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Wickeln für die Brut

Entringer Rebstichler auf frischer Tat ertappt

Nanu, was wächst denn da am Weinstock? Schlanke Zigarillos etwa? Oder doch zierliche Dolmades, wie man sie vom griechischen Vorspeisenteller kennt? Nein, diese Weinblätter hat keine Köchin gerollt.

05.06.2015

Sie sind das Werk eines kleinen, schwarz-blau schillernden Käfers.

Rebenstecher ist sein Name. Manche nennen ihn auch Rebstecher, Rebstichler oder Zigarrenwickler. Auf Lateinisch heißt er Byctiscus betulae, er gehört zur Familie der Blattroller und wird nur fünf bis sieben Millimeter lang.

Manfred Klein fand ihn kürzlich an den Blättern der Weinstöcke, die an der Fassade und am Balkon seines Hauses im Entringer Haydnweg wachsen. Klein war ein bisschen sauer auf den Käfer. Schließlich hat der ihm die „besten Blätter für selbst gemachte Dolmades“ geklaut. Nur dass der Käfer, beziehungsweise die Käferweibchen, die Weinblätter vor dem Rollen nicht mit Reis oder Hackfleisch und Gewürzen füllen, sondern ihre Eier darin ablegen. Der Mundraub am Weinstock ist für die Tiere nichts anderes als Brutfürsorge.

Das welke Laub dient den Larven als Nahrung. Ein Käferweibchen schafft immerhin bis zu 30 Weinlaubzigarren. Dafür durchnagt sie zunächst einen Teil des Blattstiels, wodurch die Blätter anfangen zu welken. So lassen sie sich für die Käfer leichter aufwickeln. Beim Aufrollen legen die Käfer-Weibchen im Schnitt sechs Eier in die Schichten des Wickels. Damit die Rollen nicht wieder aufgehen, verschließen die Käfer das Ende der Wickel mit einem klebrigen Sekret. Zwei bis fünf Stunden benötigt das Weibchen für eine Zigarre.

Bevor Klein die Käfer-Dolmades von den Weinstöcken entfernte und die Käfer ablas, fotografierte er den Schädling nebst seinem Werk und schickte die Bilder ans TAGBLATT. Seine „Vergrämungsaktion“ habe Erfolg gehabt, sagte Klein wenig später am Telefon. „Ich habe keine Röllchen oder Käfer mehr gefunden.“

In hiesigen Weinbaukreisen ist der Rebstichler, wie er hier genannt wird, zwar bekannt. Er gilt im Gegensatz zum gefürchteten Traubenwickler aber nicht als bedrohlich. Es handele sich nur um einen „Gelegenheitsschädling“, sagt Richard Müller, bis vor kurzem noch Sprecher der Winzer im Landkreis Tübingen. Chemisch bekämpfen lässt sich der Rebstichler nicht. Im deutschen Weinbau ist kein Pflanzenschutzmittel gegen den Käfer zugelassen. Empfohlen wird daher das Absammeln der zusammengewickelten Blätter.

Über die Verwechslungsgefahr mit echten Dolmades steht in der einschlägigen Literatur dagegen nichts. Uschi Hahn

Entringer Rebstichler auf frischer Tat ertappt
Bis zu fünf Stunden wickelt das Rebstichler-Weibchen, bevor das Weinblatt so perfekt gerollt ist, wie am Weinstock von TAGBLATT-Leser Manfred Klein aus Entringen. Bild: Klein

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05.06.2015, 12:00 Uhr

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