Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Der Tag, an dem eine Hoffnung starb

Einmarsch in Prag 1968: Entsetzen und Protest-Schweigemarsch

Es war mitten in den Semesterferien, als die Nachricht vom Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag 1968 auch in Tübingen einschlug. Ein Schock waren die Meldungen aus der CSSR vor allem für die sozialistischen Idealisten der Studentenbewegung, für die der „Prager Frühling“ ein großes Hoffnungszeichen gewesen war.

21.08.2008
  • Ulrike pfeil

Tübingen. Das SCHWÄBISCHE TAGBLATT brachte die aktuelle Meldung der Ereignisse vom frühen Morgen in Prag am 21. August mit einem Extrablatt unters Volk. „Da wird noch mehr kommen“, sagte ein älterer Mann dem Zeitungsreporter, der in der Neckargasse Stimmen sammelte. Nun habe die jüngere Generation die sowjetische Aggression einmal „direkt vor ihren Augen“. Gerade ältere Bürger sahen ihr noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammendes, im Kalten Krieg gefestigtes Feindbild bestätigt: „Was die Russen einmal in Händen haben, das halten sie mit allen Mitteln fest“, wird in der Ausgabe vom 22. August ein Rentner zitiert.

Der damalige Tübinger Oberbürgermeister Hans Gmelin, der in der Nazizeit von 1941 bis 1945 ein wichtiger Mann in der deutschen Gesandtschaft im slowakischen Bratislava gewesen war, äußerte sein „tiefstes Mitempfinden mit dem tschechischen und slowakischen Volk“ und Zweifel an den „Abmachungen mit dem Osten“. Wolfgang Werner, seinerzeit Direktor des Bürger- und Verkehrsvereins, bezog das Exempel CSSR sofort auf die gerade beginnende Studentenbewegung im eigenen Land: „Das sollten sich alle überlegen, die mit roten Fahnen durch die Stadt ziehen!“ gab er zu Protokoll und wollte erst mal sehen, „ob der SDS jetzt auch für die Tschechoslowakei und ihre Freiheit demonstriert“.

Schockiert und bitter enttäuscht äußerten sich andere, die mit dem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ des tschechoslowakischen Parteichefs Alexander Dubcek eigene Hoffnungen auf ein west-östliches Tauwetter verbunden hatten: Die SPD-Stadträtin Hedwig Rieth etwa, oder der damalige Regierungspräsident Willi Birn, dessen Familie gerade an einem Schüler-Austausch mit Jugendlichen aus Prag beteiligt war. Die Prager Schüler waren wenige Wochen zuvor in Tübingen gewesen; aus dem Gegenbesuch der 18 Tübinger, die am 23. August nach Prag reisen sollten, wurde nichts mehr.

Überrascht von der Besetzung wurde eine fast 40-köpfige Reisegruppe von Tübinger Studenten, die sich mit dem Geographieprofessor Karl Heinz Schröder zu einer Exkursion in der Tschechoslowakei aufhielt. Sie brach ihre Rundreise sofort ab.

Wolfgang Werner wurde nicht enttäuscht: Schon am Nachmittag des 21. August machten sich fast 400 Studenten zu einem Protest-Schweigemarsch von der Neuen Aula aus auf zum Marktplatz. Dietmar Schöning, damals zweiter Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses (Asta), später FDP-Landtagsabgeordneter und bis heute Tübinger Stadt- und Kreisrat, verlas eine Solidaritäts-Resolution. Die Studenten kritisierten die Intervention als „Eingriff in das Recht der tschechoslowakischen Bevölkerung auf die eigene Gestaltung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung“.

Allerdings könnten die Vorgänge „nicht mit den Kategorien eines im kalten Krieg eingeübten irrationalen Antikommunismus erfasst werden“. Vielmehr stellte die Resolution den Einmarsch in die CSSR auf eine Stufe mit amerikanischen Interventionen in Vietnam und Lateinamerika. Ein Vergleich, über den anschließend zwar nicht öffentlich, nach Beobachtung des TAGBLATT-Berichterstatters aber „in kleinen Gruppen“ lebhaft diskutiert wurde.

Das Flugblatt hatte ein juristisches Nachspiel vor dem Verwaltungsgericht Sigmaringen: Da der Asta kein politisches Mandat habe, hätten die Studenten auch nicht zum Einmarsch in der CSSR Stellung beziehen dürfen. Diese argumentierten, es handle sich um einen Akt der Solidarität mit der Partner-Uni in Bratislava. Deren Studenten hätten ausdrücklich um Unterstützung gebeten.

Auf die Parole „Freiheit für die CSSR!“ konnten sich Studenten und Bürger einigen. Effektiv befolgt wurde ein „Verkehrsstreik für die CSSR“ am folgenden Freitag, zu dem der DGB aufgerufen hatte. Um 17 Uhr ruhte der Verkehr in der Mühlstraße, an der Schmiedtor-Brücke und an ein paar anderen Kreuzungen für fünf Minuten. 1300 Tübinger unterschrieben am Wochenende eine Protestnote der ÖTV-Gewerkschaftsjugend.

Hautnah erlebten den Einmarsch in Prag viele westdeutsche Touristen, die sich, ermuntert und neugierig geworden durch die Öffnung des Landes, im Sommer in die CSSR aufgemacht hatten. Unter ihnen der Tübinger Student Hauke Petersen, der mit seiner jungen Frau eine vom Studenten-Reisebüro organisierte Reise nach Prag gebucht hatte. Seine Frau war als 18-Jährige nach dem Mauerbau 1961 mit gefälschtem Pass aus der DDR geflüchtet und nahm diese Gelegenheit wahr, in Prag ihre Eltern zum ersten Mal wiederzusehen.

Aufgewühlt berichtete Petersen, der damals in Öschingen wohnte, nach seiner Rückkehr dem TAGBLATT: Von der spannenden Atmosphäre, die sie in Prag antrafen, von der Diskussionsfreude der tschechischen Bevölkerung, von deren Begeisterung für den Reformkommunismus von Alexander Dubcek. Von der Begegnung mit jungen Leuten aus der DDR, die hofften, dass das tschechische Beispiel auch in anderen sozialistischen Ländern Nachahmung finden werde.

Dann von dem Schrecken, als sie am Mittwochmorgen um 4 Uhr in ihrem einfachen Hotel im Stadtzentrum von dem Ruf „Aufstehen, Koffer packen, Prag ist besetzt!“ geweckt wurden. Noch ehe Petersen an einen schlechten Scherz denken konnte, hörte er das Dröhnen sowjetischer Flugzeuge.

Die russischen Hotelgäste frühstückten an diesem Tag früher als sonst und blieben dann auf ihren Zimmern. Auf den Straßen erlebt Petersen, wie junge Tschechen auf russische Panzer klettern und mit den Soldaten diskutieren. Er hört „Dubcek!“-Rufe und Schüsse vom Wenzelsplatz. Um 12 Uhr kommt der Verkehr für kurze Zeit zum Stillstand – stummer Protest. Dann fährt die Reisegruppe in Richtung Grenze. Tschechen an der Straße winken dem deutschen Bus zu. Eine Frau ruft unter Tränen: „Erzählt zu Hause, was ihr gesehen habt!“

Die Szenen aus Prag hat Petersen, heute 64, in der Erinnerung noch sehr präsent. Vor allem die Gerüchte, es seien auch DDR-Soldaten, also Deutsche, an der Intervention beteiligt gewesen. „Die gab es sofort.“ Heute weiß man, dass DDR-Truppen klugerweise herausgehalten wurden.

Vollkommen arg- und ahnungslos seien sie damals in die Tschechoslowakei gefahren, sagt Petersen. „Man hatte nur mitgekriegt, dass die Manöver des Warschauer Pakts kein Ende nahmen.“ Angst habe er im Angesicht der Panzer keine gehabt. „Ich bin nicht so leicht zu erschüttern“, sagt der Lehrer für Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde (in Metzingen), der vor kurzem pensioniert wurde. Er war später ein paar Jahre Auslandslehrer in Teheran, als dort die Revolution und der Krieg ausbrachen.

Petersen, der aus Husum in Schleswig-Holstein stammt, lebt seit vielen Jahren in Wannweil. Seine damalige erste Frau ist vor einigen Jahren gestorben. Sein politisches Weltbild habe der Einmarsch in Prag nicht verändert, sagt er, der seit mehr als vier Jahrzehnten SPD-Mitglied ist. Er sympathisierte mit dem Reformkommunismus ebenso wie – als Juso – mit der Studentenbewegung, die jedoch erst einsetzte, als er schon im Examen steckte. „Man dachte damals noch nicht, dass ’68 mal für etwas Anderes als Prag stehen würde.“

Als Lehrer hat ihn das Erlebnis aber doch geprägt. Mit seinen Schülern war er „x Mal in der DDR“, er hat immer versucht, den Politikunterricht so lebendig und konkret wie möglich zu gestalten. „Vielleicht“, sagt er, „weil ich damals miterlebt habe, wie Politik passiert.“

Einmarsch in Prag 1968: Entsetzen und Protest-Schweigemarsch
Hauke Petersen, 64, aus Wannweil erlebte den Einmarsch in Prag 1968 als studentischer Tourist.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

21.08.2008, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball