Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
"Das war ein toller Mann"

Emotionaler Abschied von Helmut Schmidt

Mit Respekt, Bewunderung und viel Zuneigung nehmen die Hamburger Abschied von Helmut Schmidt. Auch rote Herzen und ein Kuscheltier liegen am Grundstück des zu Lebzeiten so energischen Politikers.

12.11.2015
  • BERNHARD SPENGLER, DPA

Die Hanseaten gelten als kühl. Aber von "ihrem" Bundeskanzler Helmut Schmidt nehmen sie sehr emotional Abschied. Vor dem Rathaus reihen sich am Mittwoch Hunderte bei Nieselregen in lange Schlangen ein, um sich ins Kondolenzbuch einzutragen. Viele kommen aber auch zum Haus des im Alter von 96 Jahren gestorbenen SPD-Politikers im Hamburger Norden und legen am Gartenzaun Blumen nieder oder zünden Kerzen an - oft mit Tränen in den Augen.

"Das war ein toller Mann", sagt Barbara Piel unter Schluchzen. Sie hat auf dem Fahrrad-Kindersitz ihren anderthalbjährigen Sohn dabei. Zusammen haben sie einen Teddybären ausgesucht, der jetzt vor dem Zaun des Grundstücks liegt. Die 38-Jährige war ein großer Fan des "Hamburger Jung", wie sie Schmidt bezeichnet.

"Ich bin kein Sozi", bekennt ein 76-jähriger Nachbar. Aber seine Bewunderung für Schmidt sei ebenfalls riesengroß. "Was er gemacht hat, hatte Hand und Fuß", sagt er. Wie viele Bewohner von Hamburg-Langenhorn traf er Helmut Schmidt und seine Frau Loki oft beim Spazierengehen oder Einkaufen. Und: "Wir hatten denselben Friseur."

Die Biologielehrerin Barbara Paulsen ist vor Beginn des Unterrichts noch schnell vorbeigekommen, um einen Strauß roter Rosen niederzulegen. Sie kann sich erinnern, wie die Terroranschläge der RAF Deutschland erschütterten. "Ich habe verfolgt, wie Helmut Schmidt damit umgegangen ist." Er habe viel für Deutschland erreicht, meint sie.

Helmut Schmidt hatte aber auch Kritiker und Gegner, wie durch ein Schriftstück in Klarsichthülle am Zaun deutlich wird. Fein säuberlich hat jemand die Dienstränge des ehemaligen Wehrmachtssoldaten aufgelistet und an positive Beurteilungen durch Vorgesetzte in der NS-Zeit erinnert. Daneben ist ein Bild von Schmidt in Uniform zu sehen.

Niemand nimmt die Zettel weg. Aber es zeigt sich auch niemand davon beeindruckt. "Er ist damals ein ganz junger Mann gewesen", sagt die Biologielehrerin Paulsen. "Das schmälert seine Verdienste nicht." Ralf Heine erinnert daran, dass Langenhorn nach dem Krieg ein Stadtteil mit Arbeitern und Flüchtlingen war. Der 55-Jährige ist selbst in einer sogenannten Nissenhütte aufgewachsen. Als Schüler brachte er den Schmidts täglich die Zeitung. Zu Weihnachten klingelte er am Haus, um den Weihnachtskalender des "Hamburger Abendblatts" abzugeben. "Ich habe dann von Loki immer fünf Mark Trinkgeld bekommen", erinnert er sich.

Der ehemalige Zeitungsjunge ist heute selbstständiger Spediteur. Er hat sich extra freigenommen, um vor dem Haus der Schmidts einen Brief niederzulegen. "Sie als Mensch, als Langenhorner, werden immer in meinem Herzen bleiben", hat er dem Verstorbenen geschrieben. "Ich verneige mich vor Ihnen."

Die Chinesin Jiayi Li wohnt seit 20 Jahren in Deutschland und radelt täglich auf dem Weg zur Arbeit an dem Haus vorbei. Dass der Altkanzler in einem einfachen Reihenhaus gelebt hat, kann sie gar nicht fassen. "Das ist wirklich sehr unglaublich." Li ist in Peking aufgewachsen, Enkelkinder des Reformers Deng Xiaoping gingen auf ihre Schule. Sie wisse, wie gut die geschützt wurden. "Ist das wirklich nur ein Reihenhaus?", fragt sie mit Blick auf das Grundstück.

Achim Kleiner und Frauke Hase, beide Lehrer an der nahegelegenen Grundschule Neuberger Weg, haben ihrer ersten Klasse am Morgen von Helmut Schmidt erzählt. Die sechs und sieben Jahre alten Kinder haben Herzen aus rotem Papier geschnitten und "Helmut Schmidt - Danke - Tschüss" draufgeschrieben, die sie nun an den Jägerzaun hängen. Wissen sie, wer Helmut Schmidt war? "Ja, er hat die Menschen vor der Flut gerettet", rufen die Grundschüler.

Auch in zahlreichen anderen Städten nahmen die Menschen an verschiedenen Orten Abschied von Helmut Schmidt. Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) trugen sich am Vormittag im Berliner Kanzleramt in ein Beileidsbuch ein, das vor einem Ölbild des verstorbenen Altkanzlers lag. "In tiefer Trauer und Respekt vor einem großen Staatsmann", schrieb Merkel.

Wann die Trauerfeier stattfindet, war zunächst noch unklar. Gauck ordnete einen Staatsakt an.

Emotionaler Abschied von Helmut Schmidt
Schlangen vor dem Hamburger Rathaus: Geduldig warten die Menschen, um sich mit Eintrag ins Kondolenzbuch von Helmut Schmidt zu verabschieden. Foto: afp

Emotionaler Abschied von Helmut Schmidt
Blumen, Kerzen und viele Dankesschreiben: Vor dem Haus des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt in Hamburg bekunden Hunderte ihre Anteilnahme. Schmidt war am Dienstag im Alter von 96 Jahren verstorben. In vielen Städten liegen Kondolenzbücher aus.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

12.11.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball