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Hospital zum Heiligen Geist besteht seit mindestens 650 Jahren

Eng verwoben mit der Stadt

Seit mindestens 650 Jahren ist das Hospital zum Heiligen Geist die bedeutendste soziale Einrichtung in Rottenburg. Das exakte Datum der Errichtung des Spittels ist allerdings nicht überliefert. In den erhaltenen Urkunden wird es erstmals 1361 genannt, rund 80 Jahre nach der Gründung der mittelalterlichen Stadt Rottenburg. Hauptaufgabe der Spitalstiftung war seit jeher die Versorgung der Armen. Doch auch reiche Bürger kauften sich ein, um sich einen sorgenfreien Lebensabend zu sichern.

23.10.2011
  • Karlheinz Geppert

Rottenburg. Nach einer Chronik aus dem 17. Jahrhundert wurde das Heilig-Geist-Spital von dem Rottenburger Kaplan und Leutpriester Konrad Hunger gegründet, der „im Jahre 1361 in die Spitalkirche einen Dreifaltigkeits-Altar gestiftet und darauf eine Kaplaneipfründe dotiert habe“. Auch in den Urkunden des Spitalarchivs wird das Hospital 1361 erstmals genannt. So gewährten ihm Schultheiß und Rat der Stadt am 4. April jenes Jahres das Recht, die Spitalpfründner zu beerben.

Ein Hospital, in Rottenburg seit alters her „dr Spittel“ genannt, war eine mit zumeist beträchtlichen Einnahmequellen ausgestattete Stiftung, deren Aufgaben vor allem, freilich nicht ausschließlich im Bereich der Armenversorgung lagen. In den meisten Spitälern wurden nicht nur Arme „um Gottes Willen“, das heißt umsonst, aufgenommen, sondern es konnten sich auch vermögende Bürger gegen Zahlung eines „Pfründgeldes“ einkaufen, um sich so einen sorgenfreien Lebensabend zu sichern.

Beten fürs Seelenheil der mildtätigen Spender

Die Rottenburger Hospitalgebäude entstanden im 14. Jahrhundert an einer Einfallstraße vor den Toren der eigentlichen Stadt. Zur so genannten Spitalvorstadt (im Zwickel zwischen Neckar und der heutigen Königstraße) gehörte mit dem „äußeren Bad“ auch eine Badstube mit Heilquelle, die ein Reutlinger Bürger 1394 dem Spital schenkte. An diese Schenkung knüpfte der Wohltäter die Bedingung, „daß die Pfleger des Spitals jedesmal am Samstag in der Fronfast jedem Siechen im Spital (ein) 1/2 Maß Wein und einen weißen Laib Brot“ zu geben hätten.

Die „erste und vorzüglichste“ Fürsorgeinstitution der Stadt erhielt im Laufe der Jahrhunderte weitere zahlreiche Stiftungen und Schenkungen, vor allem von Rottenburger Bürgern. So stiftete 1411 „Bernhard Wolf, Schultheiß zu Rottenburg 4 Morgen Akers, der Suppenacker genannt; auch seine anderen Güter mit der Verordnung, daß man alle Morgen, sonntags und werktags, den Spitälern eine Suppe reicht“. Für das Seelenheil der Stifter hatten die Hospitäler regelmäßig zu beten. Ein „Seelbüchlein“, das 1677 erneuert wurde, umfasste zirka 300 Wohltäter.

Eine weitere Quelle der Vermehrung des Spitalbesitzes bildeten die eingebrachten Vermögen, zumeist Liegenschaften der so genannten Gemeinen- und Sonderpfründer. Beispielsweise übergab 1498 „Dorothea Heppenhammer, Pfründnerin zu Weingarten, all ihr Vermögen namentlich auch das Riemenhaus und die Riemenscheuer dem Spital, damit ihr wahnsinniger Ehemann Jakob Rehm, Metzger, im Spital lebenslänglich gepflegt wird“. Im Laufe der Zeit wurde das Spital, das seit 1388 städtische Steuer- und Dienstfreiheit genoss, zum größten Vermögensträger und somit zum bedeutenden Wirtschaftsfaktor der Neckarstadt.

Das 16. Jahrhundert scheint die Zeit der wirtschaftlichen Blüte des Spitals gewesen zu sein. In diesem Jahrhundert, von 1560 bis 1562, erfolgte der lang geplante Abbruch und Neubau des Spitalgebäudes. Bei den Stadtbränden von 1644 und 1735, als jeweils fast alle links des Neckars gelegenen Häuser ein Raub der Flammen wurden, versanken auch Teile des Spitals in Schutt und Asche.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts war die „Wirtschaft des Spitals“, die „das allgemeine Schicksal theilend, viel durch Krieg, Brand und Hunger gelitten“ hatte, „in gänzlichen Zerfall“ geraten. Der Rottenburger Stadtpfarrer und Chronist Haßler charakterisierte die damalige Situation mit dem Bild, dass das Spital, „infolge der Schuld der Zeit und der Menschen einer brüchigen Zisterne glich, die kein Wasser mehr halten konnte“.

Es gab drei Klassen von Spitalbewohnern

Im Hospital zum Heiligen Geist lebten drei Klassen von Bewohnern: die Sonder-, die Gemeinen- und die Armenpfründner. Die letztgenannten wurden „aus gänzlicher Armuth unentgeltlich aufgenommen“; die Sonder- und Gemeinenpfründner kauften sich hingegen in das Spital ein.

Die Sonderpfründner verfügten über eigene geheizte Räume in der besten Wohnlage des Spitals im oberen Stock. Die Gemeinenpfründner erhielten entweder eine einzelne ungeheizte Kammer oder mussten diese mit zwei oder drei Spitälern teilen. Die „am wenigsten begünstigte Claße“, die Armen, „waren von der Gemeinschaft mit den Pfründern ganz abgesondert (…) und genoßen weit einfachere und geringere Kost“.

Die Funktionen – Alten- und Pflegeheim, Armen- und Waisenhaus – kennzeichneten das Spital bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, wobei wohl die Aufgabe als Armenasyl immer mehr in den Vordergrund rückte. Nach dem Übergang des ehemals vorderösterreichischen Rottenburgs an das neue Königreich Württemberg im Jahre 1806 kam das Spital 1808 unter staatliche Kontrolle. Nicht nur in der Verfassung und Verwaltung, sondern auch im inneren Spitalbetrieb wurden einschneidende Veränderungen vollzogen.

Es gab mehrere Ursache für diesen strukturellen Wandel. So war das Spital war einer bis ins Einzelne gehenden Staatsaufsicht unterworfen; der württembergische Staat strebte die Zentralisierung aller in seinem Hoheitsgebiet liegenden Armen-, Kirchen- und Schulstiftungen an.

Insbesondere aber gab es eine neue Sicht der Ursachen der Armut sowie ihrer Bekämpfung. Seit etwa 1820, dem Zeitpunkt, ab dem die Stadt Rottenburg im Zuge der neuerlangten kommunalen Selbstverwaltung das Spital wieder in eigener Regie übernahm, kam es zu einer restaurativen Entwicklung.

Die in der Folge praktizierte Selbstbewirtschaftung der Spitalgüter hatte auch weitgehende Wirkungen auf Arbeit und Leben im Spital. Die Agrar- und Hungerkrise von 1846/47 erforderte neue Reaktionsmuster, um die aufgetretene Massenarmut zu meistern. Die entscheidenden Impulse gingen jetzt, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Revolution von 1848, von den geistlichen (katholischen) Mitgliedern des für das Armenwesen verantwortlichen Stiftungsrates aus.

1852 wurde die katholische Frauenkongregation der Barmherzigen Schwestern mit der Betreuung des Spitals beauftragt, noch heute sind zwei Vinzentinerinnen aus dem Mutterhaus Untermarchtal hier tätig.

Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts gewann der Bereich der Krankenhausversorgung innerhalb des Spitals immer mehr Bedeutung. Schließlich wurde 1891 die große Spitalzehntscheuer am Neckar abgebrochen und an ihrer Stelle ein neues Krankenhaus gebaut, das 1892 den Betrieb aufnahm. Dieses Gebäude musste dem Krankenhausneubau von 1954 weichen, der in den Jahren 1987 bis 1989 durch einen großen Anbau erweitert wurde.

Die Hospitalstiftung liefert jetzt auch Schulessen

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Hospitalstiftung zahlreiche Anstrengungen unternommen, um sich den Herausforderungen der Gegenwart zu stellen. Das Krankenhauswesen und die Altenpolitik sind großen Veränderungen unterworfen und werden in wichtigen Bezügen ständig neu definiert.

Stichworte wie Gesundheitsreform, Pflegeversicherung und demografischer Wandel machen dies deutlich. Für die Verantwortlichen in Rottenburg bedeutete (und bedeutet) dies, die Einrichtungen der Hospitalstiftung in zeitgemäße Formen zu bringen. Von 1989 bis 1991 wurde das alte Krankenhaus saniert und umgebaut. Von 1990 bis 1992 dauerte die Errichtung des Pflegeheims „Haus am Neckar“; in den Jahren von 1996 bis 1998 wurde der Zentralküchenbau erstellt sowie das Altenpflegeheim Königstraße 57 erweitert.

2004 übernahm das Tübinger Universitätsklinikum den Betrieb des städtischen Krankenhauses, das jedoch Ende 2008 für immer die Pforten schließen musste und in ein weiteres Pflegeheim mit 61 Betten umgewandelt wurde. Ein zusätzlicher Betriebszweig der Hospitalstiftung ist seit vier Jahren die Essenslieferung an mittlerweile fünf städtische Schulmensen.

Info: Karlheinz Geppert ist Leiter des Rottenburger Kulturamtes. Seine Magisterarbeit über das Spital erschien 1999 auch in gebundener Form: „Arbeit statt Almosen. Der Rottenburger Spitalhof zum Hl. Geist im 19. Jahrhundert“; Verlag Sülchgauer Altertumsverein Rottenburg, ISBN 3-934718-04-3.

Eng verwoben mit der Stadt
Das Altenpflegeheim „Haus am Rammert“ in der Schadenweilerstraße gehört zu den Einrichtungen der Hospitalstiftung. Es wurde 2003 eröffnet. Archivbild: Mozer

Eng verwoben mit der Stadt
Um 1915 entstand dieses Foto, das drei Spittler im Innenhof des Spitals zeigt: von links nach rechts „Käfer“, Josef Biesinger und „Wadle“. Bild: Stadtarchiv

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23.10.2011, 12:00 Uhr

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