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Tauwetter im Kriegswinter

Einst ein Boulevard: Wilhelm Laage malte 1916 den Ledergraben

REUTLINGEN. Heute tost hier ein Verkehr wie auf der Autobahn. Einst aber war der Reutlinger Ledergraben ein großzügiger Boulevard mit zwei Fahrbahnen für Pferdedroschken und ein paar wenige Autos, dazwischen lag eine Fußgängerallee mit Bäumen und Laternen. Der Holzschneider und Maler Wilhelm Laage (1868-1930) hat 1916 atmosphärisch-dicht eine winterliche Szenerie festgehalten.

23.12.2006
  • Wolfgang Alber

Drei verloren wirkende Gestalten, die Hände in den Taschen vergraben, stemmen sich vornübergebeugt gegen den Wind. Die Witterung ist klamm, der matschige Schnee auf dem Fußweg blaugrau, die Häuserfassaden sind feucht, der Rauch aus den Schornsteinen drückt auf die Dächer. Unwirtliches Tauwetter im bitterkalten Kriegswinter 1916, das selbst den Betrachter frösteln lässt. An der Front tobte der mörderische Stellungskrieg mit Gaseinsatz, an der Heimatfront schlug der „Steckrübenwinter“ den hungernden Menschen auf den Magen. Erich Heckels expressionistische Lithografie „Irrer Soldat“ zeigt die geschundene Kreatur, Laages Ölgemälde verleiht der Düsternis des Daseins Ausdruck.

Das Bild gehört zur Veduten-Sammlung des Reutlinger Heimatmuseums. Dort ist Laage auch mit der Ansicht eines Gartens (1925) in der heutigen Richard-Wagner-Straße oder mit der dampfenden Eisenbahn in der Tübinger Vorstadt vor der Kulisse der Achalm (1908) vertreten.

Das „Tauwetter“, vermutet die stellvertretende Museumsleiterin Dr. Martina Schröder, zeigt den Ledergraben aus dem erhöhten Blickwinkel von Laages Wohnung in der Lederstraße 100 auf Höhe der heutigen ADAC-Geschäftsstelle. Zu sehen sind vorne die Lderstraße, links das List-Gymnasium samt Hof, rechts drei Stadtmauerhäuser an der Marchthalerhofstraße, die 1971 der Kalbfell-Halle weichen mussten. Im Hintergrund ist die Spitze eines Ostturms der Marienkirche angedeutet.

Der leicht diagonale Bildaufbau, so Schröder, „vereinfacht und monumentalisiert zugleich die Straßenansicht“ – die Menschen erscheinen miniaturisiert, den Unbilden schutzlos ausgesetzt. Laage vermittele durch reduzierte Farbigkeit – das Ocker der Häuser, das Grauweiß von Schnee und Himmel, eine triste, nasskalte Stimmung. Wie bei anderen Bildern lasse der Titel erkennen, dass Wetter und Jahreszeit für ihn eine wichtige Rolle spielten.

Für Laage waren die Kriegsjahre ebenfalls eine Umbruchszeit. Er begann sein grafisches Schaffen um 1896 mit Holzschnitten und Lithografien, deren expressive Intensität, harte Schwarz-Weiß-Konturierung oder auch dezente Farbgebung die Künstler der „Brücke“ beeinflussten.

Norddeutscher in Schwaben

Laage beteiligte sich an deren erster „Brücke“-Grafikausstellung 1906 in Dresden. Nach der Heirat mit Hedwig Kurtz zog er 1907 von Cuxhaven nach Betzingen in die Mühlstraße 23, Anfang 1914 in die Lederstraße 100. Im Schwäbischen tat sich der Norddeutsche zunächst schwer, sommers brach er regelmäßig zu Malreisen an die See und in die Heide auf. Erst später nahm er die neue Heimat intensiver wahr, die schroffe Albkette, das weiche Albvorland, hielt Betzingen, Pfullingen, Reutlingen im Bild fest, fertigte Porträts seiner Frau oder des Pfullinger Mäzens Louis Laiblin, der ihn mit einer Bildmappe beauftragte.

Dann bekam Laage Probleme mit den Augen, die ihn als stilbildenden Expressionisten ausweisende Holzschnittproduktion endete in den 1920-er Jahren. Die Malerei nahm nun größeren Raum in seinem Schaffen ein. Und mit Reutlinger Motiven ließ sich bei betuchten Auftraggebern auch leichter Geld verdienen. Während es für die Holzschnitte seit 1994 einen Bestandskatalog des Kunstmuseums Spendhaus gibt, harrt das malerische Werk noch weitgehend der Entdeckung.

Von realistischer Klarheit

Laages Kunst, sagt Schröder, habe eine „realistische Klarheit“. Das Bild „Tauwetter“ besitzt aber auch historisch-dokumentarischen Wert. Es zeigt, wie einschneidend sich das Stadtbild an dieser Stelle verändert hat. Der Ledergraben war aus dem alten Zwingergraben hinter der Stadtmauer entstanden. Die Mauer war abgerissen, der Graben zugeschüttet, darauf eine Straße angelegt und eine Fußgängerzone mit Bäumen bepflanzt worden. Diese Entwicklung lässt sich schon in einer gleichfalls im Besitz des Heimatmuseums befindlichen Bleistiftzeichnung von Sara von Horstig d‘Aubiny aus dem Jahr 1877 nachvollziehen.

So entstand ein Boulevard mit Grünzug. Autos hatten in Reutlingen damals nur wenige vermögende Industrielle oder Ärzte. Heute ist die Lederstraße die automobile Problemzone der Stadt. Neben dem Flanieren bot der Ledergraben damals noch ein weiteres Freizeitvergnügen: Winters wurde der Gehweg von der Feuerwehr geflutet oder mit Wasser besprüht, so dass die Kinder darauf Eislaufen oder Schlittern konnten. Bewegungsformen, die auch für die motorische Entwicklung und das Balancegefühl wichtig sind. Weitgehend verloren, wie manch anderes aus dieser Zeit.

Einst ein Boulevard: Wilhelm Laage malte 1916 den Ledergraben
Heute eine überlastete Straßenschneise, damals eine idyllische Allee: Laages Ansicht vom Ledergraben.

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23.12.2006, 12:00 Uhr

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