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Festo will mit Supraleitern zum Beispiel Medizinprodukte sauber lagern

Einfach schweben

Wer nicht will, dass sein Kind dreckig wird, wenn es über einen Acker geht, trägt es. Wer Dinge sauber lagern will, könnte sie schweben lassen.

29.04.2016
  • MIRIAM KAMMERER

Hannover. Die Besucher stehen und staunen. Eine schwere Platte, etwas größer als ein Tablet, schwebt über einer geschlossen Fläche. Was wie Zauberei wirkt, ist in der Realität ein physikalischer Effekt. Hervorgerufen durch Hochtemperatursupraleiter. Drei neue Anwendungsmöglichkeiten zeigt der Esslinger Automatisierungsspezialist Festo auf der Hannover Messe im Bereich Supramotion. Den gibt es seit 2008 bei dem Unternehmen.

So können Besucher zum Beispiel sehen, wie schwebende Trägerplatten berührungslos transportiert werden. Dass das alles kein unnützer Hokuspokus ist, erklärt Georg Berner, Projektkoordinator für Supramotion Konzepte. Ein schwebender Transport kann zum Beispiel für die Pharma-, die Medizin- und die Lebensmittelbranche sehr interessant sein. "Gerade heute, wo die Anforderungen an Hygiene immer höher werden." Was schwebt, wird nämlich nicht schmutzig. Es sei wie mit einem Kind, das über einen Acker getragen wird, dass es keine schmutzigen Schuhe bekommt, erklärt Berner.

Zwischen der geschlossenen Oberfläche und den Trägerplatten kann sogar Reinigungsflüssigkeit in den Lagerraum fließen.

Was hat es mit den Supraleitern auf sich? Eric Maiser, der beim Verband Deutscher Maschinen-und Anlagenbau (VDMA), die Abteilung zukünftige Geschäftsfelder leitet, kann das verständlich erklären.

Supraleiter sind Leiter, die ab einer bestimmten, sehr kalten Temperatur ( minus 296 Grad) keinen elektrischen Widerstand haben. Der Effekt ist noch nicht so lange bekannt, sagt Maiser. Er ist vor etwas mehr als 100 Jahre entdeckt worden.

Der Stromtransport durch einen Supraleiter wäre also sehr günstig, wenn da nicht die sehr starke Kühlung wäre, die diese brauchen. Ende der 80er Jahre ist ausgerechnet Keramik, "eigentlich eher ein Isolator", als Leiter entdeckt worden. Und Keramik benötigt nur "minus 180 Grad", um ohne elektrischen Widerstand zu leiten. Der Hochtemperatursupraleiter war entdeckt. Dafür gab es für einen Schweizer und einen Deutschen 1987 sogar den Physiknobelpreis.

Null elektrischer Widerstand schön und gut, aber wie bringt Festo richtig schwere Trägerplatten in die Luft?

Supraleiter und Hochtemperatursupraleiter haben auch einen magnetischen Effekt, der das Feld eines Permanentmagneten in einem definierten Abstand einfrieren kann. Sichtbar ist das zum Beispiel an Magnetschwebebahnen.

Georg Berner nimmt seinen Kugelschreiber aus dem anthrazitfarbenen Jacket und zeigt kurz, wie der Magnetismus funktioniert. Er muss richtig Kraft aufwenden, um die schwebende Platte aus ihrer Position zu heben. Schon aus der Entfernung von zehn Zentimetern wird der Kugelschreiber stark von der Platte angezogen. Jetzt hält er den Kugelschreiber auf die geschlossene Fläche, über welcher die Platte schwebte. Der Kugelschreiber wird davon null angezogen. Dieser abstoßende Effekt ist es, der eine schwere Trägerplatte in der Luft schweben lässt. Vorausgesetzt natürlich, die Temperaturen stimmen.

Berner setzt die Trägerplatte wieder in ihre Position in der Luft. Er versucht sie nach rechts - oder links zu schieben, es ist unmöglich. Diese Stabilität ist Teil des Effekts.

Wer sich an den Film "Zurück in die Zukunft" erinnert, weiß sicher noch wie Marty McFly mit einem Hoverboard, einem Skateboard ohne Rollen, in der Luft geschwebt ist. So etwas kann zum Beispiel mit einem Hochtemperatursupraleiter gemacht werden. Der Skateboardfahrer fährt dann wie auf Schienen.

Berner ist überzeugt, dass Hochtemperatursupraleiter in den kommenden Jahren Anwendung finden in der Industrie. Gerade in der sauberen Lagerung. Festo ist schon in Gesprächen mit möglichen Kunden. Die Technik sei relativ günstig, weil für die Lagerung praktisch keine Energie verbraucht werde, außer für die Kühlung. Und hier arbeite man daran, das zu senken.

Maiser, der jetzt schon beruflich an die Zeit nach Industrie 4.0 denkt, sieht in der Supraleitertechnologie einen "schlafenden Riesen." Vor allem im Energiebereich könnte sich vieles ändern, wenn die Sprungtemperatur, bei der also der elektrische Widerstand null ist, höher wäre.

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29.04.2016, 06:00 Uhr

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