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Jazz

Entfesselter Archie Shepp in Ludwigshafen

Nur wenige Tage nach 9/11 gab der Jazz-Saxophonist Sonny Rollins in Boston ein gefeiertes Konzert. Rollins sah damals mit eigenen Augen die Türme des World Trade Center in sich zusammenstürzen. Der kurz danach stattfindende Live-Auftritt war ein Statement gegen den Stumpfsinn der Gewalt.

16.11.2015

Von ULRICH RÜDENAUER

Ludwigshafen Das Abschlusskonzert des inzwischen einen imposanten Ruf genießenden Enjoy Jazz Festivals fand in diesem Jahr in Ludwigshafen statt, am Samstag, wenige Stunden nur nach den Terroranschlägen von Paris. Zu Gast war einer der letzten großen Saxophonisten des Genres, Archie Shepp, der seit langem in Paris lebt, und begleitet wurde er von vornehmlich jungen französischen Musikern - seiner neu formatierten Attica Blues Big Band. Es war eine bewusste Entscheidung, das Konzert trotz und gerade wegen der in allen Köpfen präsenten Ereignisse über die Bühne des BASF-Feierabendhauses gehen zu lassen. Und der Abend wurde zu einer Sternstunde dieses zum 17. Mal stattfindenden Festivals, zu einem Höhepunkt in der Geschichte von Enjoy Jazz überhaupt: Der 78-jährige Tenorsaxophonist, Komponist und Sänger Archie Shepp und seine 26-köpfige Band ließen ein Album lebendig werden, das er 1972 als Reaktion auf den Aufstand im Attica Prison aufgenommen hatte, bei dem vornehmlich schwarze Gefangene getötet wurden.

Die Aktualität von "Attica Blues" ist unübersehbar. Es ist ein zwischen Swing, Blues und Broadway-Melodien changierendes Monument des Kampfes für Freiheit und Gerechtigkeit. Diese Stücke und einige mehr am 14. November 2015 aufzuführen, schien für die Musiker eine geradezu befreiende Wirkung zu haben: Entfesselt, spielfreudig, geradezu euphorisch war dieses Konzert; es löschte nicht das Wissen um die Gegenwart, sondern schien sie zu transzendieren, ihr Schönheit und Toleranz und Virtuosität entgegenzusetzen.

Mit seinem Special Guest Yasiin Bey aka Mos Def und dem Schlagzeuger Don Moye steigerte sich der vom Free Jazz kommende Archie Shepp in einen Rausch, entlockte seinem Saxophon die beseeltesten und wuchtigsten Kaskaden, konnte es an diesem Abend mit den allergrößten Bluessängern aufnehmen, ließ keinen Zweifel daran, dass die Kunst machtvoll und unbezwingbar ist.

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Erstellt:
16. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
16. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. November 2015, 12:00 Uhr

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