1944 sollte Franz Weiß in ein KZ eingewiesen werden – ein Schicksal, das ihm, anders als seinem geistlichen Mentor Kentenich, letztlich aber erspart blieb.

Mentor von Hans und Sophie Scholl

Auch zur Familie der „Weiße Rose“-Gründer Hans und Sophie Scholl, denen Weiߒ Pfarrei als Anlaufpunkt gedient hatte, hielt der verbannte Pfarrer weiter Kontakt, wie beider Vater Robert Scholl, nun Oberbürgermeister Ulms, nach Kriegsende bestätigte: „Während meiner langen Gefängniszeit, nachdem meine Kinder Hans und Sophie hingerichtet waren, hat Pfarrer Weiß meine Familie in ihrem Zufluchtsort im Schwarzwald besucht.“

Franz Borgias Weiß nahm 1945 die Arbeit als Pfarrer in Ulm-Söflingen wieder auf, und als Krankenhausseelsorger beendete er dort 1962 seine aktive Laufbahn. Den Lebensabend verbrachte Weiß als Hausgeistlicher der Schönstatt-Gemeinschaft auf der Liebfrauenhöhe in Ergenzingen. Dort starb er an Allerseelen 1985 und ist auf dem Schwesternfriedhof beerdigt.

„Der kompromisslose und deshalb oft eigenwillig wirkende Weiß muss zu den aktivsten katholischen Priestern im Kampf gegen die antichristliche Politik der Nationalsozialisten gezählt werden“, würdigt Ludwig Bandl im „Kirchenlexikon“ die politische Lebensleistung von Franz Weiß. Als Gründer und Kopf der „Acies ordinata“ habe der „auf dem Höhepunkt des Kirchenkampfes für kurze Zeit zum Teil Einfluss auf die Haltung des Klerus in ganz Deutschland“ genommen. Insofern sei „seine diözesane und ebenso überdiözesane Bedeutung (...) nicht zu unterschätzen“.

Als „mutigen Prediger und aufrechten Kämpfer gegen die Diktatur des Dritten Reiches und die Unterdrückung der Religion“ würdigt ihn ein Relief, das heute am Pfarrhaus in Söflingen zu sehen ist. Sein Freund Otl Aicher, Ehemann der Scholl-Tochter Inge, hat es zu Weiߒ 100. Geburtstag entworfen.

Info: Wolfgang Kaiser, der Autor dieses Beitrags, stammt aus Hailfingen. Er war Lehrer an Beruflichen Schulen und lebt heute im Ruhestand in Horb.

Einer von Bischof Sprolls Getreuesten
Aus Anlass seiner Musterung am 2. Dezember 1943 bekam Franz Weiß, im Ersten Weltkrieg dekorierter Frontsoldat, einen neuen Wehrpass – und ließ dafür dieses Bild anfertigen.Bild: Liebfrauenhöhe

Einer von Bischof Sprolls Getreuesten
Seit 1992 erinnert dieses von seinem Freund Otl Aicher geschaffene Relief beim Söflinger Pfarrhaus an Franz Borgias Weiß.Bild: Hoerger / SWP

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12.10.2011, 12:00 Uhr

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