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WM: Feiern ist okay

Ekstase in der Masse

Feiern ist okay, Fußball bewegt alle und sorgt für Begegnungen, die wir sonst nicht machen: Das findet Moritz Rentzsch, der beim USA-Spiel unterwegs war.

01.07.2014

Tübinger Busbahnhof, vergangener Donnerstag, 16 Uhr: Wir treffen uns, um für die kommenden Stunden Fußballfans zu werden. Verabredet sind wir, um im Schlachthof-Areal das letzte, wichtige Vorrundenspiel unseres Nationalteams gegen die USA zu verfolgen. Gemeinsam mit rund 1200 anderen Fans – bekannten und fremden – treffen wir Freunde und lernen vor allem viele neue, nette Leute kennen.

Beinahe das ganze Schlachthofpublikum singt die Nationalhymne mit. Ab dem Anpfiff des Spiels wird jeder Ballkontakt, jede Ballstafette des DFB-Teams beklatscht. Das sowieso kleine Schlachthofareal ist am Kochen, verwandelt sich mehr und mehr in einen Hexenkessel, es herrscht Stadionatmosphäre. Zusammen werden wir zu einer Deutschland-Feier-Gemeinde.

An die wirklich wichtigen Spielszenen kann ich mich im Grunde gar nicht mehr erinnern – erst während des Schreibens habe ich den Spielverlauf und die verschiedenen Schlüsselszenen rekonstruiert. Mit voller Lautstärke schreit stattdessen der ganze Schlachthof: „Auf geht’s Deutschland kämpfen und siegen“, oder einfach nur „Deutschland, Deutschland“. An eine Unterhaltung über Schlüsselspieler, über Taktiken, oder über die Mannschaftsausrichtung ist nicht zu denken. Viel eher wird Schiedsrichter Ravshan Irmatov – im Nachhinein übrigens eher zu Unrecht – beschimpft.

Als Müller trifft, explodiert die sowieso schon emotionsgeladene Stimmung förmlich. Alle Konventionen dürfen für wenige Augenblicke vergessen werden, Zwänge und Zeit spielen keine Rolle mehr: Es fallen sich wildfremde Menschen in die Arme, Ausnahmezustand herrscht, Bierbecher fliegen durch die Luft, an die Sicht auf die Leinwand ist für längere Zeit nicht zu denken, weil alle Aufgesprungen sind, auf den Bänken tanzen und die ganz großen Gefühle, die nur der Fußball erzeugt, kollektiv erlebt werden. Wir beklatschen schadenfroh jede vergebene Chance der USA, im Gegensatz dazu werden die Chancen Özils Schürrles von allen bejubelt.

Nachdem Spiel auf der Mühlstraße: Alle – und damit tausende Fans – feiern ausgelassen den Einzug ins Achtelfinale. Wir skandieren „Auf die Knie, auf die Knie“ und mit einem Mal kauern alle auf dem Boden. Auf ein Zeichen springen wir auf und singen „humba humba täterä, täterä...“, die Polizei und viele andere Ordner stehen daneben.

In Erinnerung bleiben mir vor allem tolle Bilder und große Emotionen. Beim Massen-Gucken haben wir Fußball in unbeschreiblicher Stimmung erlebt und sind vielleicht dem Kern – also dem gemeinschaftlichen Feiern einer gemeinsamen Sache – der WM näher gekommen.

Das Zusammenzuwachsen – gemeinsam Freude, Schmerz, Sieg und Niederlage zu erleben – birgt aber Gefahren: Der Fußball und die durch ihn entstehende Massen-Dynamik verwischt die Individualität. Er lässt uns alle Tolles erleben, lässt uns so aber sogar mitten in Tübingen „Sieg, Sieg, Sieg“ schreien – und pathetisch mit Hand auf dem Herzen, die Nationalhymne singen. Jede objektive Wahrnehmung geht verloren. Keiner denkt über die Folgen, ein mögliches Fortschreiten, die mögliche Dynamik seines Handelns nach. Das Erleben des Fußballs muss von jedem einzelnen kritisch hinterfragt werden. Sie macht aber doch auch einen Teil der Faszination dieses Sports aus.MORITZ RENTZSCH

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01.07.2014, 12:00 Uhr

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