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Vom kommenden Dienstag an erscheint Ihre Zeitung in einem neuen Layout. Warum eigentlich? Welche Überlegungen stecken dahinter? Was haben Sie als Leser von diesen Veränderungen? Ein Gespräch.

„Einfach eine bessere Zeitung“

01.10.2016
  • SWP

Ulm. Seit fast zwei Jahren ist entworfen und diskutiert worden, wurden Leser und Experten befragt. Ein ganzes Team hat sich intensiv auf diesen 4. Oktober vorbereitet, damit der Wechsel in eine neue Gestaltung reibungslos verläuft. Im Gespräch erläutern Thomas Brackvogel, Geschäftsführer der Neuen Pressegesellschaft, Ulrich Becker, Chefredakteur der SÜDWEST PRESSE und Karsten Middeldorf, Zeitungsdesigner und kreativer Kopf hinter dem neuen Erscheinungsbild, was Redaktion und Verlag zu diesem Schritt bewogen hat.

Ganz profan gefragt: Warum ist eine solche Veränderung eigentlich notwendig?

THOMAS BRACKVOGEL: Die Medienlandschaft steht in einem großen Umbruchprozess. Die Nutzung der Medien verändert sich ebenso wie das Leseverhalten. Dem muss man Rechnung tragen. Die SÜDWEST PRESSE erscheint seit rund 20 Jahren in einem zwar immer wieder leicht modernisierten Layout, das aber in der Struktur gleich geblieben ist. Es war Zeit geworden, uns diesen Veränderungen und den Wünschen der Leser anzupassen.

ULRICH BECKER: Die meisten fahren heute ja auch nicht mehr das selbe Auto wie vor 20 Jahren. In unserer Zeitungswelt sind die Veränderungen noch wesentlich radikaler als in der Welt der Mobilität. Smartphone, Internet, soziale Netzwerke – vor 20 Jahren steckten diese Entwicklungen entweder in den Kinderschuhen oder es gab sie noch gar nicht. Die Rolle der Zeitung als exklusiver Nachrichtenlieferant ist praktisch nicht mehr existent – wenn man von lokalen Ereignissen absieht.

Unter diesen Voraussetzungen – wie geht man an einen solchen Prozess heran?

KARSTEN MIDDELDORF: Wir haben Studien des Leserverhaltens ausgewertet und uns auch lange mit anderen Tageszeitungen auseinandergesetzt. Welche Wege werden dort eingeschlagen, welche Erfahrungen sind gesammelt worden? Dann gab es erste Entwürfe und lange Diskussionen mit der gesamten Redaktion. Daraus entstanden grobe Skizzen, die immer wieder verfeinert wurden. Die ersten gedruckten Probeexemplare haben wir Lesern zur Bewertung gegeben und aufgrund dieser Ergebnisse nochmals angepasst. Solange, bis wir das Gefühl hatten: Jetzt stimmt es.

Was sind denn die wichtigsten inhaltlichen Merkmale der neuen Gestaltung?

BECKER: Entschiedenheit – das ist das Motto, das wir dem gesamten Prozess gegeben haben. Wir setzen in der gesamten Zeitung klare Schwerpunkte, also groß erzählte Geschichten, die wir aus mehreren Blickwinkeln beleuchten. Während die Nachrichten im Netz oder auch im TV immer schneller und zum Teil auch oberflächlicher verbreitet werden, setzen wir diesem Trend Analyse und Einordnung entgegen.

BRACKVOGEL: Verlage müssen diesem Trend gerecht werden. Nachrichten werden heute in verschiedenen Kanälen übermittelt – sei es über die Website auf dem PC, über das Smartphone, soziale Netzwerke wie Facebook oder Whatsapp. Für die Verlage stellt sich die Frage: Wie stellen wir uns auf, welchen Platz hat dabei die Zeitung? Sie ist nur einer dieser vielen Kanäle, und sie ist der langsamste – aber immer noch unser wichtigster. Natürlich bauen wir als Verlag auch auf die digitalen Angebote und versuchen deren Stärke – die Geschwindigkeit und ständige Erneuerung – zu nutzen. Im Gegenzug müssen wir das Profil der Tageszeitung noch weiter schärfen. Herr Becker hat die Aufgaben eben angesprochen: Analyse, Einordnung, Vertiefung.

BECKER: Bildlich gesprochen: Die Zeitung muss kurz Atem holen, die Sicht des Lesers einnehmen und dessen Fragen beantworten. Das geht aber nur, wenn sie die wichtigsten Themen des Tages aufgreift und sich ganz bewusst dafür entscheidet. Ein Beispiel: Wenn es um Fragen der Rente geht, können wir ganz einfach die Nachricht bringen – wenn es etwa Streit darum in Berlin gibt. Das ist aber zu wenig. Die Leser fragen sich: Welche Folgen hätte diese Entscheidung für mich persönlich? Wie wirkt es sich etwa auf meine Rentenhöhe aus? Das wollen wir beleuchten – ausführlich und kompetent. Andere, nicht ganz so wichtige Dinge treten dagegen zurück und werden nur kurz berichtet.

Also wird jetzt alles auf den Kopf gestellt?

MIDDELDORF (lacht): Nein, natürlich bleibt es immer noch die SÜDWEST PRESSE, die den Lesern vertraut ist. So haben wir zum Beispiel die Struktur der Zeitung, also die Einteilung in Ressorts und die Reihenfolge im Blatt, nicht verändert. Aber im Layout spiegelt sich die Entschiedenheit wider. Die ganz einfache Formel lautet: Großes wird groß, Kleines wird klein erzählt. Lieb gewonnene Elemente bleiben erhalten, neue, überraschende kommen hinzu. Es ist wie eine Modernisierung im Haus: Küche und Wohnzimmer bleiben, wo sie sind. Aber das Aussehen und die Bedienung werden moderner und angenehmer. Keine Angst, wir haben keine Wände eingerissen!

Nennen Sie doch mal ein paar konkrete Beispiele?

MIDDELDORF: Zum Beispiel haben wir den Schwerpunkt auf der Politik gestärkt. Was früher Brennpunkt hieß, ist von Dienstag an das Thema des Tages. Oft über zwei Seiten erzählt, mit mehr Leseansätzen und grafischen Elementen. Oder unsere Nachrichtenleiste am Fuß der Seite: Hier werden den Lesern schnelle Informationen, aber auch unterhaltende Elemente präsentiert, wie die Zahl oder das Zitat des Tages. Die Kommentare stehen nun auf der Seite 1 in der rechten Spalte. Wir wollten sie oben auf der Seite platzieren, um die Bedeutung zu erhöhen. Noch eine augenfällige Veränderung ist der Wegfall der Vorspänne. Stattdessen haben wir längere Unterzeilen mit einem Stichwort eingeführt. Der Leser kann sich mit einem Blick über die Geschichte informieren und entscheiden, ob ihn dieses Thema interessiert oder nicht.

BECKER: Zusammengefasst bekommt der Leser eine modernere, strukturiertere und einfach bessere Zeitung!

Sie sagten es bereits: Die Medienlandschaft verändert sich rasant. Wohin geht die Reise? Welche Zukunft hat die Tageszeitung?

BRACKVOGEL: Aus unserer Sicht eine große – sonst würden wir nicht so massiv in Verbesserungen investieren. In dem Miteinander der Kanäle – so wie ich es eben beschrieben habe – kommt gerade der lokalen und regionalen Tageszeitung eine entscheidende Rolle zu. Hier erfahren sie, was vor ihrer Haustür und in der Region geschieht. Hier erhalten gesellschaftliche Gruppen und Leser ein Forum, um sich Meinungen zu den Entwicklungen in ihrer Stadt oder Region zu bilden. Hier kann Politik, hier können politische Entscheidungen erläutert und kritisiert werden. Ohne Zeitungen, davon bin ich überzeugt, kann Demokratie nicht gelebt werden.

BECKER: Das ist ganz sicher so. Es gibt kein anderes Medium, das in dieser Breite und Tiefe Themen aufbereitet. In dem Konzert der sozialen Netzwerke, in dem jeder seine Meinung ungeprüft als die selig machende Wahrheit herausposaunen darf, müssen Zeitungen und ihre Redakteure als verlässlicher Anker funktionieren, die die Diskussion bündeln und objektivieren. Das ist eine hohe Verantwortung, der wir sicher nicht immer ganz gerecht werden können. Aber ich sehe niemanden außer den Zeitungen, der diese Rolle einnehmen könnte.

Was wünschen Sie sich alle drei für den Start am Dienstag?

MIDDELDORF: Dass die Leser unsere SÜDWEST PRESSE lesen und dann sagen: Mensch, gar nicht so schlecht. Neues ist immer ungewohnt und man muss sich damit anfreunden. Aber spätestens beim zweiten Hinschauen merkt man: In diesem Blatt steckt mehr Ordnung als bisher, dahinter steckt eine journalistische Idee. Das würde ich mir als Designer wünschen.

BRACKVOGEL (schmunzelt): Wer bereits unser Kunde ist, wird sagen: Das ist ein gelungener Wurf – da bin ich mir sicher. Und ich wünsche mir, dass auch viele jüngere Menschen mit mehr Neugierde auf die SÜDWEST PRESSE reagieren – und Zeitungsleser werden.

BECKER: Eigentlich reicht es mir schon, wenn die Leser nach der Lektüre das Blatt aus der Hand legen und sagen: Das war spannend und hat richtig Spaß gemacht. Also haben sie etwas Neues erfahren, sind vielleicht überrascht und gut unterhalten worden. Dann weiß ich: Wir haben alles richtig gemacht.

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01.10.2016, 06:00 Uhr

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