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An der griechisch-mazedonischen Grenze können 1500 Flüchtlinge nicht vor und nicht zurück

Endstation Idomeni

Die Westbalkanstaaten schließen ihre Grenzen für Flüchtlinge. Meist dürfen nur noch Syrer, Iraker und Afghanen durch. Alle anderen sitzen bei Regen und Kälte fest - ohne Chance auf Weiterreise.

28.11.2015
  • NORBERT MAPPES-NIEDIEK

Sieben Grad zeigt das Thermometer. Schon seit der Nacht regnet es unerbittlich. Die Iglu-Zelte auf den Bahngleisen halten noch. Die etwas abseits, in einem kleinen Graben aufgeschlagenen, sind schlapp und eingedrückt in riesigen Pfützen verschwunden. Der Schlamm macht das Feld fast unpassierbar. Nur über Steine kann man noch hüpfen. Alle, und das sind heute an die 1500 Menschen, haben sich unter notdürftig gespannten Zeltplanen versammelt und reißen alle paar Minuten die Arme hoch, um das Wasser wegzudrücken. Alle bis auf die, die im Regen anstehen müssen für Decken und Taschen.

Und bis auf die Iraner. Ganz vorne, gleich vor der mazedonischen Polizei, steht ein Mann und ruft Parolen. "Iraner, Pakistani, alle hierher." Drei Dutzend junge Männer sind dem Ruf gefolgt, sitzen ergeben auf den Eisenbahnschienen und lassen sich befehlen, aufzustehen und wieder hinzusetzen. Ein junger Mann mit Bart und großen Augen kann ein bisschen Englisch. Er zittert am ganzen Leib. "Not Doktor", sagt er. "I die here": Hier sterbe ich. Minuten später fassen ihn seine Gefährten und schleppen ihn zum Zelt der Ärzte ohne Grenzen.

Mazedonien ist zu. Am Mittwoch der vergangenen Woche hat die Regierung erklärt, dass Menschen aus Marokko, Sri Lanka, dem Sudan, Nigeria, Pakistan und dem Kongo ab sofort nicht mehr durchgelassen werden. Noch in der gleichen Nacht erklärten Serbien und Kroatien, nur noch Syrer, Iraker und Afghanen durchlassen zu wollen. De facto lässt seither auch Mazedonien nur noch Bürger dieser drei Länder durch. "Wirtschaftsflüchtlinge werden abgewiesen", lauteten die meisten Schlagzeilen.

Immer noch kommen an der Grenze bei Idomeni im Stundentakt Busse aus Athen an. Meist sind es Familien, die aussteigen, manchmal feste Freundesgruppen von jungen Männern, alle ähnlich gekleidet und ausgerüstet, viele mit festen Schuhen. Sie schleppen ihr Gepäck zum Ankunftszelt. Eine Frau hat ihren drei Kindern ihre Wolldecke über die Köpfe gelegt, sie stapfen durch die Pfützen wie ein dreiköpfiges Gespenst.

Familie Kademi hat sich erst vor zwei Wochen aus Teheran aufgemacht. "Wir sind Christen", sagt Vater Eli. Seine Frau hält mit Mühe die Tränen zurück, die zehnjährige Tochter mit den schwarzen Zöpfen schaut zu Boden. Gekommen sind sie, weil sie schon ahnten, dass es nicht mehr lange gutgehen würde, gibt Eli zu. Nun sind sie eine Woche zu spät dran.

Ein paar Meter hinter den protestierenden Iranern herrschen Stille und Depression. Masai, ein gedrungener, auffällig hellhäutiger Mann aus Eritrea, ist schon seit zwölf Tagen hier. Das ist Rekord. Mit jedem Tag ist es kälter und nässer geworden. Seine Familie, sechs Leute, ist seit einem halben Jahr in Deutschland. Al-ten-ber-rek sagt Masai und meint wahrscheinlich Altenberg in Sachsen. Eine Gruppe junger Männer aus Marrakesch will ebenfalls "hier sterben". Aber dann erkundigt sich einer von ihnen doch, was man denn jetzt tun könnte. Mourir à Idomeni? Dann vielleicht doch besser zurück nach Marrakesch. "Das hat 3000 Euro gekostet", wirft sein Kumpel ein. "Dafür muss man in Marokko zwei Jahre arbeiten."

Niemand hat ihnen etwas gesagt. 3000 Euro, das ist auch das, was die Familie Kademi ausgegeben hat - mit Autos und Kleinbussen von Teheran durch Anatolien, dann noch einmal für 1000 Euro auf das Plastikfloß von der Türkei auf die griechische Insel Kos. Auf einmal geht es nicht mehr weiter, Ende der Reise. "Auch jetzt sagt uns niemand etwas", schimpft Touman, ein Kongolese, der mit seinen 38 Jahren zu den Älteren gehört. "Was sollen wir tun? Jetzt, wo es nicht mehr weitergeht?" Touman ist nach Istanbul geflogen. Jetzt ist das Geld alle.

Helfer gibt es hier etliche - vom Roten Kreuz, von den Ärzten ohne Grenzen, von griechischen Hilfsorganisationen. Die einen haben Kleider, die anderen etwas zu essen, die dritten Medikamente. Für vieles ist gesorgt. Guter Rat aber ist niemandes Job. "Wir erklären den Leuten auf Nachfrage, wie sie Asyl in Griechenland beantragen können", sagt die Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks auf der mazedonischen Seite. Das Wort "Asyl" allerdings kennt in Idomeni nur eine Minderheit, auch über Fluchtgründe bekommt man nur spärlich Auskunft. "Ich bin Christ", sagt Yusef, ein 23-jähriger Buchhalter, "und Christen haben es bei uns in Pakistan schwer". Touman, der Kongolese, bringt vor: "Bei uns können Sie alle Politiker vergessen." Seinen Vater haben die Leute von Kabila erschossen. Nein, nicht im Bürgerkrieg, danach, "einfach so".

Dass Syrer, Iraker, Afghanen als Kriegsflüchtlinge durchdürfen, alle anderen aber nicht, ist nach den Regeln der Genfer Flüchtlingskonvention tatsächlich nicht in Ordnung. Jeder, der an die Grenze eines Landes kommt und um Asyl ersucht, muss eingelassen werden und hat das Recht auf ein Verfahren. Sogar das flüchtlingsfeindliche Ungarn hält sich daran, formal wenigstens: Der Zaun an der Grenze zu Serbien hat immerhin Tore, durch die jeder darf, der "Asyl" sagt - nur endet das Verfahren in Ungarn nach spätestens 24 Stunden in 100 Prozent der Fälle mit einer Ablehnung. In Deutschland bekommen Bewerber aus "sicheren Herkunftsländern" zwar ein verkürztes, aber immerhin ein ordentliches Verfahren. Und sogar Viktor Orbán weiß, dass "weiße Listen" von Ländern, deren Bürger gar nicht erst um Asyl ersuchen dürfen, nach internationaler Rechtsprechung verboten sind.

Die Iraner, die hier eine der größeren Gruppe ausmachen, hätten in Deutschland gute Chancen oder würden wenigstens nicht abgeschoben - wenn sie nicht an der mazedonischen Grenze aufgehalten würden. Die "Schutzquote" für Iraner liegt in Deutschland bei 52 Prozent und damit sogar höher als die Afghanen. Auch Masai aus Eritrea dürfte bleiben, wenn er es nach Deutschland schaffen würde: In die härteste Diktatur Afrikas wird niemand abgeschoben. Deutschland hält sich ans Völkerrecht. Auf dem Feld von Idomeni nützt Masai das nichts.

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28.11.2015, 08:30 Uhr

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