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Deutsch-amerikanische Überfahrt

Emanuel Leutze, ein Schwabe, malte eine der Ikonen der Vereinigten Staaten

Das Historiengemälde „Washington überquert den Delaware“ gehört zu den Ikonen der amerikanischen Nation. Aber gemalt hat es der vor 200 Jahren in Württemberg geborene Emanuel Leutze.

09.04.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Schwäbisch Gmünd. Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg tobt. Im eisigen Winter 1776, es ist der 25. Dezember, überquert George Washington mit seiner schwer dezimierten Rebellenarmee den Fluss Delaware, um die überlegenen Truppen der britischen Kolonialherren zu überraschen - und sie dann in der Schlacht bei Trenton zu schlagen. Es ist eine Sternstunde der frühen US-Geschichte, ein Fanal: Der Siegeszug der Aufständischen beginnt. 1789 wird Washington, der Feldherr und Plantagenbesitzer aus Virginia, zum ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt.

Das Historiengemälde „Washington Crossing the Delaware“ - 3,8 auf 6,5 Meter groß - hält diesen Moment fest: Unbeirrbar, selbstbewusst, zur Tat entschlossen, den Blick nach vorne gerichtet, steht der Oberbefehlshaber im Boot, das seine Männer durch Eisschollen ans andere Ufer rudern. Das Großformat gehört zu den Ikonen der amerikanischen Nation, es hängt in New York, im Metropolitan Museum of Art. Aber was man weniger weiß: Gemalt hat es ein Künstler aus dem Schwäbischen, nämlich der vor 200 Jahren in Schwäbisch Gmünd geborene Emanuel Leutze.

Und der war wirklich nicht dabei, als George Washington den Delaware überquerte. Das ist bei Historienmalern - siehe Preußens Friedrich-II.-Experte Adolph Menzel - freilich so üblich. Leutze hat das Bild (in drei Versionen) auch nicht in den Staaten, sondern in Deutschland zwischen 1849 und 1851 geschaffen, und zwar in Düsseldorf, wo er an der Kunstakademie studiert hatte und sich als Maler niederließ und auch eine Familie gründete. Kunsthistoriker spekulieren sogar darüber, ob diese Landschaft am Delaware nicht Ähnlichkeit habe mit dem Rheinufer bei Meerbusch oder Kaiserswerth.

Wobei Leutze, der freiheitlich gesinnte Demokrat, aus Enttäuschung über die gescheiterte 1848er-Revolution in seiner Heimat das so amerikanische Gemälde „Washington Crossing the Delaware“ sowieso mit patriotischer Gesinnung auch für die Deutschen malte: als Appell an seine Mitbürger, „in hoffnungsloser Situation nicht von den revolutionären Ideen abzulassen und selbst in verzweifelter Lage dafür weiterzukämpfen“. So erklärt sich Joachim Haller überzeugend die Entstehungsgeschichte in seinem Beitrag für den Katalog „Emanuel Leutze - Leben und Werk“ zur aktuellen Sonderausstellung im Museum im Prediger in Schwäbisch Gmünd. Man kann dort jetzt zweierlei entdecken: eine außergewöhnliche Künstlerbiografie und einen bedeutenden, einfühlsamen, technisch vorzüglichen Maler (und feinen Zeichner) des romantisch-realistischen 19. Jahrhunderts.

Emanuel Gottlob Leutze kommt am 24. Mai 1816 als Sohn eines Kammmachers in Gmünd auf die Welt. Als er neun Jahre alt ist, wandert die Familie wie viele Deutsche nach Amerika aus, in der Hoffnung, ein besseres Leben zu finden. Sie lassen sich in Philadelphia nieder - dort, wo 1776 die amerikanische Unabhängigkeitserklärung verkündet wurde. Der Vater stirbt früh, der hoch talentierte Leutze erhält Zeichenunterricht, zieht herum als Porträtmaler. Aber er hat Größeres vor, schifft sich nach Deutschland ein, um bei Wilhelm von Schadow zu studieren. Leutze reist viel, hält sich lange in Italien auf, lernt die alten Meister kennen und ist - das zeigt sein Werk - fasziniert von Tizian. Er besucht mehrmals die schwäbische Heimat, schließt Freundschaft mit Julius Erhard, dem Sohn eines Gmünder Kommerzienrats.

Leutze reift zur bedeutenden Persönlichkeit, erntet Ruhm als Historienmaler und Porträtist, er wird später zum Professor der königlich-preußischen Kunstakademie in Düsseldorf berufen. Aber er kreuzt mehrmals den Atlantik. 1851 bringt er „Washington Crossing the Delaware“ nach New York, verkauft das Bild für die damals stolze Summe von 10 000 Dollar, kehrt aber 1852 wieder nach Düsseldorf zurück, weil ihn der US-Kongress zu keinem weiteren Historiengemälde beauftragt hat.

Und doch: „Ich bin zu viel Amerikaner, Republikaner, als dass ich dazu geeignet wäre, für die deutschen Großen zu malen“, schreibt Leutze 1858 seinem Freund Erhard nach Schwäbisch Gmünd. „In Deutschland blühen meine Rosen doch mal nicht.“ Leutze, der Liberale, übersiedelt endgültig in die Vereinigten Staaten, wird 1860 Mitglied in der National Academy of Design in New York. 1861 erhält er dann den größten Auftrag seines Lebens: ein Wandbild für das Kapitol in Washington - „Westward Ho!“. Dafür erkundete er auch die Rocky Mountains und Indianerreservate. 1868 stirbt Leutze in New York: ein patriotischer Deutsch-Amerikaner.

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09.04.2016, 01:07 Uhr

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