Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Mit dem Grießpudding fing es an

Einst gab es eine Lehrwerkstätte für Weber und eine Hauswirtschaftsschule

ENTRINGEN. Weberlehrwerkstätte und Hauswirtschaftsschule – vor einhundertfünfzig Jahren wurden in Entringen Lehrlinge im Textilgewerbe ausgebildet, vor einem halben Jahrhundert florierte hier die umfassende Unterrichtung angehender Hausfrauen.

03.09.2005
  • Jürgen Jonas

Es tat sich einiges im Herbst 1855. Die Gemeinde beschaffte sechs Webstühle und stellte Räume zur Verfügung, sorgte darin auch für Heizung und angemessene Versorgung der Utensilien. Man richtete damit eine Weberlehrwerkstätte ein. Die Anstalt zeigte bald, wie es hieß, „ein erfreuliches Gedeihen“. Beabsichtigt war, armen Jünglingen und Waisen zu ermöglichen, ein „ordentliches Handwerk“ zu lernen.

Die Mitglieder des Gemeinderats übernahmen die Überwachung der Schule und entschieden auch über den Ein- und Austritt der Lehrlinge. Ein Pädagoge hatte das Heft in der Hand. Weblehrer Winkler aus Stuttgart zeichnete verantwortlich für alles, was die Zöglinge taten. Ebenso war er für die Lieferung einer „guten und immer brauchbaren Ware“ zuständig.

Es ging wohl ziemlich streng her. Wer sich nicht bedingungslos fügte, hatte einen Lohnabzug zu erwarten, auch Strafen durch die Ortspolizei wurden bei Fehlverhalten angedroht. Auf der anderen Seite gab es Prämien für Fleiß und „gutes sittliches Betragen“.

Die Lehrlinge, die drei Jahre in der Anstalt verbleiben mussten, erhielten sogar einen bescheidenen Lohn. Was die Werkstatt an fertiger Ware dem Fabrikanten lieferte, konnte, so heißt es in einem alten Zeitungsbericht, „durchaus vor den Augen der Fachleute und der Kenner bestehen.“ Andere Gemeinden sollen dem Vorbild Entringens gefolgt sein.

Durchaus neue Wege ging man auch Mitte der fünfziger Jahre in der Ammertalgemeinde. Das TAGBLATT schickte im Frühjahr 1955 einen Reporter als “Häfelesgucker“ nach Entringen. Dort war ein Jahr zuvor neben der Turn- und Festhalle eine Hauswirtschaftsschule eröffnet worden. Es gab Berliner Pfannkuchen, als der Journalist in Begleitung von Bürgermeister Fritz Fleck auftauchte, serviert von den jüngsten Schülerinnen im Alter von vierzehn Jahren.

Die insgesamt 48 jungen Frauen kamen aus den Gemeinden Altingen, Reusten, Breitenholz und Entringen. Ihre Lehrerin hieß Gabriele Mehnert, sie wollte in die „Anfangsgründe“ des Kochens einführen, aber auch mit seinen „Feinheiten“ vertraut machen. Gekocht hatten die Schülerinnen schon zu Hause, ohne sich dabei allerdings groß Gedanken über „nahrhafte und wirtschaftliche Zusammensetzung der Mahlzeiten“ zu machen.

Rouladen als Gesellenstück

In den Haushalten auf dem Land waren Kenntnisse in Ernährungslehre kaum vorhanden. Das sollte geändert werden. Man kalkulierte im Unterricht jede Mahlzeit, bevor geschält, gerührt, geknetet, gebacken und gekocht wurde. Die „ABC-Schützen“ fingen mit Grießpudding und Apfelkompott an, schöne Rouladen mit selbstgemachten Nudeln gehörten dann schon zu den „Gesellenstücken“.

Die Lehrküche wurde als „viergleisig“ bezeichnet, was elektrischen Herd, Topfschränkchen und Arbeitstisch, Küchenschrank und Spültisch umfasste: „Vorbild für die modernen Küche“. Mehnert ließ im Sitzen arbeiten, im Gegensatz zur sonst gebräuchlichen Küchenpraxis. Die Gemeinde habe hier, so bescheinigte der TAGBLATT-Berichterstatter, den Grundsatz in die Tat umgesetzt, dass „für die Bildung der Jugend das Beste gerade gut genug sei“.

Traditionelle Rollenbilder

Allerdings war man durchaus in traditionellen Rollenbildern verhaftet: „Eine gute Köchin wird es immer leichter haben, die Sympathie ihres ‚Herrn und Gebieters’ zu erhalten. Im Gegensatz zu denjenigen Hausfrauen, die ein Stück Fleisch vom Hals und ein Stück vom Bug nicht auseinanderhalten können.“

Mit Kochen allein gab sich die Hauswirtschaftsschule nicht zufrieden. Mehnert lehrte auch, wie man rationell putzen und das Haus sauber halten sollte. Auf dem Stundenplan standen das richtige Reinigen von Holzgeräten, Aluminium, Porzellan und Silber. Außerdem wurde geflickt und genäht. Bei allen Verrichtungen trugen die Schülerinnen Schürzen aus eigener Manufaktur.

Im zweiten und dritten Lehrjahr kamen Säuglingspflege und Gesundheitslehre dazu. Nicht nur das. Mehnert räumte im Unterricht dem Fach Gemeinschaftskunde ausgiebig Platz ein, behandelte familienrechtliche Fragen wie Ehevertrag, Testament und Erbschaftsangelegenheiten. Auch Gartenarbeit wurde gelehrt. Der Schulgarten lag um diese Zeit noch brach. Doch die Gemeinde hatte dafür schon die Mittel bereitgestellt. Sie zahlte auch das Gehalt der Lehrerin. Die laufenden Betriebskosten wurden auf die vier Schulgemeinden umgelegt. Die Schule gab es nur wenige Jahre. Später wurden die Räume in die Grund- und Hauptschule integriert.

Wissenschaftliche Berliner

Gabriele Mehnert hatte das berufspädagogische Institut in Stuttgart und die Landfrauenschule in Groß-Sachsenheim durchlaufen. In der Hauswirtschaftsschule bewohnte sie ein „hübsch eingerichtetes Lehrerinnenzimmer ganz für sich“. Über ihre Schülerinnen sagte sie: „Hauptsache, dass die Mädchen ihre Kenntnisse zu Hause festigen und vervollständigen können.“ Am Ende des Rundgangs ließen Reporter und Bürgermeister sich am gedeckten Tisch die „wissenschaftlich“ angefertigten Berliner samt Vanillesoße „trefflich munden“.

Einst gab es eine Lehrwerkstätte für Weber und eine Hauswirtschaftsschule
Schülerinnen backen Berliner in schwimmendem Fett aus.

Einst gab es eine Lehrwerkstätte für Weber und eine Hauswirtschaftsschule
Spülen und Abtrocknen war in der Hauswirtschaftsschule nicht gerade beliebt.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

03.09.2005, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball