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Eingesperrt und ausgestellt
Francis Bacon 1979 in seinem Studio. Foto: Edward Quinn
Francis Bacon in der Staatsgalerie Stuttgart

Eingesperrt und ausgestellt

Gewaltig und gewalttätig: Francis Bacon gehört zu den großen Malern des 20. Jahrhunderts. Die Staatsgalerie Stuttgart lässt daran keinen Zweifel.

07.10.2016
  • LENA GRUNDHUBER

Stuttgart. Wer einem Bild von Francis Bacon begegnet, vergisst das nie wieder. Das ist Malerei, die sich einfräst ins Bewusstsein, vielleicht sogar ins Körpergedächtnis, denn genau das, „unmittelbar ins Nervensystem“ eindringen, will dieser Mann ja auch – so erklärt er via Zitat beim Eintritt in die große Bacon-Ausstellung der Staatsgalerie Stuttgart.

Deformierte Körper in verstörenden Räumen, brutal auf Leinwand gezerrte Fleischlichkeit, damit könne der 1992 verstorbene Künstler trotz seines heute unbestrittenen Rangs offenbar noch immer polarisieren, wie Kuratorin Ina Conzen selbst leicht erstaunt feststellte. Dabei fesseln diese Bilder gerade deshalb so unheimlich, weil es darin um etwas geht. Um Leben, Tod, Gewalt und Sex, um die Isolation und Ausgesetztheit einer Kreatur, die auf Erlösung durch irgendeinen Gott nicht mehr zu hoffen braucht. Nicht umsonst hängt dieser Maler Tierkadaver ins Bildzentrum. So sehr seine Bilder eine stringente Narration verweigern, sich einer einfachen Deutung verwehren, so sehr sind sie das Werk eines Kindes der blutigen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Er hat niemals Kunst studiert

1909 wird Francis Bacon in eine explosive Situation hineingeboren, als Spross englischer Protestanten in Dublin. Mal lebt die Familie in Irland, mal in England, als Bacons Homosexualität offenbar wird, wirft ihn der Vater, ein Veteran und Rennpferdtrainer, als Teenager aus dem Haus. Bacon geht nach London, erlebt die 20er in Berlin, zieht zwischenzeitlich nach Paris und lernt dort Picassos Werk kennen, ein einschneidendes Erlebnis. Der Autodidakt wird niemals Kunst studieren, zurück in London versucht er sich erfolglos als Innenarchitekt und Designer, schließlich beginnt er zu malen. Bacon reist durch Europa, spielt, schlägt sich auch mal als Croupier durch, seinen Durchbruch als Künstler erlebt er erst mit Mitte 30, im Jahr 1945.

Etwa zu diesem Zeitpunkt – die faszinierend geisterhafte „Kreuzigung“ von 1933 ausgenommen – treffen wir in der Staatsgalerie auf den Maler, der seinen eigenen Weg zwischen Figuration und Abstraktion findet; von dem, was Pollock oder Rothko in den USA veranstalten, hält Bacon nichts, das erfährt man hier aus seinem eigenen Munde im Film-Interview. 40 große Gemälde, davon vier Triptychen, sowie Skizzen und Dokumente konnte die Staatsgalerie in Zusammenarbeit mit der Tate Liverpool einwerben, selbst besitzt sie nur ein Bild des Briten – und so hat die Ausstellung laut Direktorin Christiane Lange ein Versicherungsvolumen von eineinhalb Milliarden Euro, für die das Land gerade steht. Sowas muss man feiern: Wie schon bei Oskar Schlemmer gerät die Kunst in Bewegung, Ismael Ivo wird im Theaterhaus seine Tanzperformance „Francis Bacon“ aufführen.

Wer einen so sattsam bekannten Künstler in Szene setzen will, braucht eine innovative Fragestellung. Die Staatsgalerie fokussiert auf Bacons merkwürdige „Unsichtbare Räume“, in die er seine Gestalten einsperrt, um sie zugleich auszusetzen. Es sind unlogische, dysfunktionale Räume, die ihm helfen, Situationen zu verdichten, intensiv zu steigern. Er malt magisch dunkle Settings mit käfighaften, durchsichtigen Gerüsten, in denen aufgerissene Münder von Geschäftsmännern schreien, ein männlicher Akt an Stäben reißt. Die Papstfiguren, die Bacon meist nach dem Velázquez-Porträt von Innozenz X. gestaltet hat, stecken ebenso fest wie die Affen, die sinnigerweise gegenüber hängen.

In den 60ern werden die Farben stärker, der Kontrast zu den Hintergründen wird klarer, so dass sich die Figuren umso plastischer abheben. Im Porträt des Geliebten George Dyer zerreißt der Blick in den Spiegel das Gesicht, ein anderes Mal scheint der ganze Körper von einer Wand durchtrennt zu werden. Im Triptychon von 1967 verknäueln sich Leiber zu einer Fleischmasse – auf einem bühnenhaften Podest richtiggehend angerichtet. Nur damit wir ein paar Schritte weiter das Auge eines rätselhaften Kamera-Wesens auf uns gerichtet finden und schaudernd unseren Blick zurückholen. Selbst eine Sanddüne ist, zur Körpermasse verwandelt, im Glaskasten gefangen. „Wir leben fast ständig hinter Schutzschirmen“, hat Bacon einmal gesagt. „Ich denke manchmal, wenn die Leute sagen, mein Werk wirke gewalttätig, könnte es mir vielleicht gelungen sein, ab und an einen oder zwei Schleier oder Schutzschirme wegzunehmen.“ Es ist ihm gelungen – gegen die Kraft dieser Bilder hat man keine Chance.

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07.10.2016, 06:00 Uhr

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