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Hilfe, mein Hirn friert!

Ende März alleine auf dem Campingplatz: ein Selbstversuch als Erstzelter

Seit Gründonnerstag ist der Neckar-Campingplatz in Tübingen geöffnet. Doch kann man dort wirklich schon zelten? TAGBLATT-Mitarbeiterin Lara Janssen probierte es aus.

10.04.2016
  • Lara Janssen

Wagemutig recken die kleinen Gänseblümchen ihre noch geschlossenen Knospen empor und besprenkeln die Wiese mit rosa-weißen Farbtupfern. Die feucht- kalte Luft scheint sie davon abzuhalten, ihre gelbe Mitte zu enthüllen. Umzingelt von einem kleinen Schwarm schwarzer Fliegen ragen zwei wackere Thujen über ihnen empor. Die beiden Bäume sollen mich diese Nacht beschützen: Neben ihnen schlage ich mein geliehenes Zelt auf.

Leise fluchend schiebe ich die erste Zeltstange prompt in die falsche Schlaufe. Mir ist, als würden die Thujen leise lachen. Doch nach einiger Anstrengung blicke ich ein bisschen stolz auf die stehende Behausung. Die Heringe stehen zwar stolperträchtig weit aus dem Boden hervor, doch ein Gutes hat es, den Zeltplatz alleine zu bewohnen: Außer mir kann niemand darüber stolpern.

Für eine kurze Verschnaufpause setze ich mich auf eine mitgebrachte Plastiktüte und genieße die Abgeschiedenheit. Der Neckar plätschert in nächster Nähe und die Vögel zwitschern ein Abendlied. Doch ich fröstel bereits. Also auf zur Gaststätte.

Mit den Campern ist es wie eine große Familie

Petra Henne wischt gerade mit Schmackes über einen der Holztische. „Jeder zweite hat hier Grippe“, begrüßt sie mich mit einem Lachen. In der mollig warmen, mit Holz vertäfelten Gaststube genieße ich ein frisch gezapftes Bier und die angenehme Gesellschaft der beiden bodenständigen Betreiber des Campingplatzes: Petra und Thomas Henne. Die beiden Tübinger übernahmen den Laden 2003. Sie lebten zu dem Zeitpunkt in der Altstadt, hatten sichere Jobs im öffentlichen Dienst und gehörten seit zwei Jahren zu den Wochen-end-Campern auf dem Neckarcampingplatz. Dann hörten die damaligen Betreiber auf und suchten einen Nachfolger: „Es war ein Sprung ins kalte Wasser“, sagt Petra Henne, „aber wir haben es nie bereut.“

Im Auftrag des Bürger- und Verkehrsvereins kümmern sie sich seitdem um den gesamten Platz. Die Gaststätte hat Thomas Henne gepachtet und bekocht seine Gäste mit hausgemachter schwäbischer Küche. Von März bis Oktober bieten sie 40 Stellplätze für Dauercamper, dazu genügend Platz für Radler, Kulturgäste, die nur ein, zwei Nächte bleiben oder auch Pilgerer auf dem langen Weg nach Rom.

„So viele verschiedene Menschen kennenzulernen und mit ihnen umzugehen hält im Kopf jung“, sagt die 58-Jährige, „es ist immer was los.“ Und ihr Mann ergänzt: „Mit den Dauercampern ist es wie in einer großen Familie. Oder auch wie in einem kleinen Dorf.“ Die beiden, die in einem blauen Haus auf dem Platz wohnen, haben pro Jahr fünf Monate Urlaub. Dann besuchen sie Kinder, Enkelkinder und Freunde oder machen Reisen nach Kuba oder Kenia. „Der Winter geht flugs vorüber. Wir holen quasi alles nach. Im Sommer sind wir schließlich rund um die Uhr am Arbeiten“, sagt die Hausherrin. Allerdings ist heute nichts los. In der Kneipe bin ich der einzige Gast. Es gab schon erste hartgesonnene Camper über das Eröffnungswochenende an Ostern, doch momentan sind nur Dauercamper da, die sich anscheinend lieber in ihren Wägen einmummeln.

Dazwischen ein knisterndes Geräusch

Um 21 Uhr schließt Thomas Henne die Küche, und ich begebe mich raus in die Dunkelheit. Alles ist still. Als ich in meinen Schlafsack krieche und meine Behausung betrachte, lächle ich: Die gekreuzten Zeltstangen zeichnen sich im Licht der Laterne durch die weiße Plane ab, als wäre das Zelt mein persönlicher kleiner Palast. Eine halbe Stunde später ist mir das Lächeln vergangen. Stattdessen zittere ich. Wie eine modrige, feuchtklamme Umarmung erscheint mir die mich umgebende Luft. Eisige Kälte zieht mir in die Glieder und Knochen. Dazwischen ein scharrendes, knisterndes Geräusch, das unangenehme Phantasien von Spinnen und Ratten aufleben lässt. Nicht verrückt werden, mahne ich mich. Ein Glockenläuten verweist auf die nächste verstrichene Stunde, und es kühlt weiter runter.

Ob es wohl stimmt, dass es wärmer ist, wenn man nackt im Schlafsack liegt, grübele ich und probiere es aus. Nein. Schnell wieder rein in die Klamotten. Sehnsuchtsvoll denke ich an die warme Gaststube zurück. Trotz meiner langen Haare friert mein Schädel. Ich wickle einen provisorischen Turban aus meinem Schal und versuche zu schlafen.

Noch lange ehe der Morgen dämmert, dämmert mir, dass ich als verwöhntes Stadtkind den schlappen sechs Grad nicht gewappnet bin. Mein gefrostetes Hirn ist weit davon entfernt, sich in einsamer Naturverbundenheit philosophischer Einkehr hinzugeben. Und so ziehen sich die Stunden. Als das dumpfe Tönen der Glocken verkündet, dass es drei Uhr Nacht geschlagen hat, fasse ich kurzerhand einen Entschluss: Hinfort! Die Pforte wird erst um 8 Uhr früh geöffnet, doch Fußgänger hält nichts auf. Kurzerhand schultere ich meinen Rucksack und begebe mich auf eine Nachtwanderung.

Die anstehende Stunde Fußmarsch gibt mir genügend Zeit, mich kräftig zu wundern, auf was für Schnapsideen die Janssens beizeiten kommen. Doch zumindest ist ein gefrostetes Hirn kein gefrustetes: In dieser Nacht habe ich den Strahl einer heißen Dusche und das anschmiegsame, mollige Gefühl eines weichen warmen Bettes wieder sehr zu schätzen gelernt. Bild: Metz

Campingplatz mit Solarthermie-Anlage

Der Neckar-Campingplatz gegenüber vom Freibad bietet neben einer Gaststätte mit hausgemachter schwäbischer Küche einen Spielplatz für Kinder, Tischtennisplatten, kostenloses WLAN und einen Fahrradverleih. Die sauberen Sanitäranlagen sind ökologisch ausgerichtet: Eine Solarthermie-Anlage sorgt für eine umweltfreundliche Wasseraufbereitung. Eine frei nutzbare Küche sowie eine Waschküche mit Waschmaschine und Trockner sind vorhanden. Der Platz ist zudem behindertengerecht. Vom 24. März bis 31. Oktober ist täglich von 8 bis 22 Uhr geöffnet. Von 12. 30 bis 14. 30 Uhr ist Mittagsruhe. Reservierungen sind nicht nötig. In der Hauptsaison von Mai bis September kostet eine Nacht pro Erwachsenen 7 Euro, und je Zelt 6, 20 Euro. Kinder zahlen 4, 80 Euro. Auf Bestellung gibt es morgens frische Brötchen.

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10.04.2016, 01:00 Uhr

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