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Eigentum verpflichtet

Engagement tut gut

Natursteinpark Rongen – ein Unternehmen, in dem Menschen eine Beschäftigung finden, denen sonst keiner eine Chance gibt, in dem die Mitarbeiter sich sozial engagieren und dies bei Bedarf auch während der Arbeitszeit, das Kindergärten und Schulen im Kreis sowie Projekte und Menschen in fernen Ländern unterstützt, sauberen Strom und umweltverträgliche Hydraulik-Öle verwendet und Fairtrade-Kaffee aus Bioanbau für Mitarbeiter und Kunden bereithält – kann das wirtschaftlich erfolgreich sein?

25.07.2014
  • TEXT: Ghita Kramer-Höfer | FOTO: Ulrich Metz

Dass man mit alten Steinen Geld verdienen kann, war für Geschäftsführer Manuel Rongen nicht absehbar. Als er 1999 den noch jungen Natursteinpark Tübingen von Dieter Walcker übernahm, hoffte er, wirtschaftlich überleben zu können, mehr nicht. Heute hat er 14 Mitarbeiter, bildet Lehrlinge aus und darüber hinaus haben sich sechs Künstler im Umfeld des Natursteinparks angesiedelt.

Rongen kauft Steine auf, die wahlweise beim Abriss historischer Gebäude anfallen oder die bei Tiefbauarbeiten zutage gefördert werden. „Sie sind viel zu schade, um geschreddert und auf die Deponie gebracht zu werden“, sagt er. „Zum einen steckt in jedem bearbeiteten Stein enorme körperliche Arbeit, die erhalten werden sollte, zum anderen bewahren wir vor noch mehr sinnlosem Landschaftsverbrauch, in dem weniger neue Deponien gebaut werden müssen.“

Mit dem Vertrieb gebrauchter Steine hat Rongen eine Nische gefunden. »Anfangs mussten wir um die Steine bitten, die bei Abrissen frei wurden. Heute melden sich die Unternehmen bei uns, ob wir sie haben wollen«, freut er sich. Und von Anfang an fand Rongen auch begeisterte Abnehmer seiner „Schätze“, die teilweise vor mehreren hundert Jahren bearbeitet wurden.

Zu den Kunden zählen nicht nur Privatleute, die mit Natursteinmauern und historischen Torbögen und Brunnen Haus und Garten verschönern wollen. Besonders gefragt sind die Steine bei Restaurierungsarbeiten an historischen Gemäuern. „Viele Steine gibt es zwischenzeitlich nur noch bei uns“, weiß Rongen, „die entsprechenden Steinbrüche sind längst geschlossen“.

Anfangs zu zweit im Unternehmen, haben sie „geschafft wie die Brunnenputzer“ und benötigten bald einen weiteren Mitarbeiter. Erfolgreicher erster Bewerber war Vasilij Mordvanjuk, der, im Gegensatz zu seiner Frau, kein Wort deutsch sprach. „Zwei Monate lang lief seine Frau bei bitterer Kälte im Pelzmantel neben der Maschine her, die ihr Mann bediente, um für ihn zu übersetzen“, erzählt Rongen schmunzelnd. „Er klebte Zettel mit allen neuen Wörtern ins Führerhaus. Nach zwei Monaten hatte er die Sprache gelernt und seine Frau konnte zuhause bleiben. Noch ein Jahr, und Vasilij Mordvanjuk geht in Rente...“

Solche Geschichten gibt es viele im Unternehmen. Helfen gehört zur Tagesordnung, seien es nun Kindergärten oder Schulen, die für ein neues Biotop Steine oder Geld benötigen oder Menschen, die aus verschiedenen Gründen anderswo keine Arbeit oder Ausbildung finden. Nicht wenige im Natursteinpark-Team kennt Rongen vom SSC, dem multinationalen Tübinger Spiel- und Sportclub, den er 1988 mit Freunden gegründet hatte. „Einfach ist es nicht immer“, gibt Manuel Rongen zu, es gab auch Enttäuschungen, „aber das ist das Problem derer, die enttäuschen, nicht meins“, stellt er fest. „Helfen tut gut. Der Mensch ist schließlich ein soziales Wesen.“

Im Natursteinpark stehen Mensch und Umwelt im Vordergrund, nicht der Profit. Strom aus Wasserkraft, teures, biologisch abbaubares Hydrauliköl, Regenwasseraufbereitungsanlage, Dienst-E-Bike für die Mitarbeiter, Ökopapier im Büro und Biokaffee aus Fairtrade. Rongens Mitarbeiter engagieren sich in sozialen und kirchlichen Projekten und oft genug tun sie das während der Arbeitszeit – mit ausdrücklicher Erlaubnis des Chefs. „So muss das heute sein,“ sagt der. Sein costa-ricanischer Patensohn ist gerade für ein Jahr zu Gast in Rongens Familie und der Natursteinpark unterstützt in dessen Heimatland ein Projekt zur Erhaltung der Mangrovenwälder. Auf dem Natursteinpark-Gelände haben die Mitarbeiter verschiedene Biotope angelegt und in einem Bunker eine ganz auf die Bewohner zugeschnittene „Fledermauswohnung“ eingerichtet.

Wirtschaftlich hat man nichts davon

Macht dieses sozial ausgerichtete Denken ein Unternehmen erfolgreich? „Nein, natürlich nicht“, ist die klare Antwort von Manuel Rongen. „Wirtschaftlich hat man gar nichts davon. Wir können es uns leisten und der wirtschaftliche Erfolg ist die Grundvoraussetzung. Wer den hat, muss sich fragen: Brauche ich Millionen auf dem Konto oder reicht es nicht, wenn ich alle gut versorgt habe? Wenn dann etwas übrig ist, kann ich es spenden. Das geht heute einfach nicht mehr anders“, sagt der Unternehmer und ergänzt „wenn alle Firmen teilten, die sich das leisten können, hätten wir viele Probleme erledigt. Es ist ja ausreichend, wenn man mit 500 oder 1000 Euro hilft“, sagt er mit Überzeugungskraft. „Es sollte jeder ausprobieren, wie gut das tut!“

Das Unternehmen, das die Basis für dieses Engagement bildet, ist nahezu zu einem Selbstläufer geworden. Das Gelände im Schindhau allerdings, auf dem der Natursteinpark seine Heimat hat, darf ihn als ausgewiesenes Waldgebiet rechtlich nicht beherbergen, obwohl jahrzehntelang dort geduldet. Nun sucht Manuel Rongen, unterstützt von den Behörden, einen neuen Standort. In spätestens sechs Jahren muss er mit seinen 40 000 Tonnen Steinen umgezogen sein. Bisher ist jeder infrage kommende Standort gescheitert. Die Möglichkeit, dass er seinen Betrieb abwickeln muss, betrachtet Rongen als realistisch. Die Hoffnung auf einen guten Ausweichplatz, auf dem er auch den Künstlern wieder eine Heimat geben kann, bleibt dennoch. Schließlich „setzen wir uns für das ein, was alle Parteien im Programm stehen haben: für Wiederverwertung, Abfallvermeidung und Ressourcenschonung. Für jede Deponie gibt es eine Regelung, nur für uns nicht, da fehlen die Gesetze. Wir sind postmodern...“

Engagement tut gut
Ressourcen schonen und Abfall vermeiden: Der Tübinger Unternehmer Manuel Rongen handelt erfolgreich mit alten Steinen. Soziales Engagement ist ihm wichtig: „Helfen tut gut“, sagt er und wünscht sich Nachahmer.

Der Natursteinpark Rongen eröffnete 1992 auf dem ehemaligen Munitionslager der französischen Armee im Schindhau hinter dem Tübinger Bergfriedhof. Gegründet von Dieter Walcker, übernahm 1999 Manuel Rongen den Betrieb. Auf 20 000 Quadratmetern lagern heute 40 000 Tonnen gebrauchte, aber auch neue Steine. Natur- und Umweltschutz sowie soziales Engagement gehören zur Philosophie des Unternehmens mit 14 Mitarbeitern. Am Donnerstag, 3. Juli, wurde der Natursteinpark Rongen mit dem „Mittelstandspreis für soziale Verantwortung in Baden-Württemberg“ von Caritas und dem Ministerium für Finanzen und Wirtschaft für das große soziale Engagement aus 258 Bewerbern ausgewählt und als eines von fünf beispielhaften Unternehmen in der Kategorie bis 20 Beschäftigte ausgezeichnet.

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25.07.2014, 12:00 Uhr

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