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Einfach beim Namen nennen
Diese Figur eines Kindes aus Mexiko (1400-1200 v. Chr.) ist Teil des Ausstellung „Touchdown“. Foto: Meike Boeschemeyer
Ausstellung

Einfach beim Namen nennen

Die Geschichte des Down-Syndroms ist Thema der Schau „Touchdown“ in Bonn, die von Behinderten mit erarbeitet wurde.

24.11.2016
  • ULRICH TRAUB

Bonn. Hell in a Cell“ steht in breiten, roten Buchstaben auf einem weißen Blatt geschrieben. Auf diese Weise kommentiert Jonas Sippel die Genommutation Trisomie 21 oder Down-Syndrom, mit der er leben muss. Bei ihr enthalten alle Körperzellen das Chromosom 21 in dreifacher Ausführung. In der Zelle versteckt sich die Hölle.

Zu sehen ist die Arbeit zurzeit in der Bundeskunsthalle in Bonn, wo sie Teil der ambitionierten Ausstellung „Touchdown“ ist. „Wir wollen die Geschichte des Down-Syndroms erzählen“, führt Ausstellungsleiterin Henriette Pleiger aus, „nüchtern und sachlich, aber auch fantastisch“ – und mit viel Kunst, darf man hinzufügen, Kunst von Menschen mit Down-Syndrom. Das Außergewöhnliche an „Touchdown“ ist, dass es sich um ein partizipatives Projekt handelt. Menschen mit Down-Syndrom haben es nicht nur mit erarbeitet, sie sind auch an den Führungen durch die Schau beteiligt.

Der rote Faden ist ein Comic von Vincent Burmeister, der die sieben Ausstellungskapitel begleitet. Er berichtet von Außerirdischen mit Down-Syndrom, die das Leben auf der Erde erforschen und reflektieren. Sie blicken aber auch in die Geschichte und lernen den englischen Arzt John Langdon Down kennen, nach dem das Syndrom benannt wurde. Er gründete Mitte des 19. Jahrhunderts Fördereinrichtungen und wies auf die Lernfähigkeit der Betroffenen hin. Seine wiederentdeckten Fotos von Patienten sind Zeugnisse eines würdevollen Umgangs mit ihnen. In den Akten, die Dr. Down anlegte, kann man in Bonn lesen. „Der menschenfreundliche Arzt war seiner Zeit deutlich voraus“, formuliert Henriette Pleiger.

Das dokumentiert vor allem das nächste Kapitel drastisch, in dem es um Euthanasie geht. Bereits 1920 hatten die Wissenschaftler Hoche und Binding in ihrem Buch „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ die Tötung dieser „Ballastexistenzen“, die ja nicht arbeiten könnten, als notwendig und rechtmäßig beschrieben. Und viele Eltern von Kindern mit Behinderungen stimmten sogar zu. „Die Kinder sind uns eine Last. Barmherzigkeits- und Menschlichkeitsgefühl gebieten ihr Leben abzukürzen“, hieß es 1925 in einer Antwort auf eine Befragung betroffener Eltern. Der Boden für die Verbrechen der Nazis war bereitet. „Der Hitler mochte keine behinderten Kinder. Der hätte mich dann auch getötet“, kommentiert Veronika Hammel, Mitarbeiterin des Magazins „Ohrenkuss“, das von Menschen mit Down-Syndrom gemacht wird.

Von Kunst bis Alltag

„Die Kommentare von Betroffenen ziehen sich durch alle Kapitel der Ausstellung“, erklärt Henriette Pleiger – auch durch das der Wissenschaft gewidmete. Dort liest man von dem Wunsch, nicht als „Downie“ und schon gar nicht als „Mongo“ angesprochen zu werden. „Besser ist: Mein Name einfach“, schlägt Paul Spitzeck vor. Das Foto eines glücklich scheinenden Rentnerpaares verdeutlicht, dass Menschen mit Down-Syndrom durch Fortschritte etwa in der Kardiologie immer älter werden. Blickfang in diesem Kapitel ist der Wandteppich der Künstlerin Jeanne-Marie Mohn. Er zeigt aufgestickte Chromosomen.

„Die Kunstwerke sind autonome Arbeiten“, sagt die Ausstellungsleiterin. So auch das Brautkleid von Birgit Ziegert. Dass es keine Armlöcher hat, deutet darauf hin, dass die Künstlerin gar nicht an die Chance einer Heirat zu glauben schien. Von der verstorbenen Amerikanerin Judith Scott wird ein großes rundes Knäuel gezeigt. Darin „schützte“ die Künstlerin besonders wichtige Gegenstände. Ihre Arbeiten sind in der berühmten Art-Brut-Kollektion in Lausanne vertreten.

„Touchdown“ lädt zu einer Begegnung mit dem kreativen Potenzial, konfrontiert aber auch mit dem Alltag der Menschen mit Down-Syndrom, erzählt von ihren Wünschen und Hoffnungen, ihren Sorgen und Ängsten. Manchmal gelingt das in einer Arbeit. In dem Bild „Eigene Zimmer“ von Susanne Kümpel wirkt alles sehr aufgeräumt. Tatsächlich mögen Menschen mit Down-Syndrom die Ordnung. Dann können sie sich besser konzentrieren.

Am Ende haben nicht nur die Außerirdischen viel über die Geschichte und das Leben mit dem Down-Syndrom erfahren. Sie diskutieren über Antworten auf die Frage: Gehen oder Bleiben? „Touchdown“ setzt sich mit Nachdruck für Letzteres ein. „Die Zukunft fängt mit der Erde an. Und sie hört auch mit der Erde wieder auf“, heißt es.

Viele Entscheidungsträger sollten sich diese Erkenntnis eines Menschen mit Down-Syndrom einmal durch den Kopf gehen lassen.

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24.11.2016, 06:00 Uhr

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