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Moderner Sebastian Lotzer

Engagierte Glaubensappelle wurden ins heutige Deutsch übertragen

Flugschriften bildeten vor rund 500 Jahren das entscheidende Publikumsmedium für die Reformation. In der Freien Reichsstadt Memmingen stritt der aus Horb stammende Kürschner Sebastian Lotzer in den Jahren 1523/25 mit fünf Flugschriften leidenschaftlich für die Lehre Luthers. Jetzt liegen in einer Publikation des Historischen Vereins Memmingen seine engagierten Glaubensappelle in unser heutiges Deutsch übertragen vor.

06.11.2015

Horb. Fast alle bekannten Handwerkerflugschriften der Reformationszeit entstanden zwischen dem Frühjahr 1523 und dem Sommer 1525. Auffallend dabei ist, dass sich unter den zehn Verfassern gleich drei mit dem Beruf des Kürschners finden. Der bekannteste unter den Handwerkern dürfte neben Sebastian Lotzer der Nürnberger Schuhmacher Hans Sachs sein, der sich auch als Spruchdichter, Meistersinger und Dramatiker einen Namen gemacht hat.

Sebastian Lotzer ist dagegen einer der fast vergessenen Helden der deutschen Geschichte, die meist den Königen, Fürsten und Feldherren gerne Denkmäler gesetzt und die Rebellen, Aufklärer und Humanisten lieber vergessen hat. Huldrich Schmid, der Anführer des Baltringer Haufens, hat vor Ausbruch des Bauernkriegs den gebürtigen Horber nicht ohne Grund zu seinem Feldschreiber gemacht. Lotzer war theologisch gebildet und konnte daher die materiellen Forderungen der Bauern mit der religiösen Befreiung der Reformation verbinden. Er sprach die Sprache des gemeinen Mannes und kannte dessen Lage. Und er hatte offensichtlich zugleich revolutionäres Feuer und pragmatisches Augenmaß. Bereits mit seinen fünf Handwerkerflugschriften rief Lotzer die Gläubigen des 16. Jahrhunderts zur Überwindung von Habgier und sozialer Gleichgültigkeit auf, womit er bis in unsere Zeit maßgeblich hinein reicht.

Sebastian Lotzer war persönlich tief ergriffen von der Reformation. Er setzte Beruf und Existenz für seine Überzeugung aufs Spiel. Er kämpfte für eine neue, geistliche, theologische Gerechtigkeit. Lotzers Handwerkerflugschriften waren weit verbreitet zwischen Memmingen und Horb und beeinflussten das Denken seiner Zeitgenossen. Der Grundgedanke aller seiner Schriften ist es, die Menschen zur eigenständigen und genauen Lektüre der Bibel anzuregen.

Aber Sebastian Lotzer ist auch ein Kind seiner Zeit. Seine religiöse Überzeugung, das Verständnis der Bibellektüre und die Predigten der Reformatoren definieren die Grenzen seiner Welt. In die passt auch sein antijüdischer Eifer, denn es galt seiner Meinung nach mit der Heiligen Schrift gewappnet, nicht nur der Willkür der römisch-katholischen Kirche oder dem Heidentum gegenüber zu treten, sondern auch den Juden. An eine Freiheit des Individuums jenseits des christlichen Bekehrungseifers ist im Zeitalter der Reformation noch nicht zu denken.

Sebastian Lotzer ist bislang noch kein Held der deutschen Geschichte geworden. Er hat seinen Platz in der Geschichte der Handwerkerflugschriften der Reformationszeit und die von ihm verfassten Zwölf Artikel gelten als Meilenstein in der Geschichte der Menschen- und Freiheitsrechte.

Info: Die von Heide Ruszat-Ewig bearbeiteten und übertragenen Flugschriften sind unter dem Titel „Sebastian Lotzer. 5 Flugschriften aus der Reformationszeit? (ISBN 978-3-946241-09-6) vom Historischen Verein Memmingen herausgegeben worden und können über den Buchhandel oder direkt beim Historischen Verein Memmingen bezogen werden.

Jetzt liegen Sebastian Lotzers engagierte Glaubensappelle in unser heutiges Deutsch übertragen vor.Privatbild

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Erstellt:
6. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
6. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. November 2015, 12:00 Uhr

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