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Ein neuer Drang zum Master

Einige Studiengänge sind über-ausgelastet, ein paar wenige nicht - warum?

Mit den ersten Bachelor-Absolventen steigt in allen Studienfächern die Nachfrage nach Master-Studienplätzen. An der Uni Tübingen nahmen zum Beginn dieses Wintersemesters die MA-Studenten deutlich zu. Wie viele an der Schwelle scheitern, weiß allerdings niemand.

14.11.2012
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. Im Wintersemester 2011 waren die Tübinger Master-Studiengänge erst zu 63 Prozent ausgelastet. In diesem Jahr ist man bei durchschnittlich 87 Prozent. „Das ist ein enormer Sprung“, sagt Lucia Vennarini, die Leiterin des Dezernats Studium und Lehre bei der Uni-Verwaltung.

87 Prozent im Schnitt, das bedeutet aber, dass einige Master-Studiengänge eine Überlast schultern; auch von denjenigen, die eine Zulassungsbeschränkung haben. Von 37 Master-Studiengängen mit beschränkter Teilnehmerzahl trifft das auf 17 zu. Zu den besonders stark nachgefragten gehören bei den Wirtschaftswissenschaftlern „Accounting and Finance“, der Master in Empirischer Kulturwissenschaft sowie „Forschung und Entwicklung der Sozialpädagogik und Sozialen Arbeit“ bei den Erziehungswissenschaftlern.

Nicht alle Master-Studiengänge haben gleich viele Plätze. Neue Studiengänge fangen oft bei zwölf an, um sich dann auf bis zu 30 Studierende zu steigern. Sehr spezialisierte, berufsbezogene Studiengänge nehmen weniger Studenten auf. So gibt es in den Master-Angeboten „Sportwissenschaft-Gesundheitsförderung“, „Sport-Management“ und „Gesundheitsmanagement“, die sich inhaltlich überlappen, insgesamt nur 36 Plätze, in „Angewandter Umwelt-Geowissenschaft“ dagegen 30.

Interessanterweise mussten sogar die Juristen in ihren Master-Studiengang, der zum Titel „LLM“ (Master beider Rechte) führt, mehr als die vorgesehenen 15 aufnehmen. In solchen Phänomenen zeigt sich die Internationalisierung: Während in Deutschland das juristische Staatsexamen noch immer als Standard gilt, zieht das Master-Angebot ausländische Studierende an – oder Deutsche, die im Ausland tätig sein wollen.

Während Master-Studiengänge in den Geisteswissenschaften wegen der unklaren Berufsperspektive zum Teil weniger gefragt sind, gelten sie in den Naturwissenschaften als Ersatz für das früher hoch angesehene Diplom, und als Vorstufe zur Promotion, die dort immer mehr zum Regel-Abschluss wird. Molekulare Medizin, Neuro- und Verhaltenswissenschaften, Biochemie (in englischer Sprache) und Biologie sind sehr gut belegt.

In manchen Fällen machen sich auch aktuelle Trends und Problemstellungen im Zulauf zu Studiengängen bemerkbar: Medienwissenschaft ist so ein Modefach, das in Tübingen sehr gut läuft. Auch der neue Studiengang „Schulforschung“, eine Reaktion auf den Amoklauf von Winnenden, der außerdem die Besonderheit hat, dass man ihn auch in Teilzeit absolvieren kann, neben dem Beruf.

Bei manchen Master-Studiengängen merkt man, dass sie noch nicht bekannt sind, oder dass die passenden Bachelor-Absolventen noch fehlen, so bei Kognitionswissenschaft und Physischer Geographie – während „Humangeographie und Global Studies“ zu weit über 100 Prozent belegt ist. „Das muss ich noch finden“, sagt Vennarini mit der Gelassenheit der Erfahrung. Insgesamt sieben Studiengänge fallen weit unter den Durchschnitt, sie sind nur zu etwa 30 Prozent belegt.

Unter Studierenden kursieren zum Teil abenteuerliche Gerüchte über die hohe Schwelle zum Master. Musste die Uni viele Master-Bewerber abweisen? Nach den Zahlen scheint es so, denn auf etwas mehr als 700 Plätze kamen 3000 Bewerbungen – auch hier „deutlich mehr als vor einem Jahr“. Daraus zu schließen, dass alle Abgewiesenen chancenlos sind, wäre allerdings falsch. Denn, so gibt Vennarini zu bedenken: „Viele Studierende bewerben sich bei mehreren Unis.“ Was man daran merkt, dass sie angebotene Studienplätze nicht annehmen, womit die zahlreichen Nachrückverfahren in Gang kommen.

Wie viele Master-Bewerber an gar keiner Hochschule angenommen wurden, weiß jedoch niemand. Denn auch hier fehlt, wie beim Bachelor, noch eine bundeseinheitliche Software, mit der sich auch Mehrfach-Bewerbungen verfolgen lassen.

In Tübingen wird übrigens die Zulassung zu Master-Studiengängen nicht nur nach dem Notenschnitt entschieden. „Es gibt hier keinen Automatismus zwischen einer Zwei im Bachelor-Zeugnis und einem Master-Studienplatz“, korrigiert Vennarini eine bei Studenten verbreitete Rechnung. Die meisten Zulassungsordnungen der Fakultäten enthalten noch die Prüfung einer besonderen fachlichen Eignung. „Es kommt nicht selten vor, dass 30 bis 60 Prozent der Bewerber von der Fakultät als gar nicht tauglich angesehen werden – die hätten auch im Nachrückverfahren keine Chance!“, sagt die Dezernatsleiterin.

Und noch eine Mutmaßung verweist sie in die Gerüchteküche: Dass es als Nachteil gewertet werde, wenn man für den Bachelor länger als die je nach Studiengang vorgegebenen drei oder vier Jahre gebraucht hat. „Auf die Länge des BA-Studiums hat hier noch keiner geschaut!“ Dafür würde Vennarini gleich beide Hände ins Feuer legen.

Einige Studiengänge sind über-ausgelastet, ein paar wenige nicht - warum?
Lucia Vennarini, 48, die Leiterin des Dezernats Studium und Lehre, ist studierte Anglistin und war selbst in der Lehre tätig, ehe sie auf die Seite der Organisation wechselte. Bild: Pfeil

In einer ganztägigen Konferenz wird die Uni Tübingen am Montag, 19. November, die Gestaltung ihrer Master-Studiengänge kritisch überprüfen. Eingeladen sind dazu Lehrende, Studierendenvertreter, Mitarbeiter der zentralen Einrichtungen für Studium und Lehre, Vertreter des Wissenschaftsministeriums, der Wirtschaft, die Uni-Leitung.
Das Augenmerk richtet sich unter anderem auf die Attraktivität der Studiengänge. Was sind ihre Alleinstellungsmerkmale? Welche Spezialisierung ist sinnvoll, wie viel Interdisziplinarität ist nötig?
In zwei übergeordneten Workshops geht es einmal um Inhalte unter dem Aspekt Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung; zum anderen um den so genannten Y-Master, der einen forschungs- und einen anwendungs-/industrie-orientierten Arm hat. Wie sollte ein Leitfaden dafür aussehen? Können Firmenpraktika ins Master-Studium integriert werden? Soll es möglich sein, forschungsbasierte Abschlussarbeiten über aktuelle Themen zu verfassen, die aus der Industrie gestellt werden?

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14.11.2012, 12:00 Uhr

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