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Oper

Elektra und die Last des Glücks

Drei Jahre nach dem Tod Patrice Chéreaus ist dessen letzte Inszenierung triumphal in Berlin zu erleben.

26.10.2016
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin. So etwas gab es in dem Ausmaß noch nie. Eine Opern-Inszenierung tourt, nachdem ihr Regisseur wenige Monate nach der Premiere an Krebs gestorben ist, um die halbe (Opern-)Welt. Herausgekommen ist Patrice Chéreaus „Elektra“-Inszenierung 2013 bei den Festspielen von Aix-en-Provence. Als sein Vermächtnis wurde die Koproduktion übernommen von Mailand, New York, Helsinki, Barcelona. Jetzt erst ist sie an der ebenfalls koproduzierenden Berliner Staatsoper gelandet (die erste Probenwoche mit Chéreau war hier im April 2013), originalgetreu einstudiert von Chéreau-Assistent Vincent Huguet.

Die Berliner Staatsoper hatte auch Chéreaus legendäre Janacek-Inszenierung „Aus einem Totenhaus“ gleich zweimal wiederaufgenommen mit Simon Rattle als Dirigent. Und selber produziert hatten die Berliner von ihm zuvor schon den „Wozzeck“ von Alban Berg, wo Daniel Barenboim sein Dirigent war.

Jetzt das endgültige Toten-Gedenken. Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm trat vor den Vorhang und sagte sichtlich ergriffen, die Staatsoper habe ihr Bestes gegeben und lege diese Arbeit hiermit „dem besten Regisseur der Welt zu Füßen“. Daraufhin war es mucksmäuschenstill im Parkett. Und das in heutigem Outfit ganz aufs gesungene Wort konzentrierte Psycho-Drama nahm in Anwesenheit von Bundeskanzlerin und Bundestagspräsident unheilkündend immer im Halbdunkel seinen Mord auf Mord häufenden Verlauf.

In wesentlichen Details unterscheidet sich Chéreaus vom ersten Moment an packende Inszenierung von allen anderen Elektras. Klytamnestra stürzt nach ihren gellenden Todesschreien im unsichtbaren Back-Stage sterbend heraus auf die Bühne. Ihr böser Ehebruchs-Gatte Ägisth kringelt sich prompt ohne Fremdeinwirkung tot zu dieser sonst nie bühnenpräsenten Leiche. Dafür taucht Orest am Schluss noch einmal auf und quert einsam und verlassen die Toten-Walstatt, dieweil seine um die ersehnte Rachetat gebrachte Schwester Elektra zwar kurz mal ekstatisch zuckt und zuckelt, um sich, „schweige und tanz!“, unter der „Last des Glücks“ wie versteinert als Untote hinzusetzen.

Diese Reprise ist musikalisch noch besser als das Original. In Aix dirigierte Esa-Pekka Salonen das Orchestre de Paris. In Berlin bei der Staatskapelle unter Barenboim klingt Strauss‘ Klangrausch feinnerviger, exzessiver, tosender, aber auch berückend lyrischer, kontraststärker.

Mütterlich wohlgesonnen

Die drei Frauen sind noch die gleichen wie in Aix: die nun betont samten warmtimbriert allen Isoldes und Elektras entwachsene Waltraut Meier als mütterlich wohlgesonnene Klytamnestra; die expressionistisch todessüchtige Evelyn Herlitzius als Elektra; die nur überleben wollende Adrianne Pieczonka als Chrysothemis. Michael Volle übertrifft als unaufgeregter Orest seinen Aixer Kollegen Mikhail Petrenko um Klassen.

Und dann, eine kleine Sensation, die Besetzung der Nebenrollen: die Berliner Hausstars Katharina Kammerloher und Anna Samuil als dritte und vierte Magd von rechts. Und, noch doller, Sopran-Weltstar Cheryl Studer als nur ein paar Takte singen müssende Aufseherin, der auf die 90 zugehende Franz Mazura als Orest-Pfleger und Donald MacIntyre als alter Diener – er war, vor 40 Jahren, der Wotan in Chéreaus Bayreuther Jahrhundert-„Ring“.

Christoph Müller

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26.10.2016, 06:00 Uhr

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