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EEG-Umlage: Strompreis steigt „moderat“

Energiewende: Palmer gibt Gas, IHK bremst

Der gestern verkündete Aufschlag auf die EEG-Umlage wird den Strompreis weiter in die Höhe treiben. Daneben gibt es aber noch andere Faktoren, die den Strom verteuern. Deshalb kann Stadtwerke-Chef Achim Kötzle derzeit noch nicht sagen, wie viel die Tübinger im nächsten Jahr für die Elektrizität bezahlen müssen. Fürs Erste müssen sich seine Kunden mit der Auskunft begnügen: „Der Preis wird moderat steigen.“

15.10.2012
  • Sepp Wais

Tübingen. Die EEG-Umlage erhöht sich von 3,6 auf knapp 5,3 Cent pro Kilowattstunde. Bei einem durchschnittlichen Tübinger Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 2500 Kilowattstunden sorgt der Aufschlag um 1,7 Cent (plus Mehrwertsteuer) für jährliche Mehrkosten von etwa 50 Euro. Für Kötzle kein großes Drama: „Das sind gerade mal vier Euro im Monat – so viel wie ein Bier in der Wirtschaft.“ Diese Größenordnung, so meint Kötzle, könne man beim Stromverbrauch leicht einsparen. Im Übrigen findet er: „So viel muss uns die Energiewende wert sein.“

Energiewende: Palmer gibt Gas, IHK bremst
Der von den beiden Städten Tübingen und Horb betriebene Solarpark „Reute“ in Nordstetten ist das größte Sonnenkraftwerk in der Region. Die einen sehen darin die glänzende Zukunft der Energieversorgung, die anderen nur einen Irrweg, der den Strom unnötig verteuert. Archivbild: Kuball

Doch damit ist es wahrscheinlich nicht getan, schließlich stehen den Stadtwerken auch noch andere Kostensteigerungen ins Haus. Die EnBW will ihre Netzentgelte „um sechs bis sieben Prozent“ erhöhen, auch andere Netznutzungsentgelte werden verstärkt auf die Verbraucher umgelegt. Und schließlich plant die Bundesregierung noch eine neue „Off-Shore-Umlage“, mit der die Haftungsrisiken der Netzbetreiber den Stromkunden aufgeladen werden.

Für Kötzle sind das alles „externe Faktoren“, die er nicht beeinflussen kann. Drei Viertel des Endpreises, den die Stadtwerke bei den Stromabnehmern eintreiben, gehen auf Steuern, Umlagen und Netzentgelte zurück. Bleibt also lediglich ein Viertel, bei dem die Stadtwerke den Preis gestalten können. Das sind beim Tübinger „Haus- und Hoftarif“ von 23 Cent pro Kilowattstunde gerade mal sechs Cent, die auf den Stromeinkauf, den Vertrieb und eine angemessene Gewinnmarge entfallen.

Aus diesem letzten Viertel immerhin kann Kötzle „sehr Erfreuliches“ für seine Kundschaft berichten: „Die Preise an der Strombörse sind deutlich gesunken, wir haben bereits sehr günstig fürs nächste Jahr eingekauft.“ Dank dieser Entwicklung ist der für das Stromgeschäft zuständige Stadtwerke-Chef zuversichtlich, dass die anstehenden „Anpassungen“ der Tarife für die Verbraucher „moderat“ ausfallen.

Dass die Strompreise an der Börse fallen, kommt für OB Boris Palmer im neuerlichen Streit um die Energiewende viel zu kurz. Seiner Ansicht nach ist das vor allem dem Ökostrom zu verdanken, der zeitweise in solchen Mengen anfällt, dass die Preise spürbar nach unten gedrückt werden – so weit, dass die EEG-Umlage damit fast kompensiert wird. Oder andersherum: „Hätten wir die erneuerbaren Energien samt Umlage nicht, wäre der Strom aus den konventionellen Kraftwerken teurer.“ Auf lange Sicht, da ist sich Palmer sicher, „wird der Ökostrom billiger als der Strom aus fossilen Energieträgern.“ Deshalb seine klare Ansage: „Der Ausbau der Erneuerbaren darf auf keinen Fall gebremst werden.“

Was den grünen Oberbürgermeister bei der „aktuellen Stimmungsmache gegen die Energiewende“ besonders ärgert: „Es wird unterschlagen, dass die Zusatzbelastungen mehr mit der Politik als mit den erneuerbaren Energien zu tun haben.“ Konkret meint er damit den großzügigen Umgang mit den größten Stromverbrauchern. Mittlerweile wurden an die 2000 Betriebe und damit fast die Hälfte des gesamten Industriestroms von der Umlage befreit – auf Kosten aller anderen Verbraucher, die entsprechend mehr bezahlen müssen. Für Palmer „eine ganz falsche Politik“.

Diese Art der Argumentation gefällt Stefan Engelhard, bei der Reutlinger Industrie- und Handelskammer für Umwelt und Innovation zuständig, ganz und gar nicht. Er schätzt, dass von den 39 000 Betrieben im Kammerbezirk etwa ein Dutzend Großverbraucher die Umlage nicht bezahlen müssen. Das ist seiner Ansicht nach richtig und wichtig – und „kein Grund, die Firmen in solche und solche einzuteilen und auseinanderzudividieren“. Denn am entscheidenden Punkt seien sich alle Unternehmer einig: „Wir brauchen attraktive Energiepreise.“

Die Erhöhung der EEG-Umlage, so meint Engelhard, ist für die Wirtschaft „schon noch zu verkraften – da helfen wir als Kammer auch gerne mit, entsprechende Spar- und Effizienzpotenziale auszuschöpfen“. Aber viel dürfe man den Betrieben nicht mehr zumuten: „Wie im sozialen Bereich ist inzwischen auch in zahlreichen Unternehmen, die im Wettbewerb stehen, die Belastungsgrenze erreicht.“ Deshalb Engelhards Rat an die Politik: „Wir wollen die Energiewende nicht stoppen, aber wir müssen das richtige Tempo finden – und Fehlentwicklungen korrigieren, wo es zu teuer wird.“

Die EEG-Umlage ist das wichtigste Instrument für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Weil Wind-, Solar- und Biogasanlagen (bislang) nicht so billig produzieren können wie Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke, garantiert der Staat fixe Abnahmepreise für den Ökostrom, die deutlich über dem Marktpreis liegen. Die Differenz zwischen beiden Preisen, also die Aufzahlung für den Ökostrom, wird auf alle Verbraucher umgelegt – mit Ausnahme der größten Stromfresser: Energieintensive Industriebetriebe bleiben (fast vollständig) von der Umlage verschont, ihr Anteil wird allen anderen Stromkunden aufgebürdet. Weil von dieser Regelung zuletzt immer mehr Betriebe profitierten, musste die Umlage für die übrigen Verbraucher zwangsläufig ansteigen. Daneben ist die jetzige Steigerung aber auch darauf zurückzuführen, dass immer mehr Ökostrom ins Netz eingespeist wird.

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15.10.2012, 12:00 Uhr

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