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Die Fremden, das sind wir ja selbst!

Einwandererkinder als Experten in eigener Sache

Viele Einwandererkinder leben zwischen den Kulturen. Während manche sich frustriert von Deutschland abwenden, kämpfen andere durch Aufklärung gegen Klischees und Ausgrenzung an. Ihre Überzeugung: Wir sind anders – und das ist gut so!

20.06.2012
  • Benedikt Rittweiler

„Hier gilt man als die Türkin, in der Türkei als die Deutsche. Man ist eigentlich nirgends richtig akzeptiert“, sagt Fatma Tek. Die 21-jährige Stuttgarterin gehört zur dritten Generation: Ihr Großvater kam einst aus der Türkei nach Deutschland. In der Schule fühlte sie sich wegen ihrer Herkunft nie ausgegrenzt, Deutsch kann sie perfekt – und trotzdem begleitet sie die Frage „Wer bin ich?“ durch den Alltag.

Ihrer Kommilitonin Ebru Karakaya geht es ähnlich: Das erste, was man von ihr wissen will, ist oft: „Woher kommst du?“ oder „Wieso trägst du kein Kopftuch?“ Ein türkischer Schulkamerad machte ihr einmal schwere Vorwürfe: „Du glaubst nicht an den Propheten und nicht an Gott!“, sagte er, weil sie gewisse Koranregeln nicht befolgte. Damals war eine Ethnologin in der Schule, sie half ihr bei dem Streit. Heute studiert Karakaya selbst Ethnologie, genau wie Fatma Tek.

Sie sind nicht die einzigen mit Migrationshintergrund, die auf dem Tübinger Schloss Ethnologie studieren. Eigentlich liegt diese Verbindung nahe: Ethnologie ist die Lehre fremder Völker. Studierende wie Karakaya oder Tek kennen die Erfahrung des Fremdseins, können ihr eigenes Milieu erforschen, vielleicht sogar dort etwas bewirken. Tatsächlich handelt es sich um eine neuere Entwicklung, sagt die Ethnologin Sabine Klocke-Daffa. Vor zwanzig Jahren, zu ihrer Studiumszeit, waren die meisten Kommilitonen noch deutscher Herkunft.

Das hat historische Gründe, vermutet die Tübinger Dozentin. Die Deutschen verstanden sich lange Zeit nicht als Einwanderungsland. Bis heute haben Einwanderer deshalb einen schweren Stand: Sie werden zu Migranten gemacht. Sprache ist das, was in Deutschland Identität stiftet. Und wer nicht perfekt Deutsch kann, gilt auch nicht als echter Deutscher.

Hinzu kommt die Angst vor dem Fremden. Man kennt die öffentlichen Debatten: Einige Einwanderer tragen in der Öffentlichkeit Burkas oder untersagen ihren Kindern den Schwimmunterricht, und schon ist man empört oder beängstigt. Das Fremde ist dabei das, was von der eigenen Kultur, vom Alltäglichen und Selbstverständlichen, abweicht. Es ist angstbesetzt, da es unvorhersehbar und unberechenbar zu sein scheint.

Viele Einwanderer fühlen sich daher in Deutschland nicht zu Hause. Sie entscheiden sich bewusst gegen einen deutschen Pass. Ein Pass ist für sie mehr als ein Dokument, er ist Ausdruck für ihr Heimatgefühl.

Die meisten Einwanderer definieren sich auch nicht – wie es politisch korrekt heißt – als Menschen mit Migrationshintergrund, sondern als Ausländer. Sie wollen sich nicht als Halbdeutsche verstehen, als wandelnde Defizite, die den „Voll-Deutschen“ oder „Bio-Deutschen“ (sprich: Biologisch-Deutschen) in etwas nachstehen. „Je weniger sie sich akzeptiert fühlen“, sagt Klocke-Daffa, „desto mehr halten sie daran fest, was sie haben. Das ist vor allem ein Problem bei Jugendlichen.“ Um solche Probleme kümmern sich Ethnologen, deshalb gehen sie mittlerweile auch an Schulen.

Der Klischee-Ethnologe ist ein Indiana Jones-Typ: ein Abenteurer, der durch knallig bunte exotische Welten streift und dann davon berichtet. Die Realität sieht jedoch anders aus: „Ethnologen laufen nicht mit Tropenhelmen und Safariausrüstung durch den Dschungel“, sagt Klocke-Daffa. Wenn überhaupt, kämpfen sie sich durch den Theoriedschungel. Wie jede andere Wissenschaft auch ist die Ethnologie in erster Linie eine Disziplin für Schreibtischtäter. Die Feldforschung in der Fremde gibt es zwar auch, sie ist aber nicht der Berufsalltag.

Die Ethnologie beschäftigt sich nicht nur mit dem Fremden in der Fremde, sondern auch mit dem Fremden in der Heimat: Viele Studentinnen, die von ihrem Auslandssemester zurückkommen, erleben hier einen Kulturschock. Im Ausland merkt man, dass es auch anders geht. Man hinterfragt, was vorher als selbstverständlich galt. Das Fremde schafft einen neuen Blick auf die Heimat. „Die Fremden, das sind wir ja selbst!“, sagt Klocke-Daffa.

Man kann fast sagen: Fremdheitserfahrungen sind der Alltag. Jedes Unternehmen ist eine Kultur, mit eigenen Riten und Ritualen. Und bekanntlich vermischen sich diese Unternehmenskulturen untereinander. Das nennt man dann Fusion – ein energiereicher, aber (wie man nicht nur von der Atomphysik weiß) durchaus risikoreicher Akt. Zwei Drittel aller Fusionen, so Klocke-Daffa, scheitern nicht an ökonomischen Faktoren, sondern schlichtweg an Missverständnissen.

Was für Ehen die Paartherapeuten sind, sind für Kulturen die Ethnologen: Sie machen das Unverständliche verständlich, das, was einem am Anderen komisch und seltsam vorkommt, plausibel. Ethnologen verstehen sich als Kulturübersetzer. Ihre Grundüberzeugung: „Die Fremden sind nicht schlechter, nicht besser, sondern einfach nur anders“, so Klocke-Daffa.

Ethnologen kämpfen deshalb gegen Klischees an. Beispiele: „Inder können alle mit Computern umgehen.“ „Alle Muslime müssen Kopftuch tragen.“ Aufklärung ist ihr Mittel gegen die Angst vor dem Fremden. Und Aufklärung heißt zu lernen, die Perspektive zu wechseln.

Die Studentinnen Karakaya und Tek sind das schon von klein auf gewohnt. Regelmäßig besuchen sie die türkischen Verwandten. Ihr Freundeskreis ist Multikulti. Berührungsängste mit dem Fremden kennen sie kaum noch.

Man lernt durch das Ethnologiestudium fürs Leben, sagen die beiden. „Ich hab eigentlich immer gedacht, ich bin voll der tolerante Mensch, aber das hat sich erst im Studium entwickelt“, so Karakaya. Und Fatma fügt hinzu: „Es ist wichtig, dass man lernt, Gefühle auszuschalten, wenn man Vorurteilen begegnet.“

Aber wann hört die Toleranz für sie auf? Wenn das friedliche Zusammenleben und der Respekt vor dem Anderen verloren geht. Oder wenn jemand versucht, sie zu missionieren, ihnen den eigenen Lebenstil aufzwingen will. Für Karakaya betrifft das vor allem ihren Glauben. Wie man seine Religion auslebt, sollte frei sein. Nur weil sie sich nicht wortwörtlich an den Koran hält – demzufolge man zum Beispiel fünf Mal am Tag kniend beten muss – ist sie noch lange nicht ungläubig, sagt sie. Sie betet auf ihre Weise.

Eigentlich kamen Tek und Karakaya mehr aus Zufall auf das Studium der Ethnologie. Aber hinterher erwies es sich als die richtige Entscheidung: Sie entdeckten ihr Interesse an fremden Völkern und Migranten-Milieus, aber auch an der eigenen Tradition: „Ich persönlich finde es wichtig, dass man die Wurzeln nicht vergessen soll. Man lebt dadurch ein bisschen gespalten: Die eine Hälfte ist hier, die andere in der Türkei.“ Das meint Ebru Karakaya aber keineswegs negativ – für sie und Fatma Tek ist das Leben in zwei Kulturen eine Bereicherung: „Dadurch haben wir von beiden Seiten etwas.“

Einwandererkinder als Experten in eigener Sache
Die Studentinnen Ebru Karakaya und Fatma Tek in der ethnologischen Sammlung des Schloss-Museums.

Ein klares Berufsbild gibt es nicht, das müssen sich Ethnologen selbst erarbeiten. Mittlerweile ergeben sich für sie aber überall Chancen – Kulturübersetzer sind gefragt: Einige arbeiten im Tourismus, in Verlagen oder Museen. Andere bieten kulturelle Trainings an, zum Beispiel in Schulen, aber auch in der Wirtschaft. Manche Ethnologen arbeiten auch in Gerichten, um zum Beispiel einzuschätzen, welche vermeintlich kriminellen Verhaltensweisen einen kulturellen Hintergrund haben. Es gibt auch eine Ethno-Psychiatrie in der speziell Probleme behandelt werden, die durch Migrationserfahrungen ausgelöst wurden. Schließlich sind viele Ethnologen im sozialen Bereich tätig: zum Beispiel in der Entwicklungszusammenarbeit oder in der humanitären Hilfe.

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20.06.2012, 12:00 Uhr

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